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Berlin Baustopp am Mahnmal für die ermordeten Juden

25.10.2003 ·  Das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas unterliegt einem Baustopp. Hintergrund ist die Kontroverse um die Beteiligung der Degussa. Eine Tochterfirma von Degussa stellte im Dritten Reich Zyklon B her.

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Die Arbeiten am Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas ruhen. Im Kuratorium der Stiftung endete am Donnerstag eine Kontroverse über den Lieferanten des Graffitischutzes für die 2.700 Stelen mit dem Beschluß, die Arbeiten einstweilen einzustellen. Es soll nun ein Graffitischutzmittel eines anderen Herstellers für die Stelen, aus denen das Mahnmal nach dem Entwurf des Architekten Eisenman besteht, gesucht werden und mit der Firma Degussa über die Gründe geredet werden, die zur Ablehnung der Vergabe an sie geführt haben.

Maßgeblich für die Entscheidung waren Einwände der Gedenkstättenvertreter im Kuratorium. Sie warfen den Vertretern der Politik vor, nicht verstanden zu haben, daß die Erinnerungskultur in Deutschland darauf beruhe, daß die Politik bewußt zurückhaltend auftrete, daß auf die Opfer gehört werde, selbst wenn man ihre Argumente für irrational halte, und daß Symbole verstanden und ernst genommen würden. Degussa war im Dritten Reich die Mutterfirma der Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung), die Zyklon B an die Vernichtungslager lieferte, in denen die europäischen Juden von den Deutschen umgebracht wurden.

Degussa verantwortungsvoll gegenüber seiner Vergangenheit

Der Leiter der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten, Günter Morsch, formulierte in der als ernsthaft und fundiert, aber äußerst scharf geschilderten Debatte, die Arbeit der Gedenkstätten habe mehr zum Ansehen Deutschlands beigetragen als die Außenpolitik. Morsch und Reinhard Rürup von der Stiftung "Topographie des Terrors" forderten die Politiker auf, die Erfahrungen derjenigen anzuhören und zur Basis ihrer Entscheidungen zu machen, die professionell mit Erinnerungsarbeit befaßt sind. Der Name Degussa werde von den Überlebenden der Judenverfolgung nun einmal unverrückbar mit Zyklon B und dem Mord an den Juden zusammengedacht. Der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Alexander Brenner, sprach sich gegen eine Beteiligung von Degussa aus. Am Ende gab es eine Mehrheit für einen vorläufigen Baustopp.

Die im Kuratorium vertretenen Politiker argumentierten nach Berichten von Teilnehmern der Sitzung, die Entscheidung berühre das Selbstverständnis des Mahnmals an einer entscheidenden Stelle: Es gehe mit seiner Errichtung ja gerade darum, sich im Land der Täter und ihrer Erben zu den historischen Verbrechen zu bekennen. Es könne nicht ausschließlich von Firmen gebaut werden, die sich im Dritten Reich nicht schuldig gemacht hätten.

Im Land der Täter der Opfer gedenken

Gerade Degussa verhalte sich ausgesprochen verantwortungsvoll gegenüber seiner Vergangenheit. Das Unternehmen habe sich beispielhaft bei der Entschädigung der Zwangsarbeiter engagiert. Es verdiene nicht, als Vertreter der Verbrecher behandelt und in den Verdacht gerückt zu werden, erst von der Vernichtung der Juden profitiert zu haben und Jahrzehnte später von der Erinnerung an sie. Degussa habe das Produkt gegen Graffiti zu einem günstigen Preis geliefert, wurde berichtet. Von der Vergabe des Auftrags an das Unternehmen waren die meisten Kuratoriumsteilnehmer überrascht; das Thema tauchte unter einem unverfänglich formulierten Tagesordnungspunkt "Graffitischutz" auf.

Im April dieses Jahres war der offizielle Baubeginn für das Mahnmal auf dem 19000 Quadratmeter großen Grundstück in der Nähe des Brandenburger Tors gefeiert worden. Im August begutachtete der Architekt Eisenman zehn "Referenzstelen", bevor die Serienproduktion und die Lieferung begannen. Seit September werden die in Joachimsthal bei Berlin hergestellten, zwischen 40 Zentimeter und fünf Meter hohen Stelen auf dem Mahnmalgrundstück in Streifenfundamente eingebaut. Damit begann ein Vorhaben im Straßenbild sichtbar zu werden, das als Wunsch einer Bürgerinitiative um die Publizistin Lea Rosh 1988 seinen Anfang genommen hatte und vom Bundestag 1999 beschlossen worden war: im Land der Täter mit einem Denkmal der Opfer zu gedenken.

Zur Errichtung des Mahnmals wurde eine Stiftung gegründet. Es wird zum überwiegenden Teil vom Bund finanziert, der Förderkreis um Frau Rosh sammelt aber auch Spenden von Privatpersonen. Dem Kuratorium der Stiftung steht Parlamentspräsident Wolfgang Thierse vor. Es sind außerdem Mitglieder der Bundesregierung, des Bundestags, des Berliner Senats und Mitglieder des Förderkreises vertreten, des Zentralrats der Juden in Deutschland und der Jüdischen Gemeinde Berlin, der Stiftung "Topographie des Terrors", der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten und des Jüdischen Museums Berlin. Das Stelenfeld soll im Herbst nächsten Jahres fertiggestellt sein. Die Kontroverse über die Beteiligung von Degussa am Mahnmal kann abermals eine Verzögerung des Bauwerks bewirken, über dessen Bau und Planung schon ungewöhnlich lange und ausführlich debattiert worden ist.

Quelle: mk., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2003, Nr. 248 / Seite 1
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