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Bischof Kamphaus : „Ach ja, der Franz“

„Es kommt darauf an, ebenerdig zu reden; Stufen sind für behinderte Menschen vom Teufel” Bild: Marcus Kaufhold

Er hätte dem süßen Nichtstun frönen können, doch der emeritierte Bischof von Limburg lebt seit einem Jahr im St.-Vinzenz-Stift in Aulhausen unter Behinderten und Straffälligen. „Ich bin mit Menschen zusammen, von denen die meisten nicht sprechen können - und doch viel zu sagen haben.“ Kamphaus hat seinen Platz gefunden.

          Er steht, wo er oft gestanden hat, und spricht, wie er immer gesprochen hat: In freier Rede jedes Wort wägend, die Gedanken in kurzen Sätzen entfaltend und sparsam mit Gesten unterstreichend. So war der Mann schon als junger Professor in Münster zu erleben. So haben ihn in den vergangenen Jahrzehnten Hunderttausende hören wollen. So predigt er auch jetzt im Halbdunkel einer adventlich-zurückhaltend ausgeleuchteten Kirche. Keine hohe, spitz zulaufende Mütze macht den Mann größer, als er ist, auch den Stab hat er nicht mehr, an den er sich mit seinen mächtigen, zitternden Händen klammern könnte. Als wäre er von allem Ballast der Macht befreit, steht Franz Kamphaus in der Mitte des Altarraums. Nur das hölzerne Brustkreuz, das er einst aus demselben Balken des elterlichen Bauernhofes schnitzen ließ wie seinen Bischofsstab, hat Kamphaus nicht abgelegt. Er bleibt, wer er war. Deswegen ist er hier.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          „Macht euch bereit“, hatte der untersetzte Mann zu Beginn des Gottesdienstes von derselben Stelle aus gerufen, an der Kamphaus jetzt steht. Ein anderer hatte Sven diese Worte laut und deutlich vorgesagt. Sooft er sie vorsagte, so oft wurden sie wiederholt. Was es für Sven bedeutet, in die Rolle von Johannes dem Täufer zu schlüpfen, kann ein Außenstehender nur erahnen. Denn wie die meisten, die an diesem Vorabend des dritten Adventssonntags die Kirchenbänke füllen, kann Sven weder lesen noch schreiben. Aber er kann hören und das Gehörte wiedergeben. Andere können nicht nur sprechen, sondern auch singen, haben die Adventslieder Strophe um Strophe auswendig gelernt.

          „Die Nagelprobe auf die Menschlichkeit der Gesellschaft

          Als der Refrain „Freut euch, ihr Christen“ gesungen wird, ist kein Halten mehr. Viele klatschen begeistert in die Hände, manchen ist die Freude nur ins Gesicht geschrieben. „Die anderen haben Gott im Kopf, ich habe ihn im Herzen“, hatte Anna stellvertretend für alle gesagt, die heute Abend hier sind: Sven und Peter, der ein Solo singt, Heidi als Ministrantin und Boris, dessen Haut fast so dunkel ist wie die von Schwester Arasi aus Indien, dazu einige Angehörige und in der Mitte Franz Kamphaus, bis zum Februar 2007 Bischof von Limburg.

          Kamphaus war bis zum Februar 2007 Bischof von Limburg
          Kamphaus war bis zum Februar 2007 Bischof von Limburg : Bild: Wolfgang Eilmes

          Ende der vierziger Jahre sind die Ältesten von ihnen hier in Aulhausen eingezogen. Damals wurde der große Gebäudekomplex, den die Nationalsozialisten enteignet und in ein Kindererholungsheim verwandelt hatten, wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt: Unter dem Namen St.-Vincenz-Stift war es ausgangs des 19. Jahrhunderts als zentrale Behinderteneinrichtung im Bistum Limburg errichtet worden. Mit annähernd 450 Bewohnern und mehr als 700 Mitarbeitern ist es - in der Nachbarschaft befindet sich auch eine Jugendhilfeeinrichtung - bis heute eine der größten derartigen Institutionen weit und breit.

          Doch nicht das Beständige hat den fast 77 Jahre alten Bischof veranlasst, sich hier ein neues Domizil zu suchen, sondern der Wandel. In einer Zeit, in der die Diagnose einer Behinderung für die meisten Ungeborenen das sichere Todesurteil bedeutet, hat er sich entschieden, sein Leben mit jenen zu teilen, die noch der „Gnade der frühen Geburt“ teilhaftig wurden. „Wie also wäre es, wenn sich die Fürsorge der Gesellschaft zuerst einmal darauf konzentrierte, die Lebensbedingungen betroffener Kinder und Eltern zu verbessern, anstatt solches Leben auszulöschen?“ So hatte Kamphaus im Sommer 2001 in einem Essay für die Frankfurter Allgemeine Zeitung formuliert. Sechs Jahre später nahm er sich selbst beim Wort: „Wie sie mit Krankheit und Behinderung in allen Phasen des menschlichen Lebens umgeht, bildet die Nagelprobe auf die Menschlichkeit der Gesellschaft.“

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          Dabei hätte Franz Kamphaus die Welt offen gestanden: Als langjähriger Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz hat er auf allen Kontinenten genug Bekanntschaften geschlossen, um heute hierhin, morgen dorthin zu reisen. Die Apanage eines Bischofs im Ruhestand reichte aber auch aus, um nach mehr als einem Vierteljahrhundert prall gefüllter Terminkalender dem dolce far niente zu frönen. Und hätte sich nicht in der Umgebung von Limburg ein Haus gefunden, in dem er, von dienstbaren Geistern umsorgt und mit einer Limousine in Bereitschaft, seinen Lebensabend würde verbringen können? Wer jemals auf den Gedanken verfallen wäre, dass Franz Kamphaus ein solches Leben in Betracht ziehen könnte, der ist ihm nie begegnet.

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