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Benno Ohnesorg : Dieser Tag hat die Republik verändert

Benno Ohnesorg starb kurz nach Erreichen des Krankenhauses Bild: dpa

Was bedeutete der Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in West-Berlin? Der Autor Uwe Soukup hat das vier Jahre lang erforscht, Archive ausgewertet, Zeitzeugen befragt. Das Ergebnis ist die Geschichte einer folgenreichen Eskalation.

          Irgendwann wird Christa der Tumult zu viel. In der Krummen Straße macht die Polizei Jagd auf Demonstranten. Sie ist schwanger, vor sechs Wochen hat sie ihren Benno geheiratet. Sie verabschiedet sich von ihrem Mann, fährt mit der U-Bahn nach Hause. Benno Ohnesorg trägt an diesem Tag „Jesuslatschen“, eine helle Hose und ein knallrotes Hemd.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Christa hat es ihm geschenkt. Sein Transparent, einen Kopfkissenbezug, hat er zusammengerollt. „Autonomie für die Teheraner Universität“ hat der Student der Germanistik und Romanistik an der FU Berlin darauf geschrieben. Den Schuss hört seine Frau nicht mehr. Es ist ein warmer Freitag, der 2. Juni 1967.

          „Er war auch kein Revoluzzer“

          Was geschah an diesem Tag in West-Berlin? Der Autor Uwe Soukup hat das vier Jahre lang erforscht, Archive ausgewertet, Zeitzeugen befragt. Das Ergebnis ist die Geschichte einer folgenreichen Eskalation. Der Schah von Persien ist zu Besuch in der Stadt, Demonstranten empfangen ihn am Morgen vor dem Rathaus Schöneberg. Benno Ohnesorg ist dabei. Der gelernte Schaufensterdekorateur hat schon einmal demonstriert, gegen die Bildungspolitik der Bundesregierung.

          Er wurde nur 26 Jahre alt

          Unpolitisch ist er nicht. „Aber er war auch kein Revoluzzer“, erinnert sich ein Freund, „keiner, der an vorderster Front Steine geworfen hätte.“ Nach dem Abi auf dem zweiten Bildungsweg in Braunschweig war er nach Marokko getrampt, hatte begonnen, Arabisch zu lernen. Er fuhr zu FDJ-Treffen nach Ost-Berlin. „Er hat durchaus Ansätze, jemand zu werden, der nicht ganz alltäglich ist“, hatte eine Psychologin bei der Aufnahme auf das Kolleg in Braunschweig geurteilt.

          „Latten zersplitterten auf der Barriere“

          Die meisten Demonstranten vor dem Rathaus wenden sich gegen Folterungen in Persien. Doch treten auch 80 Männer mit persischen Fahnen, Porträts des Schahs und seiner Gattin Soraya auf. Sie führen Holzknüppel mit. Die später so genannten „Jubelperser“, unter ihnen Agenten des Geheimdienstes Savak, belassen es nicht beim Jubeln.

          Sie knüppeln auf Demonstranten ein, übergeben manche der Polizei, die ihrem Treiben nichts entgegensetzt. „Plötzlich sah ich zu meinem Schrecken, dass einer der Schah-Anhänger mit einem Totschläger . . . auf einen jungen Mann einschlug, der neben mir stand und lediglich gerufen hat“, erinnert sich ein Demonstrant. „Die Angreifer schlugen so heftig zu, dass ihre Latten teilweise auf der Barriere zersplitterten.“

          Demonstranten von Polizisten malträtiert

          Am Abend kommen die Demonstranten wieder - vor die Deutsche Oper in der Bismarckstraße, die der Schah besuchen will. Die Polizei lässt zu, dass sie sich auf der Straßenseite gegenüber der Oper versammeln - trotz einer Weisung aus dem Senat, die Oper weiträumiger abzusperren. So kesselt die Polizei die Demonstranten in einem Schlauch ein. Polizeipräsident Erich Duensing bezeichnet ihn später als „Leberwurst“, in die man hineinsteche, um sie an den Enden zum Platzen zu bringen.

          Als die „Jubelperser“ wieder eintreffen, verschärft sich die Situation. Nachdem der Schah in die Oper gelangt ist, beginnt die Polizei eine wilde Knüppelei. Die Demonstranten sind im Schlauch gefangen. Einzelne werden über die Absperrungen gezerrt, vor aller Augen verprügelt. Die Meldung, ein Polizist sei erstochen worden, heizt die Stimmung auf - sie wird über Stunden wiederholt, obwohl sie falsch ist. Immer wieder werden Demonstranten von Polizisten malträtiert. Die Polizei habe „nicht nur im Affekt, sondern ohne gravierende Notwendigkeit, mit Planung einer Brutalität den Lauf gelassen, wie sie bisher nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder bekannt wurde“, schreibt der Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

          „Bist du wahnsinnig?“

          Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz und sein Innensenator sind in der Oper und werden nicht über den Einsatz unterrichtet. Langsam bewegen sich die Demonstranten in Richtung Krumme Straße, einige werfen Steine, die Polizei setzt Wasserwerfer ein. Um „Füchse zu jagen“, also Rädelsführer festzunehmen, setzt die Polizeiführung nun Beamte in Zivil ein, die ihre Dienstwaffe tragen. Einer dieser „Greifer“ ist der Polizist Karl-Heinz Kurras.

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