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Zypern Lösegeld für den Leichnam des Präsidenten?

09.03.2010 ·  Die sterbliche Hülle von Zyperns früherem Präsidenten Papadopoulos ist aufgetaucht. Damit stellen sich neue Fragen. Der Leichnam war Ende vergangenen Jahres aus dem Grab gestohlen worden. Das Verbrechen sorgte für hitzige Diskussionen auf der Insel.

Von Michael Martens, Istanbul
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Der Leichnam ist wieder da, aber das Rätsel bleibt vorerst ungelöst. Am Dienstag bestätigte die zyprische Polizei, dass es sich bei der am Vortag auf einem Friedhof unweit von Nikosia aufgefundenen Leiche zweifelsfrei um die sterblichen Überreste des früheren Staatspräsidenten Tassos Papadopoulos handele. Dies habe durch einen DNA-Test zweifelsfrei geklärt werden können. Der Leichnam war Ende vergangenen Jahres, kurz vor dem ersten Todestag des im Dezember 2008 verstorbenen Politikers, aus dem Grab gestohlen worden. Das Verbrechen hatte auf der Insel für hitzige Diskussionen über die Frage gesorgt, wer die Täter und was ihre Motive seien.

Diese Diskussionen dauerten zumindest am Dienstagnachmittag noch an, denn als aufgeklärt konnte das Verbrechen bis dahin nicht gelten, zumal nicht geklärt war, woher der Hinweis gekommen war, der zur Entdeckung der Leiche geführt hatte. Zudem gelang es der Polizei, drei mutmaßliche Täter auszumachen und zwei davon festzunehmen. Der Dritte sitzt bereits im Gefängnis. Es scheint so, als sei die irdische Hülle von Papadopoulos unter ähnlich geheimnisvollen und widersprüchlichen Umständen wiederaufgetaucht, wie sie vor knapp drei Monaten verschwunden war. Der zyprische Justizminister Louka wurde mit einer Erklärung für das Auftauchen der Leiche zitiert, laut der die Täter „Lösegeld“ gefordert und schließlich aufgegeben hätten, als sie einsehen mussten, dass sie kein Geld erhalten würden. Die Hinterbliebenen ließen diese Darstellung zurückweisen: Eine Lösegeldforderung habe es nicht gegeben.

Polizei sprach von einer „gezielten, sorgfältig geplanten Tat“

Es blieb also der zyprischen Öffentlichkeit überlassen, ob sie dem Justizminister oder dem Sprecher der Familie glauben wollte. Kein Wunder, dass die seit Wochen kursierenden Theorien über das Verschwinden des präsidialen Leichnams weiter blühten. Am schnellsten entkräftet war die Ansicht, es könne sich um einen verrückten Einzeltäter gehandelt haben. Ein Mann allein hätte nämlich ohne technische Hilfsmittel, die offenbar nicht verwendet wurden, weder die das Grab bedeckende schwere Marmorplatte aus dem Weg räumen noch in nur wenigen Stunden das Erdreich ausheben und den Leichnam abtransportieren können.

Anders als Berlin ist das zyprische Nikosia immer noch eine geteilte Stadt. Die Mittelmeerinsel ist seit einem griechisch-zyprischen Putsch und einer anschließenden türkischen Militärintervention 1974 geteilt. Eine Wiedervereinigung beider Inselteile zeichnet sich bislang nicht ab.

Die Polizei sprach daher seinerzeit auch von einer „gezielten, sorgfältig geplanten Tat“ und äußerte die Vermutung, es gebe mindestens drei Tatbeteiligte. So kamen zwei andere Vermutungen auf. Um an die eine zu glauben, muss man freilich einen Hang zu Verschwörungstheorien haben. Demnach seien es fanatische Nationalisten und Anhänger von Papadopoulos gewesen, die durch die Grabschändung den zaghaften Wiederannäherungsprozess zwischen Griechen und Türken auf der geteilten Insel torpedieren wollten. So deutete es unter anderen der frühere zyprische Außenminister Lillikas an. Spätestens damit war deutlich geworden, dass die Grabschändung kein einfaches Verbrechen bleiben würde. Selbst wenn die Tat selbst kein Politikum gewesen sein sollte, wurde sie zu einem gemacht.

Erleichtert wurde das durch den Umstand, dass Papadopoulos zu Lebzeiten stark polarisiert hatte. Den einen galt er als aufrechter Patriot und unerschütterlicher Verteidiger griechisch-zyprischer Interessen. Seine Gegner hingegen verbinden mit ihm das Scheitern der Wiedervereinigung der seit 1974 geteilten Insel. Tatsächlich trug Papadopoulos maßgeblich dazu bei, dass der sogenannte Annan-Plan zur Überwindung der zyprischen Teilung, benannt nach dem damaligen UN-Generalsekretär, am 24. April 2004 von den griechischen Zyprern in einer Volksabstimmung abgelehnt wurde, während er auf der türkischen Seite angenommen wurde. Das hatte sich in den Wochen vor den getrennt abgehaltenen Referenden angedeutet.

Zuvor waren es immer die Türken unter ihrem Volksgruppenführer Denktasch gewesen, die als Verhinderer gegolten hatten. Doch in einer einstündigen dramatischen Fernsehansprache beschwor Papadopoulos die Inselgriechen vor der Abstimmung, den Annan-Plan abzulehnen. Er strich die (tatsächlich vorhandenen) Unzulänglichkeiten des Plans heraus, ließ die Vorteile unerwähnt und sagte mit Tränen in den Augen: „Ich rufe euch auf, ein starkes ,Nein‘ zu sagen. Ich bitte euch, das Richtige zu verteidigen, eure Würde und eure Geschichte.“ Der peruanische UN-Vermittler Alvaro de Soto sollte Jahre später sagen, es sei eine „brillante Möglichkeit“ zur Wiedervereinigung ausgelassen worden und es gebe „keinen Zweifel, dass es Papadopoulos war, der diese Gelegenheit absichtsvoll verstreichen ließ“.

Reichtum der Familie Papadopoulos auf Zypern allgemein bekannt

Doch so recht erklärt das alles nicht, warum die Grabschänder von Nikosia politische Motive gehabt haben sollten. Dass die Täter Lösegeld forderten, scheint schon deshalb lebensnäher, weil der Reichtum der Familie Papadopoulos auf Zypern allgemein bekannt ist. Tassos Papadopoulos, der in London Jura studierte, war nämlich nicht nur ein bekannter Politiker, sondern auch ein erfolgreicher Jurist. Die Kanzlei „Tassos Papadopoulos & Associates“ existiert noch heute und gilt als ein führendes Anwaltsbüro in dem EU-Staat. Sie vertritt unter anderem Banken, Reeder und Immobilienfirmen, die von Zypern aus Geschäfte machen.

Die Kanzlei musste sich in den vergangenen Jahren mehrfach, zum Teil auch vor Gericht, gegen die Beschuldigung wehren, sie habe zu jenen zyprischen Firmen gehört, die in den neunziger Jahren, während der Zeit des Embargos gegen Jugoslawien (Serbien und Montenegro), Auslandsgeschäfte des Regimes von Slobodan Miloševi ermöglichten. Bei „Tassos Papadopoulos & Associates“ hat man das stets zurückgewiesen: „Wir haben niemals wissentlich gegen Sanktionen der Vereinten Nationen verstoßen oder uns an irgendwelchen Vergehen oder illegalen Handlungen beteiligt.“

Unbestritten ist hingegen die Bedeutung Zyperns als Schaltstation für illegale finanzielle Transaktionen Miloševis, vor allem zur Finanzierung seines Regimes und seiner Kriege, aber wohl auch zur persönlichen Absicherung. Diese wenig schmeichelhafte Rolle des Inselstaates spielte sogar in den Prozessen vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien eine Rolle. Im Fall Zyperns, das erst 2004 der EU beitrat, kam zu den gemeinsamen Geschäftsinteressen hinzu, dass die griechische Bevölkerungsmehrheit der Insel während der Kriege auf dem Balkan eindeutige Sympathien für die Serben hegte. Auf den Punkt gebracht wurde die Sichtweise im Jahr 2002 von dem heutigen Staatspräsidenten Dimitris Christofias, der das Blutvergießen in Südosteuropa als (amerikanischen) „Genozid gegen Jugoslawien“ bezeichnete. Das Verschwinden der Leiche des Tassos Papadopoulos bleibt also ein Rätsel – und es ist wohl im Sinne aller Beteiligten, wenn er dieses Geheimnis nun endgültig mit ins Grab nimmt.

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