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Berlusconi-Prozess Gänzlich ungeniert

Für Silvio Berlusconi kommt es knüppeldick. Eine Gefängniszelle wird er aber wohl nie von innen sehen. Das eigentliche Drama ist, dass der Mann in der italienischen Politik noch immer Strippen zieht und den Laden zum Einsturz bringen kann.

Unter deutschen Bedingungen würde man sagen: Dieses Mal kommt es für Silvio Berlusconi, den die Italiener „Il Cavaliere“ nennen, knüppeldick. Die Unterschrift unter einem Urteil über vier Jahre Haft wegen Steuerhinterziehung ist kaum trocken, da ergeht schon das nächste: sieben Jahre Haft wegen bandenmäßig organisierter Prostitution, inklusive Sex mit einer Minderjährigen, dazu noch Amtsmissbrauch, weil der damalige Ministerpräsident Berlusconi die inzwischen berühmt-berüchtigte „Ruby“ persönlich aus dem Gewahrsam der Polizei befreit hatte, unter dem Vorwand, sie sei die Nichte des ägyptischen Präsidenten Mubarak, deshalb könne es zu diplomatischen Verwicklungen kommen.

Doch beide Prozesse, die von Berlusconis Anwälten systematisch verschleppt wurden, fanden in Italien statt. Das Land hat wegen seiner langwierigen Gerichtsverfahren schon Rügen des Europarats einstecken müssen, und Berlusconi hat schon angekündigt, dass er in beiden Fällen den Rechtsweg ausschöpfen werde. Das kann wiederum Jahre dauern, und es kann als sicher gelten, dass Berlusconi nie eine Gefängniszelle von innen sehen wird.

Was die öffentliche Meinung angeht, gilt der Satz: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's gänzlich ungeniert. Die Sex-Eskapaden des 76 Jahre alten so gar nicht kavaleresken „Cavaliere“ sind dem ganzen Land bekannt, inklusive pikanter (und peinlicher) Details, die von Prostituierten ausgeplaudert wurden. Bei der Scheidung von seiner Frau wurden so viele anstößige Geschichten öffentlich, dass ein wirklicher Kavalier sich nicht mehr auf die Straße trauen würde.

Was die Steuertricks seines Medienimperiums angeht, ist Berlusconis Firma vermutlich nicht schlimmer als andere in Italien. Es stimmt auch, dass die Mailänder Justiz ihn besonders auf's Korn genommen und seit Jahren mit Untersuchungen überzogen hat, ohne dass er dabei selbst hätte belangt werden können. Abgesehen von der Peinlichkeit der „Bunga-Bunga“-Parties in Berlusconis Villa bei Mailand, ist durchaus nicht gewiss, ob die Straftatbestände, die jetzt zu der Verurteilung geführt haben, so hieb- und stichfest beweisbar sind, dass das Urteil in der nächsten Instanz standhält.

Das eigentliche Drama ist, dass der Mann in der italienischen Politik noch immer Strippen zieht und den Laden zum Einsturz bringen kann.

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Quelle: F.A.Z.

 
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