27.02.2009 · Eines hat Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) mit ihrem unseligen Vorschlag, Ingenieure in die Schulen zu schicken, jedenfalls erreicht: Es gibt keine bessere Imagekampagne für den Lehrerberuf als den Wettstreit um die Besten.
Von Heike SchmollEines hat Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) mit ihrem unseligen Vorschlag, Ingenieure in die Schulen zu schicken, jedenfalls erreicht: Es gibt keine bessere Imagekampagne für den Lehrerberuf als den Wettstreit um die Besten.
Trotz neuer föderalistischer Zuständigkeiten sind Abwerbungen unter den Ländern jetzt ausgerechnet bei denjenigen in die Kritik geraten, die noch vor kurzem das Hohelied des Wirtschaftsliberalismus und des Wettbewerbsföderalismus sangen. Den Sündenbock der Debatte haben sie schnell ausfindig gemacht: Es ist Baden-Württembergs Kultusminister Rau (CDU), der für seinen doppelten Abiturientenjahrgang überall in Deutschland um Junglehrer geworben hat. Das ist sein gutes Recht.
Zu den Nutznießern der Werbekampagne gehören Berlins Lehrer, die jetzt eine Aufbesserung ihres Angestelltengehalts bekommen, damit sie in der Hauptstadt bleiben. Um seinen Lehrern überhaupt etwas bieten zu können, hat sich Sachsen-Anhalts Kultusminister Olbertz (parteilos) für einen ostdeutschen Sonderweg entschieden: Er verbeamtet sie. Die Kosten dafür werden die nachfolgenden Generationen zu tragen haben.
Das Feuer der Leidenschaft
Unter den Kultusministern ist kurz vor ihrer Märzsitzung der alte Streit über den Wettbewerb unter den Ländern entbrannt. Die meisten haben sich für Wettbewerbsverhinderung entschieden. Ausgerechnet in Hessen, dem Land, das mit Abwerbungen angefangen hat, fordert die Kultusministerin Henzler (FDP) nun ein Ende dieser Praxis. Berlins Bildungssenator Zöllner wäre eine Einheitsbezahlung am liebsten, um die Abwanderung der Besten in die Nachbarländer zu beenden.
Doch auch unter den unionsregierten Ländern gibt es Sympathien für Bandbreiten und Eckdaten für Lehreranwerbung und Besoldung. Während die strukturschwachen Länder sich durch Einheitlichkeit schützen wollen, setzen die reicheren Länder auf Leistungsanreize. In der Praxis haben sie davon allerdings kaum Gebrauch gemacht. Was spricht dagegen, qualifizierte Lehrer mit Leistungszulagen in Mangelfächer und Berufsschulen zu locken?
Stattdessen sind bürokratische Ungetüme wie die „amtsangemessene Verwendung“ im Beamtenrecht wirksam, die einem Lehrer in einer bestimmten Dienstaltersstufe unabhängig von seiner Eignung einen Anspruch auf eine Schulleiterstelle zubilligen, selbst wenn es geeignetere Kandidaten gibt.
Gute Lehrer sind bekanntlich an ihrer Leidenschaft für das Fach erkennbar, das sie unterrichten - und mag es noch so trocken sein. Schüler sind schonungslose Beobachter. Sie merken sofort, wenn die Leidenschaft ihres Lehrers nur noch glimmt. Mit den jetzt geforderten Eignungstests für das Lehramtsstudium wird man diesem geheimnisvollen Feuer nicht auf die Spur kommen.
Wie soll jene Mischung aus sozialer Begabung und Extrovertiertheit, Zugewandtheit und Bereitschaft, sich täglich mit unerwarteten Fragen der Schüler zu befassen, überprüft werden? Lehrer sollten zugleich Fachleute im Unterrichten und auf ihrem Wissensgebiet sein. Deshalb können Quereinsteiger kein angemessener Ersatz sein, sondern allenfalls eine befristete Notlösung. Wer den Eindruck erweckt, Fachwissen genüge für einen guten Lehrer, entwertet seine Professionalität.
Aus der Schule in die Schule
Was sind das für Menschen, die kurz nach Schulende keinen sehnlicheren Wunsch hegen, als möglichst bald an die Schule, womöglich ihr Gymnasium, zurückzukehren? Jedenfalls sind es älter gewordene Gymnasiasten, die zumindest durch einen Lehrer so geprägt worden sind, dass sie das Lehramt für einen erstrebenswerten Beruf halten. Einen Beruf, der eine gesellschaftliche Aufgabe ist, die ungeheure Möglichkeiten bietet - trotz G8 und anderer zweifelhafter Neuerungen.
Insofern beginnt die Werbung für das Lehramt durch guten Unterricht. Zum schlechten Ansehen der Lehrer haben nicht nur Politiker beigetragen, sondern auch die Lehrer, die sich allzu gern in der Opferrolle sahen. Gewiss, auch Lehrer haben Grund zum Klagen. Aber es gibt auch viele ungenutzte Freiräume, Missstände zu beseitigen.
Die Kultusminister haben sich damit begnügt, niveauvolle Standards für die Lehrerbildung zu verabschieden. Die gibt es aber nur auf dem Papier und nicht in der universitären Lehrerbildung. Die Lehramtsstudenten werden aus Kapazitätsgründen gern immatrikuliert, bekommen aber keine lehramtsspezifische Ausbildung, obwohl bis zur Hälfte der Lehrkapazitäten der Professoren für sie vorgesehen wären. Schulmathematik unterscheidet sich nicht nur nach Klassenstufen, sondern auch nach Schularten.
Die Lehramtsstudenten laufen als Fachwissenschaftler zweiter Klasse mit, werden aber auf die Schule kaum vorbereitet. Dafür haben auch Erziehungswissenschaftler gesorgt, die von angewandter Pädagogik nichts wissen wollten, sondern sich schon lange in Schulabstinenz oder abgewandter Pädagogik üben. Jetzt rächt sich die Abschaffung der Pädagogischen Hochschulen. Ein Ausweg wäre die Einrichtung von „Schools of Education“, die mehr leisten müssen als die universitären Zentren für Lehrerbildung.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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