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Veröffentlicht: 01.09.2005, 07:38 Uhr

Bagdad Fast 1000 Tote nach Massenpanik im Irak

Bei einem Pilgerfest der Schiiten in Bagdad sind nach offiziellen Angaben 953 Menschen ums Leben gekommen. Das Gerücht, ein Selbstmordattentäter befinde sich in der Menge, hatte auf einer Brücke über den Tigris eine Massenpanik ausgelöst.

© dpa/dpaweb Nur die Schuhe der Opfer bleiben auf der Tigris-Brücke zurück

Bei der Massenpanik in Bagdad am Mittwoch sind mindestens 953 Menschen ums Leben gekommen und 815 verletzt worden, teilte das Innenministerium am Donnerstag morgen mit. Viele der Verletzten befänden sich in einem kritischen Zustand.

Die Massenpanik war am Mittwoch in einem schiitischen Pilgerstrom ausgebrochen, der über eine Brücke zog. Augenzeugen berichteten, die Tragödie sei durch Fehlmeldungen über einen Selbstmordattentäter ausgelöst worden. Zahlreiche der Opfer ertranken im Tigris, in den sie sich in ihrer Not retten wollten.

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Die Pilger seien auf dem Weg zu einer Moschee anläßlich eines schiitischen Festes auf einer Brücke in Panik geraten, sagte der stellvertretende irakische Gesundheitsminister Dschalil Al-Schumari. (Siehe auch: Video: Mehr als 640 Tote bei Massenpanik im Irak)

bfb pilger Krankenwagen vor der Tigrisbrücke © AP Vergrößern Krankenwagen vor der Tigrisbrücke

Gerüchte über Selbstmordattentäter

Die meisten Opfer seien von der Brücke in den Fluß Tigris gefallen und ertrunken, teilten die Behörden unter Berufung auf Krankenhausangaben mit. Ein Geländer der Brücke soll gebrochen sein.

Auslöser war nach Berichten von Überlebenden das Gerücht, daß sich ein Selbstmordattentäter in der Menge befinde. Al-Arabija zeigte Bilder aus einem Krankenhaus, auf deren Fluren Dutzende von Toten lagen. Nach Fernsehberichten nahmen insgesamt etwa eine Million Menschen an dem Pilgerfest teil.

Verzweifelte Suche nach Angehörigen

„Wir waren auf der Brücke“, sagte der 28 Jahre alte Fadhel Ali, der sich schwimmend ans Ufer retten konnte. „Es war so voll. Um mich herum waren Tausende von Leuten. Wir hörten, daß ein Selbstmordattentäter in der Menge sein soll. Alle fingen an zu schreien. Da sprang ich von der Brücke in den Fluß, schwamm und erreichte das Ufer. Ich sah, wie nach mir Frauen, Kinder und alte Männer ins Wasser fielen.“

Eine Augenzeugin berichtete: „Tausende von Menschen standen dicht an dicht auf der Brücke, in dem Gedränge und bei der Hitze wurden einige ohnmächtig, vor allem, die Kinder bekamen keine Luft mehr.“ Am Ufer des Tigris stiegen hunderte Männer in den Fluß und suchten verzweifelt nach Angehörigen.

Die Pilger setzten unterdessen ihre religiösen Rituale am Schrein fort. Wie Al-Arabija berichtete, riefen schiitische Geistliche die Gläubigen zur Ruhe auf. Ministerpräsident Ibrahim al Dschaafari ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

Anschlag auf Pilger

Ein Teil der Pilger näherte sich über die „Brücke der Imame“ (Dschisr al A'imma) dem Schrein, in dem Musa al Kadhim und sein Enkel Muhammad al Dschawad, der neunte Imam, begraben sind. Bevor die Pilger die Brücke der Imame erreichten, waren auf ihren Zug von der sunnitischen Moschee des Abu Hanifa bereits Schüsse abgefeuert worden. Dabei wurden mutmaßlich sechs schiitische Pilger getötet.

Zwei Stunden vor der Massenpanik auf der Brücke hatten sunnitische Aufständische bei einem Angriff mit Mörserraketen auf den Moscheenkomplex des Musa al Khadhim mindestens sieben Pilger getötet und mehr als 40 verletzt. Amerikanische Kampfhubschrauber und Bodentruppen nahmen darauf die Angreifer unter Beschuß. Der Schrein mit den goldenen Kuppeln und vier Minaretten liegt lediglich ein Kilometer von der Brücke entfernt.

Zudem seien zahlreiche Pilger vergiftet worden, teilte Al-Schumari mit. Sie hätten „vergiftete Lebensmittel“ zu sich genommen, die in der Umgebung des Mausoleums angeboten worden seien.

Glaubhaftes Gerücht

Offenbar haben sich aber keine Selbstmordattentäter auf der Tigrisbrücke befunden. Auch hat sich keine Terrorgruppe im Zusammenhang mit der Panik zu Wort gemeldet. Das Gerücht, daß sich Selbstmordattentäter auf der Brücke befunden haben sollen, war den Pilgern allerdings glaubhaft. Denn am 2. März 2004 hatten Selbstmordattentäter an einem der höchsten Feste der Schiiten, Aschura, bereits 58 Personen getötet und mehr als 200 verletzt.

Die Bomben waren innerhalb des Moscheenkomplexes hochgegangen. Zudem war es in den vergangenen Jahren zu wiederholten blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Sunniten aus al Adhamija und den Schiiten von al al Kadhimija gekommen. Banden überquerten die Brücke über den Tigris, die die Moscheen al Khadhimain und Abu al Hanifa verbindet, und ermordeten auf der gegenüberliegenden Seite Geistliche und politische Gegner.

„Brücke der Imame“

Der Stadtteil östlich des Tigris, al Adhamija, gilt als eine Hochburg der sunnitischen Aufständischen in Bagdad. Seine Einwohner haben einen eigenen Friedhof für ihre „Märtyrer“ im Kampf gegen die Besatzungsarmee angelegt.

Der gegenüberliegende Stadtteil al Kadhimija mit dem Wallfahrtsort ist hingegen das Zentrum der schiitischen Mittelklasse Bagdads, die überwiegend politisch gemäßigte Positionen vertritt. Bereits zu Zeiten der Diktatur von Saddam Hussein waren die Beziehungen zwischen den beiden Statteilen, die durch die „Brücke der Imame“ getrennt werden, gespannt, und hatte es Kämpfe zwischen jugendlichen Banden gegeben.

Konfessionelle Konflikte

Die Spannungen zwischen den beiden Stadtteilen auf beiden Seiten des Tigris spiegeln auch die konfessionellen Konflikte im Irak wieder. Die Schiiten klagen noch heute den sunnitischen Kalifen Harun al Rashid an, daß er 799 seinen Hofgefangenen Musa al Kadhim vergiftet haben soll.

Die Schiiten begruben ihren siebten Imam im Norden der damaligen abbasidischen Hauptstadt. Auch sein Enkel Muhammad al Dschawad sei 835 in Bagdad an den Folgen einer Vergiftung gestorben, glauben die Schiiten. Die Sunniten verehren wiederum in der Moschee Abu Hanifa das Grabmal des 767 verstorbenen Begründers der hanafitischen Rechtsschule des sunnitischen Islam.

Bei religiösen Feierlichkeiten ist es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Massenpaniken mit tragischen Folgen gekommen. Vor allem die Pilgerfahrt nach Mekka wurde für viele muslimische Gläubige zur Reise in den Tod.

So wurden 1990 1.427 Teilnehmer der Hadsch bei Mekka totgetrampelt. Zu vergleichbaren Tragödien seit 1994 gehören:

25. Januar 2005: Während eines traditionellen Hindu-Pilgerfests im westindischen Staat Maharashtra kommen bei einer Massenpanik mindestens 256 Menschen ums Leben.

1. Februar 2004: Während der Hadsch-Wallfahrt in Saudi-Arabien werden in Mina nahe der Stadt Mekka 251 Menschen zu Tode getrampelt.

27. August 2003: In Indien werden mindestens 41 Menschen bei einer Massenpanik während des Hindu-Festes Kumbh Mela in Nashik getötet. Mehrere Millionen Menschen hatten sich zu einem rituellen Bad am Ufer des Flusses Godaviri versammelt.

9. April 1998: Bei einer Massenpanik bei Mekka sterben 118 Pilger. Eine große Menschenmenge hatte sich in der Ebene von Mina versammelt, um den Teufel symbolisch zu steinigen.

23. Februar 1997: Bei einer religiösen Feier im ostindischen Bundesstaat Orissa kommen in Baripada 185 Hindus ums Leben. Ein Brand hatte die Panik verursacht.

23. Mai 1994: 270 Mekka-Besucher werden während der Satanssteinigung in einer Unterführung in Mina bei Mekka totgetreten.

Quelle: Her.; F.A.Z. und FAZ.NET mit Material von Reuters/AP/AFP/dpa

 

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