16.01.2004 · In Großbritannien sieht man in den Reformplänen eine Gefahr für das Universitätssystem. Ein 'Zugangsprüfer' soll künftig dafür sorgen, daß jede Hochschule eine bestimmte Quote unbetuchter Anwärter zuläßt.
Von Gina Thomas, LondonDer Begriff klingt wie aus einer der satirischen Passagen, in denen sich Charles Dickens über die aufgeblähte Bürokratie mokiert, oder gar wie etwas aus der totalitären Welt von Orwells "1984": "Office for fair access", Behörde für den gerechten Zugang. So heißt das Amt, das die britische Regierung schaffen will, um die Universitäten zu zwingen, mehr Studenten aus "nichttraditionellen" Verhältnissen aufzunehmen, wie Arbeiterfamilien jetzt euphemistisch genannt werden.
Ein Zugangsprüfer wird dafür sorgen, daß jede Hochschule eine bestimmte Quote unbetuchter Anwärter zuläßt. Die Institutionen, die diesen Vorstellungen nicht entsprechen, weil sie ihre Studenten eher nach deren Fähigkeiten als nach ihrer Herkunft auswählen, sollen bestraft werden. Sie müssen in dem Fall auf die Zusatzgebühren verzichten, welche die Regierung jetzt einführen will, um die finanzielle Not der Hochschulen zu lindern.
Auflagen für mehr „Unterprivilegierte"
Nicht umsonst hat diese Prüfstelle den Spitznamen "Offtoff" bekommen. Die Namen der Aufsichtsbehörden öffentlicher Einrichtungen wie des Fernsehens oder der Telefongesellschaften beginnen allesamt mit "Of", der Abkürzung für "Office". Umgangssprachlich heißt "Offtoff" soviel wie "Weg mit den Obrigen".
Die Auflagen, mehr "Unterprivilegierte" aufzunehmen, zeigen ebenso wie der Aufstand gegen die geplanten Zusatzgebühren für das Studium, in welche Widersprüche sich der Staat verwickelt hat durch die undurchdachte Expansion der Universitäten seit den sechziger Jahren, als nur sieben Prozent der in Frage kommenden Altersgruppe eine Hochschulausbildung erhielt. Inzwischen liegt die Statistik bei mehr als vierzig Prozent. Allein in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Studenten verdoppelt, das reale Einkommen der Universitäten pro Kopf jedoch halbiert.
Dieser Prozeß hat selbst an den besten Universitäten unweigerlich zu einer Senkung des Niveaus geführt, nicht nur weil sie überstrapaziert werden, sondern auch weil die Eintrittsqualifikationen gesenkt worden sind. Das Bestreben, mehr Schulabgänger für das Studium zu gewinnen, geht einher mit dem Lerndefizit der Bewerber aus dem staatlichen Schulsystem. John Mason, ehemaliger Universitätsrektor, steht nicht allein mit seiner Einschätzung, daß die Entscheidung, das Hochschulwesen zu erweitern, ohne sich vorher um die Schulen kümmern, sei, als ob man ein zusätzliches Stockwerk auf ein Haus mit bröckelnden Fundamenten setze.
Staatliches System verlassen
Nachdem die Regierungen beider Couleur die Erweiterung der Universitäten vorangetrieben haben, ohne die finanziellen Folgen zu bedenken, sind sich alle einig, daß eine Reform fällig ist. Die sogenannten Eliteuniversitäten, die fürchten, unter das Niveau der Institutionen von Weltrang zurückzufallen, haben sich für höhere Studiengebühren eingesetzt. Sie drohen sogar, aus dem staatlichen System auszubrechen und eine "Ivy League" nach amerikanischem Vorbild zu gründen, die ihre Studenten nach eigenem Gutdünken mit Gebühren belastet. Eine Privatisierung der 19 Institutionen - darunter Oxford, Cambridge und die London School of Economics -, die in der sogenannten Russell-Gruppe vereint sind, ist nicht mehr undenkbar. Bei den neueren Universitäten, die aus den ehemaligen technischen Hochschulen hervorgegangen sind, finden die Zusatzgebühren weniger Zuspruch, nicht zuletzt, weil sie niedrigere Maßstäbe setzen und am wenigsten unter dem gegenwärtigen System zu verlieren haben.
Zur Zeit entfallen Gebühren in Höhe von 1125 Pfund (1632 Euro) im Jahr auf Studenten, deren Eltern mehr als 31 200 Pfund (45 257 Euro) verdienen. Um ihre Lebenskosten zu decken, können Studenten einen Kredit von bis zu 5050 Pfund (7325 Euro) im Jahr aufnehmen, den sie nach dem Studium abstottern müssen, sobald ihr Einkommen 10 000 Pfund (14 505 Euro) übersteigt. Die umstrittene Gesetzesvorlage, deren Scheitern Tony Blairs Gegner bewirken wollen, sieht vor, daß die Hochschulen vom Jahr 2006 an bis zu 3000 Pfund (4351 Euro) im Jahr erheben können, je nach den Kursen, die sie anbieten. Anders als bisher muß diese Summe nicht im voraus geleistet, sondern erst nach dem Studienabschluß zurückbezahlt werden, sobald das Jahreseinkommen mehr als 15 000 Pfund (21 758 Euro) beträgt.
Relikt des alten Klassensystems
Ungeachtet der Zugeständnisse an die Schlechterverdienenden bemängeln die Gegner innerhalb der Labour Party, daß die Gebühren Kinder aus ärmeren Verhältnissen vom Studium abhalten würden, weil sie sich vor den Schulden scheuten. Bezeichnender für die Entwicklung der Hochschulen aber ist das Argument, daß die variablen Gebühren zu einer Art Zweiklassensystem führen würden: Die Spitzenuniversitäten könnten, so die Befürchtung, aufgrund ihres Prestiges den höchsten Betrag verlangen, den sich wiederum nur die Privilegierten leisten könnten, während die neuen Universitäten mit ihren "Mickey-Mouse-Kursen" wie Golf-Management, Kleiderstudien, Pferdestudien und dergleichen ihre Preise niedriger ansetzen müßten und somit den Unbetuchten vorbehalten sein würden.
Die Vorhaben der Regierung, schrieb dieser Tage Blairs ehemaliger Außenminister Robin Cook, "würde die Universitäten einer kleinen Elite belohnen und die von der Mehrheit besuchten Universitäten diskriminieren". Cook wirft dem Premierminister vor, nicht begriffen zu haben, wie sehr der Labour Party die Vermarktung des Hochschulwesens widerstrebt. Wie seinerzeit in dem Streit über die Abschaffung der alten Grammar Schools oder Gymnasien, die mit wenigen Ausnahmen in Gesamtschulen umgewandelt wurden, gilt das Prinzip: lieber Gleichheit als Qualität.
Aber das Wort Elite fällt, wo man auch hinhört in der erregten Debatte über die Zukunft der Hochschulen. Wer zweifelt, daß das Auswahlverfahren nach überwiegend sozialen Kriterien erfolgen soll, wird als elitär gebrandmarkt. Die Spitzenuniversitäten Oxford und Cambridge gelten vielerorts als elitär - nicht im Sinne der herausragenden Leistungen, die sie vollbringen, sondern weil sie als Relikt des alten Klassensystems betrachtet werden. Ungeachtet der Bemühungen, Studenten aus dem staatlichen Schulsystem als Bewerber zu gewinnen, stehen sie immer noch in dem Ruf, Privatschüler zu bevorzugen.
Doch nach Meinung vieler liegen die Wurzeln des Übels nicht bei den voreingenommenen Universitäten, sondern in der Misere der staatlichen Schulen, wo ein Viertel aller Elfjährigen die Grundschule ohne die Lesekenntnisse verläßt, die für den Lehrplan der Sekundarstufe notwendig sind. Als elitär empfinden sie auch die geplanten Studiengebühren. Dabei werden nach den beschlossenen Kompromissen die unteren Einkommensgruppen nicht nur von der Studiengebühr befreit; ihnen sind auch höhere Zuschüsse für ihren Lebensunterhalt zugesagt worden. Solange sie nach dem Studium nicht mehr als 15 000 Pfund im Jahr verdienen, sind auch keine Rückzahlungen fällig. Und nach fünfundzwanzig Jahren werden die Schulden abgeschrieben.
Vorstellung sozialer Chancengleichheit
Die Umstrukturierung trifft vor allem die Mittelschicht, die das kostenlose Studium bis vor kurzem als selbstverständlichen Anspruch betrachtete, nicht zuletzt weil die Eltern oftmals tief in die Tasche gegriffen hatten, um eine private Schulausbildung zu bezahlen. Aus diesem Grund widersetzt sich auch die Konservative Partei der Politik, obwohl sie den marktorientierten Grundsätzen der Tories eher entspricht als dem Programm einer sozialdemokratischen Partei.
Die Vorstellungen von sozialer Chancengleichheit wiegen schwer auf dem britischen Hochschulsystem. Tony Blair will bis zum Jahr 2010 dafür sorgen, daß fünfzig Prozent aller Briten im Alter von 18 bis 30 Jahren eine Hochschulausbildung erhalten. Nur so könne Großbritannien wettbewerbsfähig bleiben, lautet das Argument; die Industrie finde keine qualifizierten Arbeitskräfte mehr.
Angesichts dieser Diskussion sehen viele das Bildungsargument in den Hintergrund gedrängt. Der frühere britische Premierminister Harold Macmillan erzählte, daß J. A. Smith, Philosophieprofessor in Oxford, seine Studenten mit diesem Rat zu begrüßen pflegte: "Meine Herren, nichts von dem, was Sie während Ihres Studiums lernen werden, wird Ihnen später vom geringsten Nutzen sein - bis auf dieses: Wenn Sie hart und intelligent arbeiten, sollten Sie in der Lage sein, zu erkennen, ob jemand Unsinn redet oder nicht. Und das ist nach meiner Meinung der wichtigste, wenn nicht der einzige Zweck der Ausbildung."