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Zypern Schecks aus Ankara, Projekte aus Brüssel

30.11.2006 ·  Der Norden Zyperns liegt wirtschaftlich hinter dem griechischen Teil der Insel weit zurück und hängt weiterhin am Tropf Ankaras. Die türkischen Zyprer setzen auf die EU und den Tourismus.

Von Michael Martens, Nikosia
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Für viele türkische Zyprer macht sich die seit 1974 währende Teilung der Insel vor allem wirtschaftlich bemerkbar. Im türkischen Norden ist man sich sicher, daß die Griechen beim Referendum über den sogenannten Annan-Plan zur Wiedervereinigung des Landes 2004 auch deshalb mit Nein gestimmt haben, weil sie die türkische Konkurrenz im Tourismus fürchteten. Eine Wiedervereinigung hätte nämlich auch die Aufwertung des Flughafens der türkischen Zyprer in Ercan und damit eine leichtere Erreichbarkeit dieses Teils der Insel bedeuten können.

„Die griechische Seite empfängt derzeit drei Millionen Touristen im Jahr. Wenn es internationale Direktverbindungen zu unserem Flughafen gäbe, kämen auf diese Weise mindestens eine Million Gäste zu uns“, rechnet Erdil Nami vor, der Chef der türkisch-zyprischen Handelskammer im Norden der geteilten Hauptstadt Nikosia. Derzeit ist es tatsächlich recht umständlich, vom Ausland direkt in den Norden der Insel zu reisen. Die Cyprus Turkish Airlines oder die Turkish Airlines fliegen Ercan zwar täglich an, aber nur von Istanbul aus. Wegen der langen Umsteigezeiten kann ein Flug aus einer europäischen Hauptstadt nach Ercan einen ganzen Tag in Anspruch nehmen.

Universitäten als wichtiger Wirtschaftsfaktor

Dennoch entwickelt sich der Tourismus im Norden rasch, und das ökonomische Gefälle zwischen dem wohlhabenden griechischen Teil und dem Norden ist in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft. Erdil Nami erwartet sogar, daß der Norden wirtschaftlich schon in einem Jahrzehnt mit dem Süden gleichziehen kann, wenn die Entwicklung anhält. Langfristig könnte der Insel jedoch auf beiden Seiten der ethnischen Trennlinie ihr hohes Preisniveau zu schaffen machen. Nordzypern ist zwar noch immer billiger als der griechische Teil der Insel, der 2008 der Euro-Zone beitreten soll, aber deutlich teurer als die Türkei. Die türkischen Zyprer setzen allerdings auch nicht ausschließlich auf Tourismus.

Zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor haben sich die sechs Universitäten des Nordens entwickelt. Laut Angaben der türkischen Behörden Nordzyperns studieren dort fast 40.000 Studenten aus dem Ausland. Nicht nur aus der Türkei, auch aus Albanien, Iran, Nigeria, Aserbaidschan, Bosnien und dem Libanon, wie man stolz hinzufügt. Die Zahl mag übertrieben sein, doch beliebt ist Nordzypern als Bildungsstandort tatsächlich. So schicken manche Familien aus der Türkei ihre Töchter zum Studium nach Zypern, weil sie dort in den Hörsälen Kopftücher tragen dürfen.

Unterstützung „zur wirtschaftlichen Integration“

Die Unterschiede im Lebensstandard zwischen der griechischen Mehrheit und der türkischen Minderheit sind dennoch deutlich sichtbar. Mehrere tausend Bauarbeiter aus dem Norden arbeiten auf Baustellen im Süden, wo sie als vergleichsweise billige Arbeitskräfte willkommen sind. Die Lücken im Norden würden, so heißt es in Nikosia, auch durch Nachschub an Siedlern aus Anatolien aufgefüllt, was keineswegs alle gebürtigen türkischen Zyprer begrüßen.

Wirtschaftlich hängt die sogenannte Türkische Republik Nordzypern - und damit auch ihr Präsident Mehmet Ali Talat als Führer der türkischen Bevölkerungsgruppe - ohnehin weiterhin am Tropf des einzigen Staates, der sie anerkennt. Die türkischen Behörden auf der Insel geben das auch unumwunden zu. Für etwa die Hälfte des Budgets komme Ankara auf, hört man dort. Ein Diplomat im griechischen Teil Nikosias formuliert es deutlicher: „Ohne die Schecks aus Ankara kann Talat seine Beamten nicht bezahlen.“ Immerhin ist inzwischen die nach dem aus Brüsseler Sicht gescheiterten Referendum des Jahres 2004 von der EU versprochene und dann zunächst von den griechischen Zyprern blockierte Finanzhilfe von 259 Millionen Euro für den Norden auf den Weg gebracht worden. Offiziell handelt es sich dabei um Unterstützung „zur wirtschaftlichen Integration“ und zur Verbesserung der Kontakte zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen der Insel.

Griechen weisen Schiffe ab

Zur Koordinierung dieser Projekte hat die EU im türkischen Teil von Nikosia ein Büro eröffnet. Im Vordergrund sollen zunächst vor allem als unpolitisch geltende Vorhaben stehen, etwa die Sanierung von Mülldeponien oder die Entgiftung einer stillgelegten Kupfermine. Schwieriger wird es schon beim Bau von Straßen, weil jeweils zu klären ist, ob davon nicht Grundstücke betroffen sind, auf die 1974 vertriebene Griechen Anspruch erheben.

Die türkischen Zyprer stellen auch die Frage ihres direkten Handels mit der EU in den Vordergrund. Die Griechen weisen in ihren Häfen Schiffe ab, wenn aus den Logbüchern zu ersehen ist, daß sie zuvor im türkischen Hafen Famagusta eingelaufen sind. Dies schade der Wirtschaft im Norden sehr, behauptet die dortige Regierung. Ein griechisches Argument gegen jegliches Nachgeben lautet, daß Zypern ein EU-Mitglied ist, dessen Territorium teilweise von Truppen eines Landes - der Türkei - besetzt ist, das Mitglied ebenjener EU möchten werde.

Fernziel: vollständiger Truppenabzug

Dieses Argument habe spätestens 2004 seine Gültigkeit verloren, halten die Türken dem entgegen. Hätten die Griechen den Annan-Plan nicht abgelehnt, wäre die Demilitarisierung der Insel schließlich längst beschlossene Sache, heißt es bei ihnen. Tatsächlich gibt es im Annan-Plan eine Passage zum Truppenabzug. Darin ist vorgesehen, daß bis zum Jahr 2011 griechische und türkische Kontingente auf der Insel höchstens 6000 Soldaten umfassen dürfen.

Danach bis zum Jahr 2018 - und im Falle eines vorherigen EU-Beitritts der Türkei auch früher - hätten nur je 3000 und schließlich nur noch 950 griechische und 650 türkische Soldaten auf der Insel bleiben dürfen, und auch dies nur mit dem Fernziel eines vollständigen Abzugs. Man dürfe die Türken Zyperns nicht dafür bestrafen, daß dieser Plan von den Inselgriechen abgelehnt worden sei, sagt Erdil Nami. Die Handelsbeschränkungen für den Norden seien deshalb aufzuheben, zumal ein solcher Schritt keineswegs die politische Anerkennung des Nordens bedeute.

Quelle: F.A.Z., 30.11.2006, Nr. 279 / Seite 6
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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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