20.10.2008 · Das Motto des Bildungsgipfels „Aufstieg durch Bildung“ sagt nur die halbe Wahrheit. Sozialer Aufstieg ist nicht mehr allein durch Bildung zu gewährleisten. Die Schule kann soziale Unterschiede nicht wesentlich ausgleichen; diese werden vor allem außerhalb des Bildungssystems gefestigt.
Von Heike SchmollIn keinem Land ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg so ausgeprägt wie in Deutschland. Dieses Problem kann nicht dadurch gelöst werden, dass immer mehr Kinder zum Abitur und zum Hochschulabschluss geführt werden. Das Motto des Bildungsgipfels „Aufstieg durch Bildung“ sagt deshalb nur die halbe Wahrheit. Sozialer Aufstieg ist nicht mehr allein durch Bildung zu leisten, allerdings ist Bildung ein bewährtes Mittel gegen den sozialen Abstieg. Die Hoffnung der siebziger Jahre, die soziale Ungleichheit durch Bildungsexpansion zu beseitigen, ging nicht auf, sondern hat feine Unterschiede ausgeprägt.
Den sozialen Ausgleich von der ohnehin überforderten Schule zu erwarten wäre unrealistisch. Schule wird allenfalls verhindern können, dass die soziale Schere noch weiter aufgeht, sie kann Unterschiede aber nicht einebnen. Denn soziale Differenzen werden vor allem außerhalb des Bildungssystems, in der Freizeit und in der Nachbarschaft, in Jugendgruppen gefestigt. Die sogenannten Risikoschüler könnten deshalb von bestimmten Formen der Ganztagsschule profitieren.
Große Hoffnung Einheitsschule
Die Vermutung, dass sich soziale Ungleichheit vor allem an den Schulübergängen etwa von der Grundschule zur weiterführenden Schule zeigt, wird von Bundesländern mit klaren Übergangsregularien (Gymnasialempfehlung mit festgelegten Anforderungen) widerlegt. Erstaunlicherweise wächst die soziale Ungleichheit mit der Freigabe des Elternwillens. Wird der Schulübertritt vor allem von der Leistung abhängig gemacht, wie derzeit in Bayern, wo die Leistungserwartung nur indirekt über die Wünsche der Eltern Bedeutung gewinnt, spielt der Sozialstatus praktisch keine Rolle mehr. Bildungsentscheidungen ergeben sich also aus den Selektionsmechanismen des jeweiligen Bildungssystems.
Der Berliner Bildungsforscher Baumert tritt deshalb dafür ein, soziale Unterschiede bei der Bildungsbeteiligung und solche im Kompetenzerwerb auseinanderzuhalten. Weil beides in der politischen Diskussion meist vermischt wird, bekommt die Hoffnung auf eine Einheitsschule immer neue Nahrung. Die Einebnung der Schulformen soll auch soziale Differenzen zum Verschwinden bringen. Das Problem der Risikoschüler wird aber nicht gelöst, wenn mehrere Schularten zusammengefasst werden.
Schlechte Schüler ohne Lobby
Wirkliche Verbesserungen lassen sich im jetzigen System erreichen, wenn die sogenannten Risikoschüler gefördert werden. Das Ziel wäre, die riesigen Leistungsstreuungen in Deutschland zwischen der obersten und der untersten Gruppe zu reduzieren. Die gezielte Förderung der Leistungsschwächsten ist politisch schwer durchzusetzen. Sie wäre nur zu finanzieren, wenn die Leistungsstärkeren durch Mittelumschichtung schlechter wegkämen, wenn also die Gymnasialklassen größer würden. Aus wahlpolitischer Rücksichtnahme wird kein Bundesland solch einen Schritt wagen, weil die Elternlobby der Gymnasiasten stärker ist als die der Risikoschüler.
So hat sich gerade in Baden-Württemberg bei der Durchsetzung des kleineren Klassenteilers der Elternwille der Oberschüler durchgesetzt. Doch was haben die Leistungsstarken davon, wenn sie am Ende die Risikoschüler als soziale Absteiger mitfinanzieren müssen? Es gibt schlechterdings keine Berufe mehr, deren Anforderungen Risikoschüler gewachsen wären, zumal es nicht nur um Fachkenntnisse, sondern um Persönlichkeitsmerkmale wie Motivation und Engagement geht.
Enormer Vorsprung der Gymnasiallehrer
Wissenschaftler im Max-Planck-Institut für Bildungsforschung heben zunehmend die Bedeutung hervor, die bestimmte Unterrichtsformen und eine entsprechende Lehrerausbildung haben. Nach ihren Erkenntnissen erzielen Lehrer mit einem hohen fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Können, etwa in Mathematik, auch in der Hauptschule wesentlich bessere Leistungserfolge. Das gilt allerdings nur dann, wenn sie sich nicht dem niedrigeren Niveau durch geringere Ansprüche anpassen. Allein mit der Verbesserung der Ausbildung von Haupt- und Realschullehrern wäre also schon viel gewonnen.
Die derzeitige Diskussion über die Lehrerbildung wird diesen Befunden allerdings nicht gerecht. Sie setzt einseitig auf Praxis und vernachlässigt dafür Fachwissenschaft und Fachdidaktik – und zwar ausgerechnet in der Haupt- und Realschullehrerausbildung. Eine Untersuchung der pädagogischen Fähigkeiten von Haupt- und Realschullehrern, in der DDR ausgebildeten Lehrern und Gymnasiallehrern hat zu eindeutigen Ergebnissen geführt: Der Vorsprung im fachdidaktischen Wissen bei den Gymnasiallehrern war enorm. Das gilt keineswegs nur für Mathematik oder Englisch, sondern auch für Geschichte.
Lehrer, die ihren Schülern nur ein Kapitel im Lehrbuch voraus sind und über zu wenig schulbezogenes Wissen verfügen, können weder die schwächsten noch die stärksten Schüler ausreichend fördern. Hier müssen die Länder und die Universitäten handeln. Stattdessen vertagen sie die Entscheidung über die Lehrerbildung oder hängen Extremen nach. Das wird sich vom Kindergarten bis zum Hochschulabschluss rächen.
Mann, ist das frustrierend!
Michael Arndt (Mikel1962)
- 20.10.2008, 20:32 Uhr
Phrasendreschmaschine
Andreas Noreikat (derherold)
- 20.10.2008, 21:43 Uhr
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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