Home
http://www.faz.net/-gpf-xwsl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Bildung Schulpolitik ohne Union

Die CDU hat es nie vermocht, aus den guten Pisa-Ergebnissen unionsregierter Länder Kapital zu schlagen. Um ihre Schulstandorte zu sichern, bestimmen mittlerweile die Kommunalpolitiker den Kurs.

© Vergrößern

Die Union hat sich weitgehend aus der Schulpolitik verabschiedet. Selbst traditionell von ihr geführte Länder wie Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen mögen nicht mehr von einem dreigliedrigen, sondern nur noch von einem differenzierten Schulsystem sprechen. Sie wollen sich die Hintertür zur neuen Zweigliedrigkeit offenlassen, die in Sachsen seit jeher gilt. Sowohl Bayern als auch Baden-Württemberg haben ihre Hauptschulen durch den Mittleren Schulabschluss und gezielte berufspraktische Angebote aufgewertet. Die Verschärfung der Anforderungen im achtjährigen Gymnasium hat viele Eltern dazu bewogen, für ihre Kinder lieber den mittleren Schulabschluss anzustreben, um dann möglicherweise auf das berufliche Gymnasium zu wechseln. Langfristig wird sich das Schulsystem in allen Ländern in eine mehr oder weniger stark differenzierte Zweigliedrigkeit verwandeln. Im Osten sorgt dafür die jetzt schon stärker spürbare demographische Entwicklung – die Schülerzahlen sind massiv eingebrochen.

Heike Schmoll Folgen:    

Hinzu kommt der Bildungsehrgeiz der Eltern. Ganz gleich, welchen Abschluss sie selbst erworben haben: alle wollen für ihre Kinder einen höheren Schulabschluss als den eigenen erreichen, am liebsten das Abitur. Deshalb fällt es auch der nordrhein-westfälischen CDU so schwer, die Regionalen Mittelschulen aus Haupt- und Realschulen gegenüber den von den Grünen favorisierten Gemeinschaftsschulen mit der Möglichkeit einer gymnasialen Stufe stark zu machen. Für die Eltern sind die Regionalen Mittelschulen keine ernsthafte Alternative.

Mehr zum Thema

Kommunalpolitiker bestimmen die Schulpolitik

Den CDU-Bürgermeistern in den Städten ist die Erhaltung des Schulstandorts wichtiger als strukturelle Überlegungen auf Landesebene. Schulministerin Löhrmann von den Grünen kann sich durch diese Entwicklung sogar noch bestätigt sehen. Sie spricht werbend von „Ermöglichungspolitik“ und einer Revolution von unten, die sich bei näherem Hinsehen allerdings als purer Pragmatismus der Kommunalpolitik im Sinne der Standortsicherung entpuppt. Von 17 genehmigten Gemeinschaftsschulen sollen sechs aus nur einer Hauptschule erwachsen. Man darf gespannt sein, wie dort ein gymnasiales Angebot entstehen soll. So wird sich die CDU in Nordrhein-Westfalen im Wesentlichen mit Schadensbegrenzung begnügen müssen; sie hat ihre Chance in der vergangenen Legislaturperiode durch eine schwache Kultusministerin und wenig inhaltliches Profil verspielt. Wie lange Frau Löhrmann noch die Schulversuchsklausel in Anspruch nehmen kann, um ihre schulpolitischen Vorstellungen mit Hilfe der Kommunen durchzusetzen, ist aus verfassungsrechtlichen Gründen fraglich. Je mehr Gemeinschaftsschulexperimente es gibt, desto dringlicher wird deren gesetzliche Absicherung.

Schüler © dapd Vergrößern Schüler in Deutschland: Zwischen elterlichem Bildungsehrgeiz und Schulexperimenten

Von den Kommunalpolitikern bestimmt ist auch die niedersächsische Schulpolitik. Unter dem Vorwand, ein zukunftsfähiges, dem Schülerrückgang angemessenes Schulsystem zu schaffen, hat Niedersachsens Kultusminister Althusmann (CDU) die sogenannte Oberschule neben dem Gymnasium eingeführt, die nichts anderes ist als eine integrierte Gesamtschule. In der fünften Klasse werden alle Schüler gemeinsam unterrichtet, in den Klassen sechs bis neun in vier Fächern, am Ende von drei weiteren Klassen sollen sie das Abitur nach 12 Jahren ablegen. Einen durchgängigen Gymnasialzweig gibt es nicht, die gymnasialen Standards sind zweifelhaft, von den mangelnden Wahlmöglichkeiten ganz zu schweigen. Die Oberschule geht zu Lasten der förderungswürdigen Schüler aus Haupt- und Realschulen und der bestehenden Gymnasien. In Celle wird bereits über die Schließung zweier von drei Gymnasien diskutiert, weil den Kommunalpolitikern die Oberschule mit gymnasialer Komponente wichtiger ist als das Gymnasium.

Was also bleibt der CDU zu tun?

Auch wenn der Volksentscheid in Hamburg dazu geführt hat, dass die Union die Gymnasien und deren Klientel als schützenswerte Minderheit wiederentdeckt hat und die verpflichtende Einführung des längeren gemeinsamen Lernens gestoppt wurde, blühen die Experimente mit sechsjährigen Modellschulen. Die Stadtteilschule fasst alle übrigen Schulformen zusammen und führt in Hamburg in dreizehn Jahren zum Abitur. Von der hanseatischen CDU lässt sich nach dem Schmusekurs mit den Grünen gewiss keine Standhaftigkeit in Grundsatzfragen erwarten, zumal sie um ihren Wahlerfolg bangen muss.

Was also bleibt der CDU in den Ländern auf einem der letzten Felder eigener Gestaltungsmöglichkeiten zu tun? Was hat sie den öffentlichkeitswirksamen Parolen von Bildungsungerechtigkeit, früher Selektion, Abschulungen an die nächst niedrigere Schulart, vom Turbo-Abitur entgegenzusetzen? Ist es die Verteidigung des Gymnasiums als eigenständige Schulform? Soll die CDU auf der Einführung zentraler Abschlussprüfungen auf der neunten Klassenstufe (Hauptschulabschluss) und der zehnten (Mittlerer Abschluss) sowie einem Zentralabitur bestehen? Es wird schwierig, ein echtes schulpolitisches Programm zu entwickeln, zumal die CDU es schon bisher nicht vermochte, aus den guten Pisa-Ergebnissen unionsregierter Länder überzeugend Kapital zu schlagen. (Siehe auch: Interaktive Übersicht: Schulreformen in Deutschland)

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.01.2011, 12:56 Uhr

Lektion gelernt

Von Mechthild Küpper

Die Berliner SPD ist gar nicht so zwiespältig, wie sie sich oft darstellt. Das eindeutige Votum für Michael Müller als Regierenden Bürgermeister hat den linken Laborversuch des SPD-Vorsitzenden Jan Stöß spektakulär scheitern lassen. Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden