05.10.2004 · Eine Berliner Ausstellung dokumentiert, wie sich Völker ein passendes Bild ihrer Geschichte machen - und geht dabei ein bißchen weit. Es fehlt an Rebellion gegen die geschichtliche Kraft der Lüge.
Von Thomas SchmidAm 2. Mai 1945 entstand in Berlin eine Fotografie, die wie kaum eine andere in heroischer Manier den Triumph der Roten Armee im Zentrum des nun zerschlagenen nationalsozialistischen Regimes verherrlichte. In luftiger Höhe befestigt ein Rotarmist die sowjetische Fahne auf dem Dach des Reichstags.
Das Bild des Fotografen Jewegenij Chaldej wurde zur politischen Ikone. Denn es verband zweierlei: Der über dem Abgrund flaggenhissende Soldat verkörperte eine himmelstürmende Kühnheit - und zugleich hatte das Bild dokumentarischen Charakter: Seht her, sagte es, Deutschland ist besiegt.
Nachträglich für den Fotografen gestellt
Doch das Bild lügt. Es wurde nachträglich für den Fotografen gestellt, und es folgte eine zweite, eine retuschierende Fälschung: Der Kamerad, der den Flaggenhisser stützt, trug im Original an beiden Armgelenken eine Uhr. Das mußte, des edlen Befreiungseffekts willen, nachträglich entfernt werden. Fotografien zeigen, was war, so gelten sie als wahr. Eben darin liegt ihr Täuschungspotential.
Es gibt viele Fotos, die „bearbeitet“ unser Geschichtsbewußtsein bevölkern und prägen. Das berühmte Foto etwa, das die Gleise zeigt, die auf das Tor von Auschwitz-Birkenau zuführen, ist erst nach der Befreiung des Lagers aufgenommen worden, bezeugt also nicht den Schrecken von Auschwitz - drückt aber mit seiner menschenleeren Öde unvergeßlich aus, daß dieser Ort das Ende der Welt, anus mundi war.
Der Täter blickte durch die Linse
Oder: Das ebenfalls berühmte Foto, das gerade angekommene Häftlinge an der Rampe von Auschwitz zeigt, ist ein Bild, das Mitleid und Entsetzen provoziert. Wenig ist jedoch darüber nachgedacht worden, daß es heute zwar aus der Opferperspektive wahrgenommen wird, tatsächlich aber ein Täter durch die Linse blickte und den Auslöser betätigte.
Dort und anderswo waren wir nicht dabei, also können wir gar nicht wissen, wie es war. So machen wir uns ein Bild, und das ist nun einmal nicht analytisch. Ikonen sind die Geländer, mit denen wir die Vergangenheit imaginieren und passend machen. Diese Erkenntnis, nicht gerade taufrisch, ist das Leitmotiv der soeben im Deutschen Historischen Museum in Berlin eröffneten Ausstellung „Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen“.
Die eigene Geschichte passend gemacht
Scheiterte die Wehrmachtsausstellung an ihrem fahrlässig naiven Dokumentenglauben, ist man nun gewitzt: Nicht die Ereignisse, sondern die Bilder, die man sich von ihnen machte, sind das Thema. Das Besondere liegt in der internationalen Sichtweise: Welches Bild, so die Frage, haben sich die Länder West- und Osteuropas von der Zeit der Nazi-Herrschaft gemacht?
Foto, Film, Plakat, Denkmal, Münze: Noch nie zuvor ist eine derart länderübergreifende Fülle an Zeugnissen zur Erinnerungspolitik zusammengetragen worden. Noch vor 15 Jahren hätte man das Anliegen der Ausstellungsmacher als revisionistisch geächtet. Denn ihr Material erhärtet eine zwar recht banale, bisher aber kaum geduldete Einsicht: Jede Nation hat sich die eigene Geschichte passend gemacht, die dafür geeigneten Mythen erfunden und dazu das vorhandene Bild- und Zeichenmaterial benutzt und modelliert.
Amnestie für italienische Beamte
Indem de Gaulles Frankreich im letzten Moment auf den alliierten Siegeszug aufsprang, konnte es das Vichy-Regime und die durchaus breite Kollaboration als eine unbedeutende Abweichung vom wahren Weg der Nation abtun. Ähnlich in Italien, wo das Kunststück gelang, die Resistenza in ein zweites Risorgimento umzudeuten, das alle, auch die einstigen Faschisten, einschloß.
Als Justizminister erließ KP-Chef Palmiro Togliatti 1946 eine allgemeine Amnestie - mit einer heute abenteuerlich anmutenden Begründung: Wenn der Faschismus nicht zum kulturellen Erbgut der Italiener gehört, dann tragen Beamte, die dem Faschismus gedient hatten, auch keine Verantwortung. Anders Belgien: Das wegen der Spaltung in Flamen und Wallonen wackelige Land konnte sich den Sprung auf die Siegerseite nicht leisten, weil das einer Absage an die deutschfreundlichen Flamen gleichgekommen wäre.
An Mythen prallt Kritik ab
Und wieder anders die Länder in Europas Osten: Sie alle wurden per Dekret auf das Siegertreppchen gestellt; erst nach 1989 konnten sie das Leid, das die Sowjetunion über sie brachte, benennen - erst nach 1989 wurden sie freilich auch darauf gestoßen, daß es den Holocaust gegeben hat und mancher Osteuropäer dabei mitgewirkt hat.
An Mythen prallt Kritik ab. Die Ausstellungsmacher sind klug genug, nicht zu urteilen. Doch in dieser Abstinenz gehen sie dann doch zu weit: Jede Mythenmaschine, welche die Nationen betreiben, hat gleichermaßen ihre Berechtigung. Denn das Passendmachen der eigenen Historie diente dazu, durch eine angenehme Erzählung die Gesellschaft zu befrieden, also Bürgerkrieg, Rache und Streit zu unterbinden.
Es wurde gefälscht, gelogen
Gewiß, so hat - wie Hermann Lübbe vor 21 Jahren schon feststellte - es funktioniert, in Deutschland und anderswo, es ging nicht anders. Aber empörend war es doch, in Deutschland und anderswo: Es wurde gefälscht, gelogen, und es wurden Opfer ein zweites Mal zu Unpersonen. Der verständnisinnigen Berliner Ausstellung, in der historische Bilderproduktion und Meistererzählungen als ein großes Nullsummenspiel erscheinen, fehlt fast jede Spur von Rebellion gegen die geschichtliche Kraft der verführerischen Lüge.
Die Mythen sind nicht nur große Erzählungen; an ihnen klebt auch Schmutz, kalter Schweiß und oft Blut. Davon erfährt man hier leider nichts. Doch schon ein kurzer Gedanke an die geschichtspolitische Ost-West-Spaltung, die gerade erst begonnen hat, lehrt, daß man dem nicht wird aus dem Wege gehen können.