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Bildung Das Land braucht eine Ausländerelite

24.10.2004 ·  Bisher wurde das Talent der Einwanderer-Kinder vergeudet. Das Stipendien-Programm „Start“ investiert in begabte junge Ausländer. Zustifter, Städte und Länder helfen. Ein Projekt mit Aussicht auf Erfolg.

Von Hans Riebsamen
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Jeder fünfte ausländische Schüler verläßt die Schule ohne Abschluß. Eine Bankrotterklärung für das deutsche Schulsystem - wie anders soll man die vom Statistischen Bundesamt ermittelte Zahl interpretieren? Hinten und vorne stimmte es nicht an unseren Schulen, blickt man auf die 960000 Schüler türkischer, spanischer oder anderer fremdländischer Herkunft.

Vorne: Selbst in Deutschland geborene Kinder sprechen in einem Stadtteil wie dem Frankfurter Gallusviertel mit seinen fünf Dutzend Nationalitäten häufig nur gebrochen Deutsch. Bei einem Test in einer ersten Grundschulklasse an einer der dortigen Schule stellte sich vor kurzem heraus, daß von 19 Schülern gerade einmal ein Junge halbwegs das Sprachniveau erreichte, das man in diesem Alter bei intelligenten Kindern voraussetzt.

Da ist nicht viel

Hinten: Dort kommen viel zu viele Jugendliche ohne Schulabschluß heraus, ein künftiges Heer von Sozialhilfeempfängern. Auch viel zu viele Hauptschüler, die es immer schwerer haben, einen Ausbildungsplatz zu finden, weil Hauptschulen vielerorts nur noch als Hilfsschulen gelten. Dafür zu wenige Abiturienten. Während jeder dritte deutsche Schüler eines Jahrgangs das Abitur macht, bringt es nur jeder achte ausländische Schüler bis zur Hochschulreife.

Was Deutschland fehlt, ist eine Ausländerelite: türkischstämmige Ingenieure, Unternehmer mit balkanischen Vorfahren, Professoren, deren Väter und Mütter aus Kalabrien stammen. Viel mehr als ein paar schußsichere Bundesliga-Spieler sowie der Vorzeigepolitiker Cem Özdemir oder der Reisekönig Vural Öger sind da nicht.

Kinder ausländischer Eltern haben es schwer

Kenan Önen hat es nicht bis in die eisigen Höhen eines Konzernvorstands oder in die Führungsriege einer Partei geschafft. Der 44 Jahre alte Doktor der Politikwissenschaften ist "nur" Leiter des Projekts "Start" für Immigrantenförderung bei der Hertie-Stiftung, mittlerweile eine der größten und erfolgreichsten Stiftungen in der Republik. Doch kann man den gebürtigen Türken als Beleg dafür nehmen, daß man es zu etwas bringen kann, auch wenn man von ganz unten kommt. Aber Önen ist auch ein Beispiel dafür, wie schwer es Kinder ausländischer Eltern in der Regel haben. Auf dem Gymnasium habe er immer ein kleines bißchen mehr leisten müssen als seine deutschen Mitschüler, um die gleiche Note zu bekommen, erinnert er sich an seine Schulzeit in der Klosterstadt Maulbronn. Und Önen konnte nicht auf große Unterstützung bei den Eltern zählen. Die kannten sich im deutschen Schulsystem kaum aus, wären nie auf die Idee gekommen, ihren Sohn auf eine höhere Schule zu schicken. Önen hat sich damals ohne Wissen von Vater und Mutter für die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium angemeldet.

Heute ist Önen für "seine" Zuwandererkinder ein Vorbild. Shala und Nenad und manch anderer Stipendiat der Hertie-Stiftung blicken zu ihm auf: "So wollen wir auch mal werden." So wie er? Nein, weiter werden es viele seiner Zöglinge bringen, glaubt Önen - zu angesehenen Professoren, berühmten Wissenschaftlern, respektierten Unternehmern. Shala Mohtezebsada zum Beispiel, die Siebzehnjährige aus Afghanistan, hat ein klares Ziel vor Augen. Ärztin wird sie einmal sein, wie ihre Tante in Kabul, die zu den besten Medizinern Afghanistans zählt. "Shala war Schulsprecherin, Klassensprecherin und Mitglied der Schulkonferenz", heißt es im Empfehlungsschreiben ihrer Lehrerin für ein "Start"-Stipendium.

Föderung junger Ausländer

"Start" - so lautet das Schlüsselwort. Start in eine Hochschulausbildung, in eine akademische Karriere, in eine künftige Führungsposition. Wer talentiert und fleißig ist, gute Noten vorweist und -dies ist eine weitere unverzichtbare Voraussetzung - sich engagiert zum Beispiel bei einer Schülerzeitung oder in einem Ehrenamt, kann sich für ein "Start"-Stipendium bewerben: 100 Euro im Monat, ein Computer mit Internetanschluß und Seminare. Eine "Investition in die Köpfe" nennt der Erfinder des Stipendien-Programms für begabte Zuwandererkinder, der Geschäftsführer der Hertie-Stiftung Roland Kaehlbrandt das Projekt.

Dahinter steht der Gedanke, daß eine alternde Gesellschaft wie die deutsche ihre Zukunft verspielt, wenn sie gedankenlos zusieht, wie die Talente junger Ausländer verkommen. Wer soll denn den Standort Deutschland konkurrenzfähig halten, wenn nicht die Jungen, darunter auch jene knappe Million von Ausländerkindern, die heute die deutschen Schulen besuchen?

Selbstbewußtsein und Anerkennung

Eine neue Elite? Nenad Balaneskovic wird vielleicht einmal zu ihr zählen. "Nenad ist dem gesamten Lehrerkollegium aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabung, seines unstillbaren Wissensdurstes und seiner nicht oft in dieser Weise anzutreffenden Arbeits- und Sozialhaltung ein Begriff", schreibt seine Lehrerin in ihrer Beurteilung des 20 Jahre alten Serben. Physiker oder Mathematiker will Nenad werden, der vor fünf Jahren mit seinen Eltern - politisch verfolgten Oppositionellen - aus Nis nach Frankfurt gekommen ist. Am Chemie-Schülerwettbewerb "Dechema" hat der begabte junge Mann teilgenommen, auch bei "Jugend forscht" war er dabei, derzeit, also schon vor seiner Abitursprüfung im Frühjahr, sieht er sich nach einem Studienplatz an einer guten Fakultät um. Wenn man Nenad in seinem etwas umständlichen Lexikon-Deutsch von seinem Studium und der geplanten Promotion sprechen hört, würde man, ohne zu zögern, einen höheren Betrag darauf wetten, daß er es schaffen wird.

Das "Start"-Stipendium bedeutet für ihn oder für die junge Shala - sie besitzt übrigens schon die deutsche Staatsbürgerschaft - weit mehr als nur ein großzügig bemessenes Taschengeld von hundert Euro. Es gilt ihnen und den meisten anderen der bisher 99 Start-Stipendiaten als Eintrittsbillett in einen Club der Auserwählten, aus dem eine künftige Ausländerelite erwachsen soll. Bei den obligatorischen "Start"-Seminaren, in denen die Teilnehmer etwa rhetorisches Geschick oder gutes Benehmen erlernen, treffen sie auf leistungsbereite Gleichgesinnte und Gleichaltrige, die schon jetzt, im dritten Jahr des Projekts, ein Netzwerk bilden. Selbstbewußtsein, bei allzu vielen Ausländerkindern nur rudimentär vorhanden, und Anerkennung, ebenfalls eine rare Erfahrung für junge Türken oder Bosnier, sind für Jugendliche wie Shala und Nenad der wichtigste Gewinn, den sie aus ihrem Stipendium ziehen.

Lösungen für hinten und vorne

Bei der Aufnahme des neuen "Start"-Jahrgangs in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt sitzen neben den 34 Stipendiaten und ihren Eltern und Verwandten auch um die sechzig Beobachter aus unterschiedlichen Einrichtungen und Organisationen im Saal. Es scheint, als habe das Land nur auf "Start" gewartet. Mittlerweile klinkten sich andere in das Programm ein: die Carls-Stiftung, die Deutsche-Bank-Stiftung, der Kreis Offenbach und mehr als ein Dutzend weiterer Institutionen. Sie alle haben die Finanzierung von ein, zwei, vier Stipendien - 5000 Euro kostet eins - übernommen. Die Hertie-Stiftung liefert das Know-how, Zustifter geben Geld, Städte und Länder pädagogische Unterstützung in Form von Manpower. Ein Dreieck des Erfolgs scheint es.

Warum dieses hohe Interesse an dem Programm? Weil "Start" kein laues Multikulti-Profil hat, sondern politisch klare Aussagen macht. Die Botschaft lautet: Wir wollen Kinder von Zuwanderern zu deutschen Staatsbürgern machen, die hohe Leistungen erbringen, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und ihr Land voranbringen.

Es fehlt hinten und vorne im deutschen Schulsystem, gewiß. Aber es gibt auch hinten und vorne Lösungsansätze: Einer für hinten ist das "Start"-Stipendienprogramm. Einer für vorne heißt Deutschlernen im Kindergarten - oder in der Hertie-Sprache "Frühstart". Auch dieses Projekt gibt es.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.10.2004, Nr. 43 / Seite 6
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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