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Außenamt - was in der Aktenedition fehlt

12.12.2010 ·  In "Die Archivschuldfrage" (F.A.Z. vom 19. November) kritisiert Rainer Blasius den sparsamen Gebrauch und den häufigen Rekurs auf die Originale, den die vom Bundesminister des Auswärtigen a. D. Joschka Fischer namens der Bundesrepublik ...

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In "Die Archivschuldfrage" (F.A.Z. vom 19. November) kritisiert Rainer Blasius den sparsamen Gebrauch und den häufigen Rekurs auf die Originale, den die vom Bundesminister des Auswärtigen a. D. Joschka Fischer namens der Bundesrepublik Deutschland 2005 einberufene Historikerkommission zur Untersuchung der Geschichte des Auswärtigen Amts von 1933 bis zum Anfang des Jahrhunderts gemacht habe. Bekanntlich waren die als abschreckendes Beispiel verstandenen tendenziösen Anmerkungen in der Edition "Die Große Politik der Europäischen Mächte 1871 bis 1914", Berlin 1924 ff., die die westlichen Alliierten, nachdem sie im Jahre 1945 Zugriff auf die ausgelagerten Akten des Auswärtigen Amts erhalten hatten, dazu bewogen, die Veröffentlichung der Akten zur "deutschen auswärtigen Politik" von 1918 bis 1945 in fünf Serien von A bis E unter teilweiser Beteiligung deutscher Historiker bis 1995 abzuschließen. Dabei lag der Zeitabschnitt von Ende 1941 bis Mai 1945 ausschließlich in deutscher Hand (Roland Thimme, "Das Politische Archiv des Auswärtigen Amts, Rückgabeverhandlungen und Aktenedition 1945 bis 1992", "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2/2001", Seiten 317 bis 362). Für die vorangegangene Epoche des Kriegsausbruchs von 1914 dürfen hier die fortdauernden Bemühungen von Karl Kautsky während seiner kurzzeitigen Tätigkeit als Staatssekretär im Auswärtigen Amt nicht unerwähnt bleiben.

Den Mitgliedern der Unabhängigen Historikerkommission dürfte alsbald nach Aufnahme ihrer Tätigkeit nicht entgangen sein, dass abgesehen vom Wannseeprotokoll die Grundsatzerlasse zur deutschen Judenpolitik, und zwar vom 30. Juni 1933, vom 18. Februar 1934 und vom 25. Januar 1939, ganz abgesehen vom Protokoll der Arbeitstagung der Judenreferenten der deutschen Missionen vom 3. und 4. April 1944 in Krummhübel im Riesengebirge, das unter anderem zum Todesurteil für Reichsaußenminister von Ribbentrop beigetragen hatte, in der Edition fehlten, was die Historiker bewogen haben mag, grundsätzlich auf die Originalakten zu rekurrieren. Das Politische Archiv und das Historische Referat handhaben die Akten äußerst restriktiv, so dass etwa die Protokolle der Staatssekretärsbesprechungen mit dem unzutreffenden Bemerken, dass es diese nicht gebe, der Kommission vorenthalten wurden. Demgegenüber verhalten sich beispielsweise die Archive des Quai d'Orsay und der National Archives ebenso wie das Bundesarchiv ungleich liberaler.

Das einstige Berlin Document Center war geradezu ein idealtypisches Archiv, wo einen die Archivare sogar auf Spuren aufmerksam machten, die man selbst gar nicht kannte. Gar den namhaften internationalen Historikern Schludrigkeit mit den Quellen vorzuwerfen, halte ich für abwegig und geradezu unfein.

DR. MANFRED STEINKÜHLER, GENERALKONSUL A. D., BERLIN

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