Mit Verweis auf die Euphorie gegenüber der Atomenergie in den 50-er und 60-er Jahren hat Bundespräsident Johannes Rau am Freitag in seiner zweiten „Berliner Rede“ vor einem blinden Fortschrittsglauben hinsichtlich der Gentechnik gewarnt.
Mit seiner Forderung, die Ethik müsse Vorrang vor der Ökonomie haben, steht er dem Positionspapier von Bündnis 90/Grüne deutlich näher als Bundeskanzler Gerhard Schröder. Rau lehnt die Forschung an Embryonen und die Präimplantationsdiagnostik (PID) ab.
Rau: Ethik geht vor Wirtschaft
Was heute in der Gentechnologie und in der Fortpflanzungsmedizin möglich sei, habe eine völlig neue Qualität. „Zum ersten Mal scheint die Menschheit fähig, den Menschen selbst zu verändern, ja ihn genetisch neu zu entwerfen“, sagte Rau. Die Forschung dringe in immer neue Bereiche vor. „Heute scheinen Menschheitsträume wahr zu werden. Wir werden zu Mitspielern der Evolution.“ Doch damit seien auch Ängste verbunden: „Werden wir zu Zauberlehrlingen, die Entwicklungen in Gang setzen, deren Folgen wir weder überblicken noch beherrschen können?“
„Wo die Menschenwürde berührt ist, zählen keine wirtschaftlichen Argumente.“ Die Aussage des Sohnes eines calvinistischen Predigers aus Wuppertal lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Raus Credo passt in das bisher sich abzeichnende Schema in der noch jungen Debatte um die Gentechnik. Politiker, die aus religiös geprägten Familien kommen, neigen eher dazu, die Ethik in den Vordergrund zu stellen, während Politiker ohne derartige Bindungen sich liberaler geäußert haben.
Dreh- und Angelpunkt ist für Rau die Frage, ab welchem Zeitpunkt menschliches Leben geschützt werden solle. Rau verwies auf einen Beschluss des Deutschen Bundestages von 1990, der die befruchtete Eizelle als Beginn der Schutzwürdigkeit festgelegt hat. Wer nun an Embryonen forschen wolle, müsse nicht nur diesen Zeitpunkt neu definieren, sondern die neue Festlegung auch begründen. Rau befürchtet, dass jede „andere Grenzziehung willkürlich und dem Druck auf neuerliche Veränderung ausgesetzt“ sein wird. Vor allem aber, so glaubt der Bundespräsident, würde es bedeuten, „das ethisch Verantwortbare stets neu den technischem Möglichkeiten anzupassen.“
Gegen ethische Kapitulation
Kein Verständnis hat Rau für die Befürworter von mehr Freiraum in der Forschung, wenn sie mit Sätzen wie „Die Anderen tun es doch auch“ oder „Wenn wir es nicht tun, dann tun es die Anderen“. Beide Begründungen sind für Rau „Ausdruck ethischer Kapitulation.“ Den ersten Satz würden wir ja auch nicht im Falle von Kinderarbeit, Sklaverei und der Todesstrafe akzeptieren. Und mit dem zweiten könnten wir auch unbegrenzten Rüstungsexport betreiben.
Wie die Grünen spricht sich der Bundespräsident gegen die Präimplantationsdiagnostik (PID) aus. Dabei handele es sich um eine Methode, die selbst nach Auffassung ihrer Befürworter so problematisch sei, dass sie nur ganz selten eingesetzt werden sollte. Die Gefahr des Missbrauchs sei zu groß, erklärte Rau: „Wäre eine solche Beschränkung einzuhalten, wenn die Erlaubnis einmal grundsätzlich gegeben ist?“ Auch der Abtreibungsparagraf 218 ist für Rau kein Argument für PID, „denn er zielt auf die unvergleichbare Konfliktsituation während einer Schwangerschaft.“
In seiner Rede ging Rau noch auf ein zweites heikles Thema ein, das in Deutschland noch kaum diskutiert wird, obwohl das Nachbarland Niederlande kürzlich die gesetzlichen Voraussetzungen für aktive Sterbehilfe geschaffen hat. Für den Bundespräsidenten ist die aktive Sterbehilfe nicht die einzig mögliche Antwort auf die oft verzweifelte Situation von alten Menschen, die „große Angst davor haben, am Ende ihres Lebens Leid und Schmerzen hilflos ausgeliefert zu sein.“ Rau plädierte für verstärkte Forschungsanstrengungen auf dem Gebiet der Schmerztherapie: „Das ist nun wirklich zutiefst human und im Interesse eines jeden von uns.“