17.02.2005 · Wenn ein Feindbild für häßlichen Kapitalismus gebraucht wurde, dann war es Bill Gates. Sein karitatives Wirken stößt in der Öffentlichkeit auf Argwohn. Gates werden gerne niedere Beweggründe wie Steuervorteile unterstellt.
Von Roland LindnerBill Gates kann ein richtiger Spaßvogel sein - und auch über sich selbst lachen. Zum Beispiel im Zusammenhang mit einem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos, den er zusammen mit dem britischen Premierminister Tony Blair absolvierte. Nach der Veranstaltung ließ ein Pressevertreter einen vollgekritzelten Zettel von Blairs Tisch mitgehen, und britische Zeitungen machten sich nachher einen Spaß daraus, die Handschrift von Psychologen analysieren zu lassen.
Das Ergebnis war niederschmetternd: Die Person hinter der Handschrift sei offenbar extrem nervös und habe keine Führungsqualitäten, hieß es. Bald sollte sich aber ein großer Irrtum herausstellen: Die Notizen stammten gar nicht von Blair, sondern von Bill Gates. Dieser wiederum nahm die wenig schmeichelhafte Analyse mit Humor: Bei einer Konferenz vor ein paar Tagen ließ er den Zettel an die Wand projizieren Darauf fanden sich dann zum Beispiel Anwendungstips für veraltete Microsoft-Software.
Neue Leichtigkeit
Diese neue Leichtigkeit von Bill Gates, dem Mitgründer des weltgrößten Softwarekonzerns Microsoft, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Gates wurde vor allem als das verbissene Computer-Superhirn wahrgenommen, das all seine Energie darauf verwendet, seine Wettbewerber an die Wand zu drängen. Wenn ein Feindbild für häßlichen Kapitalismus gebraucht wurde, dann war es Gates - zumal er seit Jahren unangefochten die Liste der reichsten Menschen in der Welt anführt.
Er gründete vor dreißig Jahren mit seinem Freund Paul Allen Microsoft: Die beiden schrieben wie Besessene Computerprogramme, der unaufhaltsame Aufstieg des Unternehmens begann im Jahr 1981 mit der Einführung des Betriebssystems MS-DOS. Im Jahr 1990 kam, abgekupfert von der grafischen Benutzeroberfläche des Macintosh von Apple, das Betriebssystem Windows, das zu einer bis heute sprudelnden Geldquelle für Microsoft wurde. Hier zeigte sich zum ersten Mal, daß Microsoft nicht unbedingt das innovativste Unternehmen ist, dafür aber an Entschlossenheit und Härte kaum zu überbieten. Den Weg von Microsoft pflastern viele Opfer, das prominenteste ist wohl der Internet-Browser Netscape. Kein anderes Unternehmen in der Welt geriet wegen seiner Geschäftspraktiken so sehr ins Visier von Wettbewerbsbehörden wie Microsoft.
Bill Gates hat das Unternehmen bis zum Jahr 2000 als Chief Executive Officer geführt, dann zog er sich auf die Rollen als Chef-Softwarearchitekt und Verwaltungsratschef zurück. CEO ist sein langjähriger Weggefährte Steve Ballmer. Gates ist seither so ein bißchen in die Rolle des Bastlers zurückgekehrt und beschäftigt sich mehr mit strategischen Softwarefragen als mit Verkaufsverhandlungen. Häufig erklärt er bei öffentlichen Auftritten seine Visionen von der Zukunft von Microsoft und dem Rest der Branche. Die Branche hört ihm jedesmal gebannt zu - so wie nun in San Francisco, als er einen neuen Internet-Browser und Sicherheitssoftware ankündigte (Microsoft reagiert auf den Firefox).
Die größte wohltätige Privatstiftung der Welt
Mit dem Rückzug auf eine übergeordnete strategische Funktion bei Microsoft ging für Bill Gates ein weiterer Rollenwandel einher: Sein Engagement für wohltätige Zwecke in der von ihm und seiner Frau Melinda gegründeten Stiftung rückte immer mehr in den Vordergrund. Dieses karitative Wirken stieß in der Öffentlichkeit seit je auf Argwohn. Das Bild des rücksichtslosen Monopolisten paßt für viele Menschen so gar nicht mit altruistischen Motiven zusammen, und Gates werden gerne niedere Beweggründe wie Steuervorteile unterstellt. Die Fakten der "Bill & Melinda Gates Foundation" sprechen indes für ihn: Sie ist die mit Abstand größte wohltätige Privatstiftung der Welt mit einem Vermögen von 27 Milliarden Dollar. Verglichen mit dem von der Zeitschrift "Forbes" angesetzten gesamten Nettovermögen von Bill Gates von 46,6 Milliarden Dollar, ist dies ein stattlicher Betrag. Die Stiftung gibt ihr Geld vor allem für Gesundheit und Erziehung aus, insbesondere in der Dritten Welt.
Bill Gates verbringt heute nach eigener Aussage zehn Arbeitsstunden in der Woche mit seiner Stiftung, in Zukunft soll es mehr werden - zumal er nicht für immer eine tragende Rolle bei Microsoft einnehmen will. In diesem Herbst wird er 50 Jahre alt, und in Interviews hat er bekundet, daß er mit 60 Jahren nicht mehr an so prominenter Stelle stehen will. Wenn es nach ihm geht, wird niemand aus seiner Familie in seine Fußstapfen treten. Er hat einmal gesagt, er werde seine drei Kinder (acht, fünf und zwei Jahre) nicht ermutigen, in die Computerbranche einzusteigen - weil man sie immer mit ihrem Vater vergleichen würde. Auch sollen die Kinder nicht automatisch designierte Nachfolger ihres Vaters auf den Listen der reichsten Menschen werden: Bill und Melinda Gates wollen ihren Kindern nur einen verhältnismäßig kleinen Teil ihres Vermögens hinterlassen, der größte Teil soll an die Stiftung gehen.