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Veröffentlicht: 15.03.2005, 17:11 Uhr

Bevölkerungsentwicklung A-H-O-V-X

Für die Zukunft des Sozialstaats spielen demographische Annahmen eine entscheidende Rolle. Doch nicht alles, was als Ideal erscheint, taugt dazu. Ist es wirklich sinnvoll, die Bevölkerung durch Geburten wieder zum Wachstum anzuregen?

von Professor Dr. Ruprecht Jaenicke
© F.A.Z.

In der Diskussion über Generationsvertrag und Bevölkerungspolitik, über Arbeitslosigkeit und nachfolgende Generationen sowie Sicherheit und Finanzierung der Renten der gegenwärtigen Generation schaut man gern und mit verklärtem Blick auf den Bevölkerungsaufbau früherer Zeiten zurück.

Etwa auf die „ideale Bevölkerungspyramide“ in Deutschland, die des Jahres 1910. Ihre Form, ein A, wird für ein Allheilmittel gehalten. Viele Kinder bilden die Basis, die Mitte ist kräftig, die schmale Spitze bilden die wenigen Alten, deren Renten zu finanzieren sind. „Ideal“ ist eine solche Bevölkerungsstruktur jedoch nur auf der ersten Blick - und nur, wenn man auf das Geld schaut.

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Alterspyramide A zutiefst inhuman

Eine solche Alterspyramide kann nur unter bestimmten Bedingungen entstehen. Setzen wir voraus, daß der Grund vieler Übel der heutigen Welt eine ständig wachsende Bevölkerung ist, so muß man es darauf anlegen, daß die Größe der Weltbevölkerung und auch der Bevölkerung in Deutschland konstant bleibt.

Bevoelkerungsentwicklung-H © F.A.Z. Vergrößern

Unter dieser Grundannahme beschreibt die A-Alterspyramide eine Bevölkerungsstruktur mit Tränen, Sorgen und Kummer. In jeder Alterskohorte nämlich müssen stets viele Kinder und Erwachsene erkranken, leiden und sterben, denn anders ist es nicht möglich, einen solchen Bevölkerungsaufbau zu formen und stabil zu halten. Vielleicht ist die A-Alterspyramide natürlich und vielleicht sogar notwendig, aber sie ist zutiefst inhuman.

Geringe Lebenserwartung

Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur etwa 37 Jahre. Viele Menschen starben früh, mitten im Arbeitsleben.

Sie alle haben den Generationenvertrag mitfinanziert, selbst aber kaum davon profitiert. Sie haben Kinder erzogen und Alte ernährt und gepflegt, aber nur zum Teil, nämlich als Junge, von dem sogenannten Generationenvertrag profitiert.

3,2 Kinder pro Frau notwendig

Wenn man die Größe der deutschen Bevölkerung stabil und gleichzeitig die A-Alterspyramide erhalten will, dann müssen bei einer angenommenen Spitze der Pyramide von 80 Lebensjahren in jeder Alterskohorte 25.000 Menschen sterben und gleichzeitig zwei Millionen Kinder im Jahr geboren werden.

Unterstellt man, daß die Fruchtbarkeitsperiode für jede Frau etwa zwanzig Jahre währt, dann bedeutet das, daß jede Frau - statistisch betrachtet - etwa 3,2 Kinder zur Welt bringen muß. Diese Zahl ist erheblich größer als die von 2,1 Kindern, die heute als notwendig erachtet wird, um die Größe der Bevölkerung stabil zu halten.

H-Pyramide: wünschenswert und human

Ein etwas breitbeiniges H ist die Form einer wünschenswerten, humanen Bevölkerungsstruktur. Etwa annähernd so sagt es auch das „Census Bureau“ der Vereinigten Staaten für jenes Land im Jahr 2050 voraus: Krankheiten werden weitgehend beherrscht; Kinder und Erwachsene sterben selten vor der Zeit; mit etwa 80 Jahren nähert sich das Ende jedes Lebens rasch - der medizinische Fortschritt hat in den vergangenen einhundert Jahren die Lebenserwartung eines 80jährigen kaum vergrößert.

Nun, ganz wie ein H wird die Bevölkerung auch im Idealfall nicht aussehen, bleiben doch Unfälle, Sport, Morde, Selbstmorde oder Terror als Quelle frühzeitigen Sterbens. Eine solche Altersstruktur erfordert dann eine Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau.

Einseitige und emotionale Diskussion

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