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Bevölkerungsentwicklung A-H-O-V-X

 ·  Für die Zukunft des Sozialstaats spielen demographische Annahmen eine entscheidende Rolle. Doch nicht alles, was als Ideal erscheint, taugt dazu. Ist es wirklich sinnvoll, die Bevölkerung durch Geburten wieder zum Wachstum anzuregen?

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In der Diskussion über Generationsvertrag und Bevölkerungspolitik, über Arbeitslosigkeit und nachfolgende Generationen sowie Sicherheit und Finanzierung der Renten der gegenwärtigen Generation schaut man gern und mit verklärtem Blick auf den Bevölkerungsaufbau früherer Zeiten zurück.

Etwa auf die „ideale Bevölkerungspyramide“ in Deutschland, die des Jahres 1910. Ihre Form, ein A, wird für ein Allheilmittel gehalten. Viele Kinder bilden die Basis, die Mitte ist kräftig, die schmale Spitze bilden die wenigen Alten, deren Renten zu finanzieren sind. „Ideal“ ist eine solche Bevölkerungsstruktur jedoch nur auf der ersten Blick - und nur, wenn man auf das Geld schaut.

Alterspyramide A zutiefst inhuman

Eine solche Alterspyramide kann nur unter bestimmten Bedingungen entstehen. Setzen wir voraus, daß der Grund vieler Übel der heutigen Welt eine ständig wachsende Bevölkerung ist, so muß man es darauf anlegen, daß die Größe der Weltbevölkerung und auch der Bevölkerung in Deutschland konstant bleibt.

Unter dieser Grundannahme beschreibt die A-Alterspyramide eine Bevölkerungsstruktur mit Tränen, Sorgen und Kummer. In jeder Alterskohorte nämlich müssen stets viele Kinder und Erwachsene erkranken, leiden und sterben, denn anders ist es nicht möglich, einen solchen Bevölkerungsaufbau zu formen und stabil zu halten. Vielleicht ist die A-Alterspyramide natürlich und vielleicht sogar notwendig, aber sie ist zutiefst inhuman.

Geringe Lebenserwartung

Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur etwa 37 Jahre. Viele Menschen starben früh, mitten im Arbeitsleben.

Sie alle haben den Generationenvertrag mitfinanziert, selbst aber kaum davon profitiert. Sie haben Kinder erzogen und Alte ernährt und gepflegt, aber nur zum Teil, nämlich als Junge, von dem sogenannten Generationenvertrag profitiert.

3,2 Kinder pro Frau notwendig

Wenn man die Größe der deutschen Bevölkerung stabil und gleichzeitig die A-Alterspyramide erhalten will, dann müssen bei einer angenommenen Spitze der Pyramide von 80 Lebensjahren in jeder Alterskohorte 25.000 Menschen sterben und gleichzeitig zwei Millionen Kinder im Jahr geboren werden.

Unterstellt man, daß die Fruchtbarkeitsperiode für jede Frau etwa zwanzig Jahre währt, dann bedeutet das, daß jede Frau - statistisch betrachtet - etwa 3,2 Kinder zur Welt bringen muß. Diese Zahl ist erheblich größer als die von 2,1 Kindern, die heute als notwendig erachtet wird, um die Größe der Bevölkerung stabil zu halten.

H-Pyramide: wünschenswert und human

Ein etwas breitbeiniges H ist die Form einer wünschenswerten, humanen Bevölkerungsstruktur. Etwa annähernd so sagt es auch das „Census Bureau“ der Vereinigten Staaten für jenes Land im Jahr 2050 voraus: Krankheiten werden weitgehend beherrscht; Kinder und Erwachsene sterben selten vor der Zeit; mit etwa 80 Jahren nähert sich das Ende jedes Lebens rasch - der medizinische Fortschritt hat in den vergangenen einhundert Jahren die Lebenserwartung eines 80jährigen kaum vergrößert.

Nun, ganz wie ein H wird die Bevölkerung auch im Idealfall nicht aussehen, bleiben doch Unfälle, Sport, Morde, Selbstmorde oder Terror als Quelle frühzeitigen Sterbens. Eine solche Altersstruktur erfordert dann eine Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau.

Einseitige und emotionale Diskussion

Heute führt man eine sehr einseitige und emotionale Diskussion. Insbesondere redet man über die Renten und die Belastung jüngerer Menschen und deren Zukunftsaussichten. Man täuscht sich und andere, wenn man nicht zur Kenntnis nimmt, daß auch zu Zeiten eines A im Prinzip ein Erwerbstätiger (etwa 20 bis 60 Jahre) einen jüngeren (0 bis 20 Jahre: Junge) und einen älteren (grob 60 bis 80 Jahre: Senior) Mitbürger finanzieren und unterhalten mußte.

Sicher kann man auch die Grenzen 20, 60 und 80 anders ziehen oder mit mehr Jüngeren und weniger Senioren rechnen. Die grundsätzlichen Überlegungen werden davon nicht beeinflußt oder nur um einen kleinen Faktor modifiziert.

Vollkostenanalyse „Kind“

Vorausgesetzt wird in der Beweisführung, daß für die Finanzierung eines Kindes ebensoviel aufgewendet werden muß wie für die Finanzierung eines Seniors. Es gibt sicherlich viele, die dies bestreiten, weil sie es nicht glauben.

Beim Auto und vielleicht bei der Umwelt hat man sich an eine Vollkostenanalyse gewöhnt, beim Generationenvertrag hat man sie noch nicht angestellt und eingeführt. Sollte es aber eines Tages die Vollkostenanalyse „Kind“ geben, wird man sehen, was Kinder kosten.

Der erwerbstätige Bevölkerungsanteil zahlt

Der eigentliche Generationenvertrag, der zunächst innerhalb der Familie, später innerhalb der Gruppe und dann auch im Staat immer schon galt, sieht indes so aus: Ganz gleich, ob Renten gezahlt oder geldwerte Leistungen erbracht werden oder ob Kinder erzogen und ausgebildet werden, stets muß der erwerbstätige Bevölkerungsanteil dafür aufkommen.

Versicherungsmathematiker und Rentenstatistiker können leicht zeigen, wie das Verhältnis von der Anzahl Finanzierter zu der Anzahl Erwerbstätiger in unterschiedlichen demographischen Strukturen variiert.

Wer blauäugig diskutiert, sieht nur die aufzubringenden Renten und übersieht den gleichzeitigen geldwerten Einsatz des Staates für Schulen und Universitäten sowie den Zeitaufwand, den materiellen wie immateriellen Verzicht, den Eltern und Erzieher zugunsten des Unterhalts und der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen leisten.

Axiom der Volkswirte

All das ist ähnlich viel wert wie eine Rente, wird aber erst dann gespürt, wenn es wirklich bezahlt werden muß: Ganztagsbetreuung, Unterhalt, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Studium, Wohnraum, Pflegeversicherung. Am Generationenvertrag ändert sich nichts, egal ob direkt gezahlt oder eine Rente gebildet oder in Aktien investiert wird.

Gerhard Mackenroth hat im Jahr 1952 festgestellt, daß Rente nur aus dem Sozialprodukt der laufenden Periode erbracht werden kann. Diese Theorie ist später angezweifelt worden, allerdings zu Unrecht. Schon heute erfahren wir, daß eine nächste „Spaß“-Generation unter Umständen nicht bereit ist, Rentenleistungen zu erbringen, weil sie sich daraus keine Rendite verspricht.

Rendite in diesem Sinn heißt, diese Generation sieht nicht, daß sie das eingezahlte Geld jemals wieder erhält. Gleichwohl, Mackenroths Ansatz ist zu einem Axiom der Volkswirte geworden.

Besonders abstoßende Variante

Aktien sind nur dann rentierlich, und Renten, Sparbücher oder auch Sparstrümpfe werfen nur dann Kapital ab, wenn es aktuell erwirtschaftet wird. Wenn bei der Finanzierung von Renten an ausländische Aktien gedacht ist, dann wird eine besonders abstoßende Variante vorgeschlagen.

Dann nutzt man die zahlenmäßige Überzahl junger ausländischer A-Gesellschaften, um den eigenen Lebensabend zu finanzieren, ohne daß den Aktienkäufern je ein Gegenwert garantiert wird, wenn sie selbst alt sind. Ob das für eine jetzt ansparende junge Generation gutgeht?

Rente in Umlageverfahren investieren

Wenn potentielle Erwerbstätige dem Spaß frönen und nichts leisten, wird nichts erzeugt. Auch gehortetes Gold oder Wohneigentum oder Betriebsvermögen hat keinen Wert an sich, wenn nicht die Erwerbstätigen es begehren und dafür bezahlen.

Daher besagt der Generationenvertrag eindeutig, daß Rentner nicht von dem leben, was sie erspart oder in Aktien angelegt haben, sondern nur von der Leistung der Erwerbstätigen. Deswegen erhält ein alter Mensch natürlich nicht ein Almosen. Vielmehr gibt die arbeitende Bevölkerung das zurück, was in sie als Jugendliche investiert wurde.

Mit der gleichzeitigen Erziehung Jugendlicher wiederum erwirbt sich die arbeitende Bevölkerung ein Anrecht auf spätere Alimentation. Das ist eigentlich trivial. Deshalb muß in Deutschland die Rente im Umlageverfahren finanziert werden, ganz gleich, welche politischen Begriffe man für das Verfahren wählt.

O-Pyramide: Erwerbstätige verantwortlich

O-förmig mit recht „breiten Hüften“ ist gegenwärtig die demographische Struktur in Deutschland. Bei diesem Bevölkerungsaufbau wird der arbeitende Teil der Bevölkerung gering belastet, denn es gibt zwar mehr Senioren als früher, aber gleichzeitig doch viel weniger Junge.

Gegenwärtig wird den Erwerbstätigen durch geringe Abgaben zur Finanzierung der Senioren und der Erziehung der Jungen der Blick darauf verstellt, daß sie für andere umfangreicher verantwortlich sind, als sie es empfinden.

Eine ähnliche demographische Form wird uns wohl noch einige Zeit begleiten, denn die Zahl der Kinder in Deutschland sinkt, und die Bevölkerung hierzulande schrumpft, langsam, aber sicher.

V steht für viele Senioren und wenig Kinder

Die Form eines V wird die Bevölkerungsstruktur in den kommenden 30 Jahren annehmen. V steht für viele Senioren und wenige Kinder, und doch gilt das, was über die Belastung der Arbeitenden im Fall A gesagt wurde, auch im Fall V.

Das Zahlenverhältnis „Arbeitende Bevölkerung 20 bis 60“ zu „Finanzierte Bevölkerung 0 bis 20 und 60 bis 80“ ist bei A und V stets etwa eins zu eins, die Belastung für die Erwerbstätigen mithin nahezu gleich.

X-Pyramide: Unerträgliche Belastung

Nun ist Deutschland bei der Veränderung des Bevölkerungsaufbaus von einem O zu einem V schon so weit fortgeschritten, daß es politisch und ökonomisch dumm wäre, wenn man es denn für geboten hielte, die Bevölkerung wieder zum Wachstum durch Geburten anzuregen. Einwanderung verändert die aktuelle Struktur kaum, bei „mehr Geburten“ verbreitert sich die Basis: Dann ergäbe sich ein X, mit einer schmalen Taille, breitem Fuß und breitem Oberteil.

Der Aufbau der Bevölkerung in Form eines X bedeutete aber eine unerträgliche Belastung für die wenigen „Erwachsenen“ (die Taille), die dann arbeiteten. Sie müssen viele Senioren und mehr und mehr Junge unterhalten. Kriege haben eine solche Form erzeugt, das haben die Überlebenden zu spüren bekommen. Machen wir uns daher nicht ein X für ein U vor, planen wir den einfachen Realitäten entsprechend.

Der Verfasser lehrt Physik an der Universität Mainz.
Quellen: Statistisches Bundesamt, Census Bureau der Vereinigten Staaten.

Quelle: F.A.Z., 15.03.2005, Nr. 62 / Seite 10
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