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Bagdad Warnende Worte überwiegen

09.04.2003 ·  Am Mittwoch sah man Bilder vom Fall Bagdads, auf die Amerika seit drei Wochen gewartet hatte. Die begleitenden Worte der amerikanischen Regierung blieben aber trotz des Triumphes zurückhaltend.

Von Matthias Rüb
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Die amerikanische Hauptstadt Washington begann bei kühlem Regenwetter einen historischen Tag - als ob im fernen Bagdad nichts geschehen wäre. Auf dem "Beltway", der Stadtautobahn, stockte wie zu Stoßzeiten üblich der nie abreißende Verkehrsfluß. Die Menschen gingen ihren gewohnten Verrichtungen nach, Geschäfte, Betriebe, Behörden öffneten zu den üblichen Zeiten und arbeiteten wie gewöhnlich. Die Vereinigten Staaten schienen gerade den Sieg in ihrem ersten Krieg gemäß der neuen "Bush-Doktrin" zu erringen - und in Washington merkte man nichts davon. Es sei denn, man saß irgendwo vor einem Fernsehgerät.

Da waren sie nun, die Bilder aus Bagdad, auf die man seit dem Kriegsbeginn vor drei Wochen so sehnlich gewartet hatte. Menschen, die mit einem Vorschlaghammer und einem Seil die riesige Statue des faktisch gestürzten Diktators Saddam Hussein vor dem Hotel Palestine umzureißen versuchten. Jubelnde - und freilich auch plündernde - Massen zunächst in dem armen Stadtviertel Saddam City im Nordosten der Hauptstadt und später auch im Stadtzentrum am Ostufer des Tigris. Mit Füßen zertretene Porträts des Diktators, aus Regierungsgebäuden und Behörden herausgeholt und auf die Straße geschleppt. Es waren sogar hier und da amerikanische und britische Flaggen zu sehen, geschwungen von jungen Irakern und nicht von Soldaten, die von ihren Kommandeuren Weisung erhalten hatten, sich aller Jubelzeichen zu enthalten, schon gar mit der eigenen Flagge.

Cheney lobt "feinen Job"

Drei Wochen sind keine lange Zeit für einen Krieg, auch wenn am Mittwoch längst noch nicht das ganze Territorium des Iraks unter Kontrolle der alliierten Truppen war. Doch von Triumphalismus war in Washington am Tag des zumindest symbolischen Sieges kaum eine Spur zu sehen, schon gar nicht in den ersten offiziellen Stellungnahmen der militärischen Führung der alliierten Truppen in Doha in Qatar und der politischen Führung in Washington.

Vizepräsident Cheney, der vor einer Versammlung von Zeitungsherausgebern in Washington sprach, konnte sich immerhin einen Seitenhieb auf die pensionierten "Armstuhl-Generäle" nicht verkneifen, die schon nach der ersten Kriegswoche das faktische Scheitern des Kriegsplanes verkündet hatten. Cheney lobte die militärische und zivile Führung im Pentagon - die Generäle Tommy Franks vom Zentralkommando, Richard Myers und Peter Pace von den Vereinigten Stabschefs sowie Verteidigungsminister Donald Rumsfeld - für den "feinen Job", den sie vollbracht hätten. Zugleich sagte er, eine Voraussage, wie lange der Krieg noch dauern werde, sei noch nicht möglich. Im Weißen Haus kam Präsident Bush mit seinem Sicherheitskabinett zusammen und ließ sich aus Qatar ständig über den Verlauf der Ereignisse unterrichten. Der Fall Bagdads, ließ Bush seinen Sprecher Fleischer mitteilen, sei "ein machtvoller Beweis dafür, daß der Mensch frei leben will".

Symbolik im Herzen Bagdads

Doch im ganzen überwogen die warnenden Worte - und die Worte der Erinnerung an die gefallenen amerikanischen und britischen Soldaten. Die Kämpfe mit versprengten Einheiten irakischer Streitkräfte seien noch nicht vorüber, mit weiteren Opfern müsse man rechnen.

Doch die Symbolik der Ereignisse im Herzen Bagdads ließ sich selbst durch die gewiß berechtigten skeptischen Einlassungen nicht verwischen. Die mächtige Bronzestatue Saddam Husseins mit der Schlinge um den Hals, der Sockel des Standbildes, von jungen Irakern wie wild mit dem Vorschlaghammer traktiert, der ausgefahrene Kranarm eines amerikanischen Panzerfahrzeuges, der dem Standbild buchstäblich an den Kragen geht und den Kopf für eine Weile mit einer amerikanischen Flagge, später dann mit der irakischen Nationalfahne verhüllt - das sind, so hoffen die maßgeblichen Polit-Strategen im Weißen Haus und vor allem im Pentagon, Signale an das irakische Volk, womöglich an die arabische Welt, wie sie vergleichbar 1989 vom Prager Wenzelsplatz, von den Leipziger Montagsdemonstrationen, vom Budapester Heldenplatz oder vom Bukarester Universitätsplatz an die Welt ausgingen. Nur fuhren damals keine amerikanischen Panzer durch die Straßen der mittel- und osteuropäischen Metropolen, und der Bildersturm der sich selbst befreienden Völker kam ohne die Hilfe amerikanischer Militärfahrzeuge aus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2003, Nr. 85 / Seite 3
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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