04.02.2007 · Wie überall in Deutschland sind in Berlin die Integrations- und Bildungspolitik unter die Themen mit großer Dringlichkeit aufgerückt. Schulen bekommen nun häufiger Besuch von Politikern.
Von Mechthild KüpperJeden Tag geht Rainer Bösel in der großen Pause auf den Schulhof. Der „Thüringen-Oberschule“ in Berlin-Marzahn erweist er damit einen guten Dienst. Bösel ist ihr Rektor. Er ist groß und sportlich - jeder Teenager wird in seiner Gegenwart Worte und Taten sorgsam abmessen. Bösel übt Autorität aus, ohne autoritär aufzutreten. „Man darf sich nicht ausruhen“, sagt er.
In seiner Gesamtschule mit offenem Ganztagsbetrieb lernen Schüler aus 20 Ländern. Die meisten stammen aus den GUS-Staaten, aber es sind auch Kubaner, Chinesen, Vietnamesen, Tschechen, Griechen und Bulgaren dabei. Von 620 Schülern stammen 210 aus Migrantenfamilien, 170 haben Russisch als Muttersprache.
Häufiger Besuch von Politikern
Wie überall in Deutschland sind in Berlin die Integrations- und Bildungspolitik unter die Themen mit großer Dringlichkeit aufgerückt. Schulen bekommen nun häufiger Besuch von Politikern. Der des Regierenden Bürgermeisters Wowereit (SPD) in Kreuzberger Musterschulen endete erwartungsgemäß mit dem Widerruf seiner Äußerung, er würde sie, wenn er Kinder hätte, gewiss nicht in Kreuzberger Schulen schicken.
Ernsthafter gerieten die Besuche zweier Berliner Bundestagsabgeordneter: Monika Grütters, CDU, besuchte in ihrem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf die Thüringen-Oberschule, und der ehemalige Justizsenator von Berlin, der Grüne Wolfgang Wieland, besuchte die Otto-Wels-Grundschule in Kreuzberg. Der Besuch von Frau Grütters war reguläre Wahlkreisarbeit, für die CDU ist Marzahn tiefe Diaspora. Wielands Besuch war Teil der „Grünen Integrationstour“ („Drin ist drin“), für die 50 „besonders innovative und pfiffige Integrationsprojekte“ in 20 Städten ausgewählt wurden.
Mehr Ausgaben, schlechte Ergebnisse
Berlin gibt für Bildung mehr aus als andere Länder. Doch sind die Ergebnisse schlecht, die Arbeit der Schulverwaltung ist berüchtigt ineffizient. Heute müssen Lehrer und Schulleiter mehr können als Wissen vermitteln: Sponsoren finden, Förderprogramme ausfindig machen, Eltern zum Mittun und die Öffentlichkeit zur Anteilnahme animieren. Nicht nur das Geld ist knapp, auch die Kinderzahl sinkt. Es steigt die Konkurrenz der Schulen untereinander.
Rektor Bösel hat Glück: Die Eltern seiner Schüler sind bildungsbeflissen, die Angebote, die er macht, werden geschätzt und angenommen. Zwei kleine Klassen zur Sprachförderung mit zwei zusätzlichen Deutschlehrern hat die Schule. Russisch kann als erste oder zweite Fremdsprache gelernt werden, zweimal haben Schüler am Tanzprojekt der Berliner Philharmoniker teilgenommen. Es wird Theater gespielt, die Schüler nutzen - in Absprache mit der Wohnungsbaugenossenschaft - Freiflächen für Sport. Reisen nach Thüringen werden mitfinanziert von Gasprom, Schüler bieten den Senioren im Heim nebenan ein Adventsprogramm, die Mercator-Stiftung fördert die Hilfe von Lehramtsstudenten bei den Hausaufgaben oder beim Sprachunterricht im Feriencamp. Nachmittags trainieren die „Marzahner Basket-Bären“ in der Turnhalle, deren Vorraum voller Auszeichnungen hängt. Lehrküche, Holz- und Metallwerkstatt stehen für das Wahlfach Arbeitslehre zur Verfügung.
85 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien
Die Otto-Wels-Grundschule in der Alexandrinenstraße in Kreuzberg gibt sich große Mühe, den Kindern trotz massiver Hindernisse einen guten Start zu geben. 85 Prozent der Schüler stammen aus Migrantenfamilien. Im vergangenen Jahr hat die Schule ein Kooperationsabkommen mit dem Türkischen Elternverein abgeschlossen. Über erste Erfahrungen ließ sich Wolfgang Wieland berichten. Problematischer noch als die Migrationsgeschichte sei die soziale Lage vieler Eltern, sagt die Schulleiterin Steimer-Ruthenbeck. Drei Viertel von ihnen erhalten staatliche Transferleistungen. Die psychischen Folgen beruflicher Perspektivlosigkeit seien Depression und Orientierungslosigkeit.
Etliche Eltern reagierten wegen ihrer eigenen gescheiterten Bildungskarrieren skeptisch auf jedes Angebot: 18 Rollkoffer voller Bücher und Spiele, die Zweitklässler für jeweils zwei Wochen mit nach Hause nehmen können, sind kürzlich verteilt worden. Bei der Gelegenheit sei aufgefallen, dass längst nicht alle Kinder türkischer oder arabischer Herkunft sind, sondern viele aus Afrika stammen, weshalb auch englische Bücher gekauft werden. Mit Hilfe des Türkischen Elternvereins sollen die Eltern mehr an den Alltag der Schule herangeführt werden. Anteilnahme an ihrem Lernen verstärke wiederum das Selbstbewusstsein der Kinder: „Ich kann ihnen nicht versprechen, dass sie einen Job kriegen“, sagt die Rektorin, „aber Wertschätzung müssen alle spüren.“
Islamunterricht
Heute liegt die Otto-Wels-Schule an der Spitze der Schulen, an denen die Islamische Föderation Islamunterricht anbietet; 200 ihrer 550 Schüler besuchen ihn. Der Türkische Elternverein lehnt diesen Unterricht ab. Wieland betrachtet die Berliner Linken und auch seine Grünen als mitverantwortlich dafür, dass bis heute jeder Religionsunterricht in Berlin außerhalb des Lehrplans - und außerhalb der staatlichen Kontrolle - stattfindet.
Den „Elternbrief“, den Berliner Familien auf Wunsch kostenlos bekommen, gibt es längst auf Türkisch. 3,5 Millionen Exemplare beträgt die jährliche Auflage. Für die arabischen Familien fehlt ein Angebot. An keiner Berliner Schule wird Arabisch unterrichtet. So schicken Hunderte Eltern ihre Kinder in eine Moschee, wo sie Arabisch zusammen mit dem Koran - zusammen mit möglicherweise gar nicht erwünschten Auslegungen - lernen.
Was wäre wohl die Reaktion,...
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 05.02.2007, 14:32 Uhr
Umkehrschluss?!
Benjamin Stark (benni12345)
- 14.02.2007, 00:36 Uhr