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Bahn-Tarifstreit Die Macht der kleinen Gruppe

08.07.2007 ·  Im Tarifstreit bei der Bahn verhandeln Vertreter des Konzerns und der Gewerkschaften weiter. Doch selbst wenn es zu einer Einigung kommt, könnten von Montag an die Züge abermals stillstehen. Schuld daran sich die schwachen Gewerkschaften.

Von Rainer Hank
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An diesem Sonntag wird von 17 Uhr an wieder verhandelt. Aber wer verhandelt? Bahnvorsteher Hartmut Mehdorn trifft sich mit Transnet-Chef Norbert Hansen. Beide hoffen auf den Durchbruch. Doch selbst wenn es zu einer Einigung kommt, könnten von Montag an die Züge abermals stillstehen. Denn die Lokomotivführer (GDL) sitzen nicht am Verhandlungstisch. Sie verlangen einen eigenen Tarifvertrag und Einkommensverbesserungen von 31 Prozent. Dafür wollen sie weiter streiken.

Die Lokomotivführer sind im Vergleich zu Transnet (250.000 Mitglieder) eine kleine Gruppe (34.000 Mitglieder). Aber sie haben Macht, nennen sich stolz die älteste Gewerkschaft in Deutschland und können Reisende und Arbeitgeber erpressen. Ohne sie fährt kein Zug. Gegenüber den Piloten der Lufthansa, mit denen sie sich gern vergleichen, finden sie ihr Monatsgehalt von maximal 2100 Euro jämmerlich: Einige gut bezahlte Kapitäne bei der Lufthansa bringen es nämlich auf fast 10.000 Euro.

„Nicht in der Lage, Ansprüche zu befriedigen“

Die Macht kleiner Berufsorganisationen und die Ohnmacht der großen Gewerkschaften stehen in direktem Verhältnis zueinander. Lokführer, Fluglotsen, Piloten und Ärzte haben sich in den vergangenen Jahren von den Großorganisationen getrennt und aggressiv ihre Erpressungsmacht ausgespielt. „Der große Geleitzug der Gewerkschaften ist nicht mehr in der Lage, die Ansprüche wichtiger Berufsgruppen zu befriedigen“, sagt der Kasseler Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder.

Für ihn ist es kein Zufall, dass sich diese kleinen Pressure Groups vor allem in privatisierten ehemaligen Staatskonzernen artikulieren. Dort werde zwar viel von leistungsgerechter Entlohnung geredet. Tatsächlich mussten die Beschäftigten in den vergangenen Jahren aber Stagnation und Reallohnverluste hinnehmen. Wer es sich leisten kann, schert aus und fordert aggressiv Einkommensverbesserungen. Schon verlangen auch die Universitätsprofessoren Prämien dafür, dass sie nicht ins Ausland abwandern.

Folgen: mehr Arbeitskonflikte, steigende Inflation

„Die Tarifwelt verändert sich vom Korporatismus zum Pluralismus“, sagt Schröder. Das heißt: Der überkommene Flächentarif wird löchrig. Stattdessen gibt es kleine Hochlohninseln, je nach Knappheitsdruck und Erpressungsmacht wichtiger Arbeitnehmerlobbys. Die volkswirtschaftlichen Effekte dieser Entwicklung sind gefährlich.

Würden sich mehr Berufe an den Lokführern und Ärzten ein Beispiel nehmen und einen höheren Anteil am Sozialprodukt erkämpfen, bliebe den Gewerkschaften nichts anderes übrig, als ebenfalls auf höheres Nominallohnwachstum hinzuwirken, prognostiziert Martin Höppner, Forscher am Kölner Max-Planck-Institut für Sozialwissenschaften. Die Folgen: mehr Arbeitskonflikte, steigende Inflation und mittelfristig höhere Arbeitslosigkeit.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.07.2007, Nr. 27 / Seite 2
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Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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