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Bauern in der Krise Bulle, Bär und Schwein

30.05.2009 ·  In der Krise kämpfen viele Landwirte ums Überleben, aber auch sie sind „systemrelevant“. Manchem Bauernhof fehlt gar die Hälfte der Einnahmen. Die Kosten aber gingen bei weitem nicht in diesem Maße zurück. Kühe lassen sich nicht in Kurzarbeit schicken.

Von Berthold Kohler
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Die letzte Sau, die durch Frankfurt getrieben wurde, hatte gut zwei Zentner, vielleicht auch drei. Und eine Aufschrift: „Banken haben Schwein gehabt“. Das pinselten, obwohl der Weg des schönen Tieres an Bulle und Bär, den Symbolen für das Auf und Ab der Börse, vorbeiführte, nicht die Herren des Geldes auf den Rücken des Zuchtschweins; so selbstsicher sind sie noch nicht wieder. Verfasser des Spruchs waren protestierende Bauern, die ebenfalls ausbaden müssen, was Spekulanten in New York, London und Frankfurt angerichtet haben.

Mit Autoproduzenten, Maschinenbauern und Kaufhausketten ist auch die deutsche Landwirtschaft in den Sog der Weltwirtschaftskrise gezogen worden und verlangt wenigstens nach Gleichbehandlung mit den Tätern: Wenn schon für die ein Rettungsschirm gespannt werde, dann müsse es doch erst recht einen für die Opfer geben. Wie wollte die Politik auch begründen, dass ausgerechnet die Bauern und ihre Erzeugnisse nicht „systemrelevant“ sein sollten?

Existenzangst, Wut, Verzweiflung

Ein Hauch von Revolution wie in Hans Falladas Roman „Bauern, Bonzen, Bomben“ lag weder am Montag unter der Berliner Siegessäule noch am Freitag auf dem Frankfurter Börsenplatz in der Luft. Doch treibt eine Mischung aus Existenzangst, Wut auf die Politik und oft auch schon Verzweiflung die Bauern und ihre Familien auf die Straße statt aufs Feld. Im Zuge der Rezession ist auf der ganzen Welt die Nachfrage nach Butter, Käse, Getreide und Fleisch zurückgegangen. Der Weizenpreis sank im Vergleich zum vergangenen Jahr auf fast die Hälfte, der Preis für Milch noch tiefer.

Kleinen und mittelgroßen Bauernhöfen, die insbesondere im Süden Deutschlands immer noch die große Mehrheit der Betriebe stellen, fehlt ein Drittel oder gar die Hälfte ihrer Einnahmen. Die Kosten aber gingen bei weitem nicht in diesem Maße zurück. Kühe lassen sich nicht in Kurzarbeit schicken.

Vor zwei Jahren noch profitierte auch die deutsche Landwirtschaft von der Globalisierung und der lange bekämpften Liberalisierung der Agrarmärkte. Die Zunahme des Wohlstands in Schwellenländern wie Indien und China ließ die globale Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermitteln anschwellen. Der freie Markt, den die EG und dann die EU über Jahrzehnte mit Abermilliarden in eine Planwirtschaft für die europäischen Landwirte umgewandelt hatten, schien über Nacht zum Freund der Bauern geworden zu sein. Subventionen konnten wegfallen, stillgelegte Flächen kamen wieder unter den Pflug. Und sogar aus der Bauernschaft war der Ruf nach dem Ende der Quotenregelung in der EU zu hören, mit der die Menge der produzierten Milch begrenzt und der Preis kontrolliert worden ist. Dieser Mechanismus wird in Stufen bis zum Jahr 2015 abgeschafft. Als die Weltmarktpreise hoch waren, trugen angesichts des angekündigten Endes der Quote nur wenige Bauern Trauer. Dann aber kam die Krise.

Die EU, die immer noch Milliarden Euro in die Stützung der europäischen Landwirtschaft pumpt, will aber auch unter diesen Umständen nicht zum alten Milchregulierungsregime zurückkehren, das mit Zustimmung Berlins und Münchens aufgegeben worden ist. Selbst der deutsche Bauernverband hält die Forderung nach einer Revision für illusionär. Die wollen ohnehin längst nicht alle Landwirte. Ackerbau- oder Milchbetriebe, die auf den Flächen der ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der DDR entstanden sind und mehrere hundert, wenn nicht gar tausend Hektar fruchtbaren Bodens bewirtschaften, können im globalen Wettbewerb leichter mithalten als Bauern in der Rhön oder im Fichtelgebirge, deren steinige und schmale Äcker gerade einmal fünfzig Rinder ernähren. Der Streit zwischen dem Bauernverband und den aus seiner Sicht „Abweichlern“ im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter spiegelt wider, wie weit die Verhältnisse und die Interessen in der deutschen Landwirtschaft inzwischen auseinandergehen.

Mit jedem Bauernhof geht eine Geschichte verloren

Die Krise wird nicht das Ende der Landwirtschaft in Deutschland bedeuten. Aber sie wird den seit dem Krieg anhaltenden „Strukturwandel“, das Höfesterben, beschleunigen. Die Zahl der kleinen und mittelgroßen Bauernhöfe wird auch trotz Senkung der Dieselsteuer weiter schrumpfen; Größe, Spezialisierung und Technisierung der Überlebenden werden zunehmen. Alternative Geschäftsmodelle wie der Biolandbau und die Energieerzeugung könnten weiter an Bedeutung gewinnen, wobei auch sie nicht gegen die größer werdenden Schwankungen des Weltmarktes gefeit sind. Sinkt der Preis saudischen Öls, wird auch in Südbayern das Geschäft mit dem Biodiesel schwieriger.

Das alles bleibt nicht ohne Folgen für das Gesicht der Kulturlandschaft, für benachbarte Wirtschaftszweige und für die gesellschaftliche wie politische Stabilität auf dem Land. Mit jedem aufgegebenen Bauernhof, der meist über Generationen bewirtschaftet wurde, geht eine Geschichte der Mühsal, der Entbehrung und der Sorge, aber auch vom Lohn des Fleißes und der Erfüllung verloren. Bauern sind bodenständige Leute. Auch den Gesellschaften und Volkswirtschaften des 21. Jahrhunderts müsste, wie die jüngste Vergangenheit zeigte, daran gelegen sein, davon eher mehr als weniger zu haben.

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Jahrgang 1961, Herausgeber.

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