06.08.2006 · Seit Jahrzehnten ist umstritten, ob die von Israel besetzten Shebaa-Farmen zum Libanon oder zu Syrien gehören. Das schlägt sich nun auch in der Bewertung des Resolutionsentwurfes der UN nieder. Eine verzwickte Situation.
Von Michael Borgstede, Tel AvivEigentlich herrschte in Jerusalem Zufriedenheit über den von Frankreich und den Vereinigten Staaten vorgelegten Resolutionsentwurf zum Libanon-Konflikt. Nur ein Absatz macht der israelischen Regierung Kopfzerbrechen: Der Entwurf fordert die „Festlegung der internationalen Grenzen Libanons, besonders dort, wo die Grenzen umstritten oder unklar sind, wie im Gebiet der Shebaa-Farmen“.
Laut Israel gibt es aber gar keinen Grenzkonflikt mit Libanon. Die sogenannten Shebaa-Farmen, ein zweieinhalb Kilometer breiter und 25 Kilometer langer Streifen Land am Fuße des Hermonberges, hatte Israel 1967 von Syrien erobert und 1981 als Teil des Golan annektiert. Israel besteht deshalb darauf, daß ein Abzug aus dem Gebiet nur im Rahmen von Friedensverhandlungen mit Syrien in Frage kommt. Ob die 25 Quadratkilometer aber zu Syrien oder Libanon gehören, ist seit Jahrzehnten umstritten.
Alle Bewohner 1960 zum Paßtausch gezwungen
Das Sykes-Picot-Abkommen nach dem Ersten Weltkrieg teilte die Shebaa-Farmen offiziell Syrien zu, das ebenso wie Libanon französisches Mandatsgebiet wurde. Das fruchtbare Ackerland aber gehörte zum größten Teil Libanesen aus dem im Libanon gelegenen Dorf Shebaa. Die Landwirte zahlten ihre Steuern im Libanon, obwohl sie ihre Ernte offiziell auf syrischem Staatsgebiet einfuhren. Im syrisch-israelischen Waffenstillstandsabkommen von 1949 wurden die Shebaa-Farmen als Teil Syriens bezeichnet.
Erst eine libanesisch-syrische Beratungskommission wollte das Gebiet 1964 Libanon zuschlagen. Keine der beiden Regierungen aber drang darauf, diese Entscheidung umzusetzen. Tatsächlich wurden die Farmen zu dem Zeitpunkt zweifelsfrei von Syrien verwaltet, das bereits einen Militärstützpunkt in dem Gebiet errichtet hatte. Schon 1960 waren alle Bewohner dazu gezwungen worden, ihre libanesischen gegen syrische Pässe einzutauschen.
„Das Gebiet gehört nicht zum Libanon“
Am 15. Mai 2000 übergab die libanesische Regierung den Vereinten Nationen ein Landkarte aus dem Jahr 1966 zur Bekräftigung ihrer Gebietsansprüche. Der Abschlußreport der Untersuchungskommission kam dennoch zu einem anderen Ergebnis: Der Kommission hätten 10 nach 1966 erstellte libanesische Landkarten vorgelegen, die das umstrittene Gebiet allesamt Syrien zuordneten. Sechs syrische Karten stützten diesen Eindruck. Die Vereinten Nationen kamen deshalb zu dem Schluß, Israel habe sich aus allen besetzten libanesischen Gebieten zurückgezogen und sei der Resolution 425 nachgekommen. Auch die erhoffte Verzichtserklärung der syrischen Regierung blieb aus.
Erst vor einem Jahr hatte der Abgesandte der Vereinten Nationen für den Nahen Osten, Terje Roed-Larsen, deshalb deutlich gemacht: „Das Gebiet der Shebaa-Farmen gehört nicht zum Libanon.“ Darum könne auch keine libanesische „Widerstandsorganisation“ das Land „befreien“. Doch auch der libanesische Regierungschef Fuad Siniora forderte während der Konferenz zum Libanon-Konflikt in Rom eine Rückgabe der Shebaa-Farmen, die „noch immer von Israel besetzt sind“.
Olmert zeigt sich gegenüber Rice unnachgiebig
Internationale Diplomaten sehen in dieser Forderung eine Chance. Vor gut zwei Wochen hat Roed-Larsen vorgeschlagen, Israel könne die Shebaa-Farmen zugunsten Libanons verlassen, falls Syrien offiziell auf seine Gebietsansprüche zu verzichten bereit sei. Da der Großteil der Unterstützung der Hizbullah im Libanon mit dem Kampf um die Shebaa-Farmen verbunden sei, könne die Hizbullah so möglicherweise innenpolitisch isoliert werden, hofft Road-Larsen.
Auch die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice soll bei ihrer Visite in Jerusalem die Möglichkeit eines israelischen Rückzuges ausgelotet haben. Dahinter steht wahrscheinlich der Gedanke, ein Anerkennungserfolg würde der libanesischen Seite die Zustimmung zu einem Waffenstillstand erleichtern. Doch während Ministerpräsident Olmert vor Beginn des Krieges durchaus bereit gewesen sein soll, über eine Rückgabe an Libanon zu verhandeln, hat sich die Situation jetzt verändert. Gegenüber Frau Rice zeigte Olmert sich unnachgiebig.
„Deutliches Zeichen an Nasrallah und radikalen Islam“
Lange Zeit hatten die Shebaa-Farmen eine große militärstrategische Bedeutung. Von den bis zu 1900 Meter hoch gelegenen Farmen konnte die israelische Armee ungehindert bis ins Bekaa-Tal blicken, wo sowohl die syrische Armee als auch die Hizbullah einen Großteil ihrer Übungen durchführen. Im Zeitalter der Satellitenaufklärung hat der Gebirgskamm allerdings an Bedeutung verloren. Reservegeneral Jaakov Amidror, der ehemalige Chef der Aufklärung des Militärgeheimdienstes, sagt, der Staat Israel könne ohne die Shebaa-Farmen auskommen. Er sei allerdings gegen einen Rückzug als Reaktion auf den Raketenbeschuß der Hizbullah. „Wenn wir die Shebaa-Farmen jetzt aufgeben, wäre das ein deutliches Zeichen an Nasrallah und den radikalen Islam, daß sie mit Terrorismus Zugeständnisse erpressen können.“
Selbst wenn Israel einem Rückzug zustimmen sollte, ist damit längst nicht sichergestellt, daß die Hizbullah tatsächlich die Waffen strecken wird. Immer wieder haben Nasrallah und seine Getreuen in den vergangenen Monaten bereits auf ihr nächstes Ziel hingewiesen: die „Befreiung“ von sieben Dörfern im Norden Israels, die vor dem israelisch-arabischen Krieg von 1948 von ungefähr 4000 Schiiten bewohnt wurden. Die Bewohner flüchteten während des Krieges in den Libanon. Wo einst ihre Dörfer standen, finden sich heute israelische Niederlassungen und Kibbuzim.