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Baltischer Völkerkommers : Ex est! Schmollis! Fiduzit!

Gaudeamus igitur: Der 45. Baltische Völkerkommers auf dem Festumzug durch die Göttinger Innenstadt Bild: Michael Hauri

Einmal im Jahr findet der „Völkerkommers“ statt, ein Treffen baltischer Studentencorps. Das geht auf die Zeit zurück, als Deutsche die Tradition ins Baltikum trugen. Heute sind die Corps im Baltikum als intellektuelle Elite anerkannt. In Deutschland ist das anders.

          „Alles schweige!“ singt die Kommersversammlung unter Leitung des Magister cantandi, der seinen „Deckel“, seine Mütze, wie einen Taktstock schwingt, um Ordnung in den „Landesvater“ zu bringen. Gleich wird „gestochen“. Wir sind in der Stadthalle von Göttingen, womit nicht angedeutet ist, dass Ministerpräsident Wulff an diesem Abend verwundet werden sollte. Der „Landesvater" hat zwar ursprünglich schon mit Treue zur Obrigkeit zu tun, doch im Leben der Corps ist daraus so etwas wie die Erneuerung des Burscheneids geworden, mit dem sich die Mitglieder einer Verbindung ihrer Freundschaft und ihres gegenseitigen Beistands in allen Lebenslagen versichern. Das ist beim „Völkerkommers“ wiederum etwas anderes als sonst: Hier sitzen und singen Corps zusammen, die aus Deutschland, Estland und Lettland (bald auch aus Polen und vielleicht eines Tages aus Russland) kommen, die einzige Gelegenheit, bei der baltisches Traditionsgut noch so weitergetragen wird, wie es in den Tagen war, als mit „Balten“ die Deutschen gemeint waren, die im Baltikum lebten.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          „Jeder neige ernsten Tönen nun sein Ohr“, singt Bernhard Erdlenbruch weiter, besagter Magister cantandi, ein Curone, während sich entlang der Stuhlreihen mehrere kleine Grüppchen voranbewegen: der „Landesvater“ mit dem „Schläger“, dem „geweihten Degen“, wie es im Lied heißt, der Mann mit dem „Becher“, einem riesigen Pokal, aus dem der Dritte, der jeweilige „wack're Zecher“, einen dezenten Schluck auf „meine balt'schen Brüder“ nimmt. Vorher wird seine Kopfbedeckung, der „Deckel“, aufgespießt, weshalb der Degen schließlich an einen Schaschlikspieß erinnert, auf dem die baltische korporierte Studentenherrlichkeit dreier Generationen versammelt ist.

          Ohne Verbindungen keine Selbständigkeit

          Die jüngste davon war gerade eingeschult worden, als Hans-Dieter Handrack, damals Vorsitzender des Baltischen Philister-Verbandes, Dachverband der drei noch aktiven deutsch-baltischen Studentenverbindungen, mit tausend Mark in der Tasche in der lettischen Hauptstadt Riga Anfang der neunziger Jahre zwei estnische Korporierte traf, um mit ihnen den ersten Völkerkommers im befreiten Baltikum zu verabreden. Das Geld sollte die Kosten der Großveranstaltung decken, in einer Zeit, als die drei baltischen Staaten gerade wieder unabhängig geworden waren - auch deshalb, weil es Studentenverbindungen gegeben hatte.

          Mitglieder der Studentenverbindung Curonia Goettingensis vor der Albanikirche in Göttingen
          Mitglieder der Studentenverbindung Curonia Goettingensis vor der Albanikirche in Göttingen : Bild: Michael Hauri

          Die baltischen Verbindungen waren während der sowjetischen Besatzung zwar verboten, aber nicht untergegangen. Wenn eines der Mitglieder der ältesten estnischen Verbindung, Eesti Üliõpilaste Selts („Verein Studierender Esten“), starb, hätten seine balt'schen Brüder an der Zensur vorbei die Abkürzung EÜS in die Todesanzeige geschmuggelt, erzählt der Historiker Toomas Hiio, der später die Göttinger Festrede halten wird. Blau-Schwarz-Weiß, die Farben der Verbindung, sind seit 1918 auch die der estnischen Nationalflagge.

          Der Staatspräsident und die EÜS

          Ministerpräsidenten in Estland, die nicht dieser oder einer anderen Verbindung angehören, waren die Ausnahme: Unter anderen Mart Laar, der Wichtigste von ihnen nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit, gehörte zur EÜS. Vor zwei Jahren, am Unabhängigkeitstag Estlands, sagte Toomas Hendrik Ilves, der estnische Staatspräsident: „Die Unabhängigkeit von 1991 wäre nicht denkbar ohne studentische Vereinigungen und Verbindungen.“ Das sagte Ilves natürlich auch, weil er der EÜS angehört (wie auch der Leiter der Präsidialkanzlei und der Nationalschriftsteller Jaan Kross, der sich für die Kandidatur von Ilves stark gemacht hatte, und... und...).

          Ilves gehört schon zur mittleren Generation der baltischen und deutsch-baltischen Corpsstudenten, die im Westen, im Exil retteten, was Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden war. Damals waren es Studenten aus Göttingen, die in Dorpat (heute Tartu), in der damals noch einzigen Universität in Estland, Livland und Kurland, die Curonia gründeten - weshalb der 45. Völkerkommers in Göttingen gleichzeitig auch die Gründung der ersten Korporation im Baltikum vor 200 Jahren feierte.

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