19.12.2000 · Britische Parlamentarier entscheiden, ob Großbritannien als erstes Land in Europa das Klonen mit Stammzellen von bis zu zwei Wochen alten Embryonen erlaubt.
Die wissenschaftliche Welt blickt auf London. Dort stimmen die Abgeordneten des Unterhauses darüber ab, ob Großbritannien als erstes Land in Europa das Klonen mit Stammzellen von bis zu zwei Wochen alten Embryonen erlaubt. Geht es nach der Regierung Tony Blairs, soll sich die Mehrheit des Unterhauses für ein entsprechendes Gesetz entscheiden.
Im August hatte ein von der britischen Regierung eingesetztes Fachleute-Komitee den Gebrauch von embryonalen Stammzellen zu Forschungszwecken und das „therapeutische Klonen“ in bestimmten Fällen empfohlen. Das Einpflanzen klonierter Zellen in die Gebärmutter zur Menschenzucht und das Mischen von menschlichem und tierischem Zellmaterial sollte dagegen verboten werden.
Kritik warnt vor Neo-Kannibalismus
Kaum war der Bericht des Komitees veröffentlicht, brach eine heftige ethische Debatte aus, die weit über die britischen Inseln hinaus reichte. „Neo-Kannibalismus“ warfen vor allem deutsche Kritiker den Wissenschaftlern vor. Jene wollten alleine die Forschung vorantreiben und untergrüben zentrale Werte der westlichen Gesellschaften wie die Menschenwürde. Hinter einem solchen Vorschlag verberge sich ein Weltbild, das letztlich alles verfügbar mache.
Hinter dem Vorschlag der britischen Experten steht die Hoffnung, aus „Alleskönner“-Zellen, die sich in Embryonen im Frühstadium befinden, Gewebe zu züchten. Das Zellmaterial könnte Kranken zu therapeutischen Zwecken eingepflanzt werden. Behandeln wollen die Wissenschaftler auf diesem Wege zunächst Diabetes, aber auch Parkinson und Alzheimer. Manche Forscher erwarten sogar, später einmal ganze Organe züchten zu können. Organtransplantationen von Verstorbenen könnten dann überflüssig werden.
500.000 Embryonen gelangten schon in die Forschung
Die Kritik am britischen Vorhaben entzündet sich an der Tatsache, dass zu solchen Zwecken Embryonen getötet werden müssen, die sich, setzte man sie in eine Gebärmutter ein, auch zu vollständigen Menschen entwickeln könnten. Das britische Komitee argumentierte, man könne in der Forschung Embryonen verwenden, die bei der künstlichen Befruchtung übrig blieben. Bei jeder in-vitro-Fertilisation werden mehrere Embryonen gezeugt, aber nur wenige später der Mutter eingepflanzt. Zwischen 1991 und 1998 entstanden so alleine in Großbritannien 760.000 Embryonen im Reagenzglas. Rund 500.000 davon gelangten schon in die Forschung. Das neue Gesetz soll es allerdings auch möglich machen, Embryone zu Forschungszwecken zu produzieren.
Schutz des Embryos erhalten
Das Europäische Parlament sprach sich deshalb scharf gegen das Gesetzesvorhaben aus. Auch in Deutschland lehnt eine breite Front aus Politikern, Forschern und Pro-Life-Gruppen den Vorstoß der Briten ab. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) sagte, sie werde sich dafür einsetzen, den Schutz des Embryos zu erhalten, wie er im Embryonenschutzgesetz festgeschrieben sei. Auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel kritisierte die Regierung Blair. Es habe „keinerlei ethische Bewertung“ des Vorschlags gegeben, sagte sie auf einem Gentechnik-Kongress ihrer Partei.
Gewissensentscheidung für Abgeordnete
Da es sich um eine Gewissensentscheidung handelt, haben es die im Unterhaus vertretenen Parteien ihren Abgeordneten frei gestellt, wie sie abstimmen. Es gilt als wahrscheinlich, dass sich eine Mehrheit für die Annahme des Gesetzentwurfs aussprechen wird. Dahinter steht nicht nur eine ethische Debatte. Eine Entscheidung für das therapeutische Klonen hätte auch wirtschaftliche Folgen. Großbritannien ringt mit Deutschland um die Spitzenposition in der Biotechnologie in Europa. Mit der Entwicklung von embryonalen Stammzell-Linien gewönnen die britischen Forscher einen deutlichen Vorsprung. Zudem könnten überzählige Stammzellen verkauft werden. Deutsche Forscher haben schon ihr Interesse an einem Import bekundet. Der ist durch das Embryonenschutzgesetz nicht verboten. Allerdings mehren sich die Stimmen, die größere Erfolge durch die Therapie mit Körpereignen Stammzellen, etwa aus dem Knochenmark, erwarten.
So bleibt also offen, ob Großbritannien tatsächlich einen Forschungsvorsprung erreichen kann. Die Diskussion auf den britischen Inseln wird jedoch bald Nachahmer auf dem Kontinent finden. Frankreichs Ministerpräsident Lionel Jospin kündigte an, im Frühjahr einen Gesetzentwurf vorlegen zu wollen, der das therapeutische Klonen auch in seinem Land zulässt.