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Bildungspolitik Humboldt reloaded

22.11.2009 ·  Im sogenannten Bologna-Prozess wurde Entscheidendes versäumt. Die Erhöhung des Bafögs in Aussicht zu stellen, klingt arg nach einer Beruhigungspille. Ohne die Studenten und ihre Proteste käme die Bildungsrepublik Deutschland nicht auf die Beine.

Von Oliver Hoischen
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Ein Blick von außen kann erhellend sein. Woran es an deutschen Unis haperte, konnte schon immer jeder sehen, der einmal das Glück hatte, eine Zeit in Amerika zu studieren: Da gab es auf einmal fest vorgeschriebene Stundenpläne, Berge zu durchforstender Literatur, täglich Noten für Hausarbeiten und Klausuren. Und Kommilitonen, die morgens kaum die Augen aufbekamen, weil sie die ganze Nacht über gebüffelt hatten - schließlich sollten die Eltern nicht enttäuscht, musste das Studiendarlehen eines Tages mit einem guten Job abbezahlt werden.

Dafür gab es traumhaft kleine Klassen, eine Bibliothek, die immer geöffnet hatte, eine Mensa schon fürs Frühstück und vor allem Lehrer, die im wahrsten Sinne des Wortes Tag und Nacht ansprechbar waren. Ja, man war arm nach einem solchen Amerika-Semester, auch die Portemonnaies der Onkels und Tanten waren leer, und wohl dem, der einen guten Studentenjob in Deutschland hatte - aber der Kopf war mit neuem Wissen voll. Und es wurde klar, dass die so viel gepriesene akademische Freiheit hierzulande für so manchen angehenden Wissenschaftler zwar ein Paradies, für den Durchschnitts-Studi aber oft ein Sumpf war, aus dem er nur mit größter Disziplin nach acht, zehn, zwölf Semestern wieder heil herauskam.

Hochschulstudium ein Bürgerrecht

So oder so ähnlich mögen auch diejenigen gedacht haben, die vor zehn Jahren beschlossen, das Studium in ganz Europa kompatibler zu machen - und den guten alten Wilhelm von Humboldt mit seinen hehren Idealen von umfassender Bildung über Bord zu werfen. Die zuständigen Minister trafen sich ausgerechnet in der italienischen Stadt Bologna, die von jeher den Beinamen „la dotta“ trägt - „die Gelehrte“. Schon 1088 wurde hier eine Hochschule gegründet - so früh wie nirgendwo sonst in Europa. Was sich seitdem vor allem geändert hat:

Zehntausende Studenten und Schüler sind am Dienstag abermals für bessere Bildung auf die Straße gegangen. In Berlin zogen nach Polizeiangaben rund 6000 junge Menschen in einem Protestzug durch die Stadt. Die Initiatoren - ein Zusammenschluss von Schüler- und Studentengruppen - sprachen von 12.000 Teilnehmern. An einer Demonstration in Stuttgart beteiligten sich 5000 bis 6000 junge Leute. Rund 2300 Studenten aus Mainz, Landau und Kaiserslautern demonstrierten in der Mainzer Innenstadt. In Hannover versammelten sich nach Angaben der Polizei rund 1300 Schüler und Studenten.

Anders als anno dazumal ist ein Hochschulstudium heute keine elitäre Angelegenheit mehr - sondern ein Bürgerrecht, zumindest in Deutschland. So soll es sein: Hat doch auch die neue schwarz-gelbe Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag noch einmal bekräftigt, dass sie die Studienanfängerquote weiter steigern, ja, dass sie künftig sogar mehr Studienanfänger über die berufliche Bildung an die Hochschule holen will. So wird Bildung zwangsweise zur Ausbildung, zu einem Massengut. Und Massen sollte man vielleicht besser an die Hand nehmen, ihnen eine Struktur vorgeben. Weshalb an dem Bologna-Prozess vieles richtig sein mag.

Doch ist schon lange klar: Große Teile der Neuerungen sind offenbar völlig undurchdacht. Entscheidendes wurde jedenfalls nicht erreicht: So hätte es mit dem neuen System möglich sein sollen, leichter von einer Uni zur anderen zu wechseln, was aber nicht der Fall ist, nicht innerhalb Deutschlands und erst recht nicht innerhalb Europas. Noch immer ist es schwierig, Scheine von der einen an der anderen Uni anerkennen zu lassen. Und leichter ist es auch nicht geworden, nach dem Examen in einen Beruf einzusteigen - viele Unternehmen wissen nicht, was sie mit einem jungen Bachelor überhaupt anfangen sollen. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat das Bachelor/Master-System also nicht erhöht. Auch Abiturienten aus sogenannten bildungsfernen Schichten gibt es heute nicht mehr als früher an den Hochschulen - obwohl das von der Politik gewünscht wurde. Nur die Zahl der Studienabbrecher, die ist noch immer hoch.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

So zeigt jetzt der eine mit dem Finger auf den anderen: der Bund auf die Länder, die Kultusminister auf die Hochschulen. Und an Ort und Stelle ist man zu Recht verärgert über die Bildungspolitiker, die zwar Reformen beschlossen, aber nicht das nötige Geld dafür bereitstellten. Denn wer mehr Studenten will, der muss den Hochschulen auch mehr Mittel geben. Oder er muss so mutig sein, den Studenten zu sagen, dass sie für ihre Ausbildung selbst zahlen müssen: für mehr Lehrer und bessere Betreuung. Einen Tutor gibt es nicht zum Nulltarif. Ein kleines Seminar auch nicht. Darum ist es zwar begrüßenswert, wenn die Bundesregierung ein nationales Stipendiumprogramm ins Leben rufen will - auch wenn es dadurch in den Hörsälen nicht so schnell mehr Platz gibt. Aber wie kommt Bildungsministerin Annette Schavan darauf, gerade jetzt eine Erhöhung des Bafögs in Aussicht zu stellen? Das klingt arg nach einer Beruhigungspille für die Studenten.

Die müssen von Humboldt und seinem Traum vom aufgeklärten, freien Bürger übrigens irgendwie doch etwas mitbekommen haben: Wenn sie nur ans Punktesammeln dächten, gingen sie jetzt doch nicht zur Latschdemo. Erstaunlich ernst werden sie genommen: von denjenigen, die ihnen die Misere eingebrockt haben. Auch Länderminister fordern nun, Studiengänge zu entschlacken, zu hohe Prüfungsbelastungen zu vermeiden, Bachelor-Studiengänge zu verlängern. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel meldete sich zu Wort und beklagte eine zu starke Verschulung. Was alles zeigt: Falls es jetzt etwas besser wird, dann ist das den Studenten und ihren Protesten zu danken. Ohne sie kommt die Bildungsrepublik Deutschland nicht auf die Beine.

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