28.09.2003 · Kultusminister beklagen eine „Feminisierung“ der deutschen Schulen: Da die große Mehrheit der Lehrkräfte weiblich sei, fehlten den Jungen die Rollenvorbilder - und damit auch die Motivation.
Den hohen Anteil weiblicher Lehrkräfte an den Schulen haben die Kultusminister aus Niedersachsen, Hessen und Baden-Württemberg beklagt. Einem Bericht der Zeitung "Bild am Sonntag" zufolge verlangte die hessische Kultusministerin Wolff (CDU), daß die Hälfte der Grundschullehrer Männer sein sollten. Der niedersächsische Kultusminister Busemann (CDU) wies darauf hin, daß mittlerweile 70 bis 80 Prozent unter den Lehrern Frauen seien, in den Grundschulen nahezu hundert Prozent. Jungen hätten es deshalb erheblich schwerer, die Lernanforderungen zu erfüllen, weil sich "der Schulbetrieb feminisiert hat". Jungen hätten deshalb keine Chance, sich an männlichen Rollenvorbildern zu orientieren. "Wir müssen dringend mehr Männer in den Schuldienst bringen, am besten wäre eine Männerquote", sagte Busemann. Für einen Männeranteil von mindestens 30 Prozent unter den Grundschullehrern plädierte auch die baden-württembergische Kultusministerin Schavan (CDU). Zu Hause hätten Jungen mit der Mutter zu tun, in der Schule mit der Lehrerin, die fehlenden männlichen Vorbilder wirkten sich negativ auf die Motivation der Jungen aus.
Ob sich die fehlenden Lehrer im Elementarbereich tatsächlich negativ für die gesamte Leistungsentwicklung auswirken, ist bisher nicht geklärt worden, auch wenn Sozialwissenschaftler zuweilen von der Zusammensetzung der Lehrerkollegien unmittelbar auf die Schullaufbahn schließen. Gesichert ist, daß sich Mädchen naturwissenschaftlichen Kenntnissen gegenüber zugänglicher zeigen, wenn sie von einer Frau unterrichtet werden, Jungen hingegen von einem Mann, weshalb immer wieder die Auflösung der gewohnten Koedukation in den übrigen Fächern für naturwissenschaftliche Disziplinen erwogen wurde.
Fast nur Frauen an Grundschulen
Die neueste OECD-Studie "Bildung auf einen Blick 2003" zeigt, daß die Feminisierung des Lehrerberufs in anderen Ländern noch weiter fortgeschritten ist. In den Grundschulen unterrichten in fast allen OECD-Ländern fast nur Frauen, nur in Kanada (68,1 Prozent) und in Frankreich (79,8 Prozent) liegt der Männeranteil etwas höher. Ausgerechnet in Kanada, das bei der Pisa-Studie zumindest in einer Provinz Spitzenergebnisse im Lesen erzielt hatte, liegt der Männeranteil auch im Sekundarbereich II genauso niedrig wie an der Grundschule. In den übrigen Ländern unterrichten deutlich weniger Frauen in den weiterführenden Schulen des allgemeinbildenden Systems. Sollte es also einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Geschlecht des Lehrers und der Leistungsentwicklung der Schüler geben, müßten bei den Siegerländern der Pisa-Studie nur die Mädchen gut sein - im Lesen sind sie ohnehin besser, was zumindest bisher noch nicht auf das Geschlecht der Grundschullehrer zurückgeführt wurde.
Das fehlende Interesse männlicher Abiturienten am Lehrerberuf spiegelt vielmehr das Ansehen des Lehrberufs in Deutschland. Während Frauen diesen Beruf häufig ergreifen, weil er sich leichter als andere Beschäftigungen mit dem Familienleben vereinbaren läßt, richten sich Männer eher nach Sozialprestige und Gehalt. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fakultäten, etwa Physik, wo die männlichen Studenten die überwiegende Mehrheit bilden, ist es nach wie vor üblich, in der Wissenschaft weniger erfolgreichen Männern zu raten, in die Schule zu gehen.