Home
http://www.faz.net/-gq5-71jql
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Zypern Geliebte, umstrittene Aphrodite

Vor Zyperns Küste lagern große Gasvorkommen. Das ruft Washington, Moskau und Ankara auf den Plan.

© ddp images/AP/ Vergrößern Eine zyprische Öl- und Gasbohrplattform vor der Südküste Zyperns

Wäre Erato Kozakou-Marcoullis eine Schauspielerin, könnte man von ihr sagen, sie besitze eine starke Bühnenpräsenz. Zyperns Außenministerin wirkt äußerst beherrscht und selbstsicher. Als repräsentiere sie nicht einen kleinen Inselstaat, sondern eine aufstrebende Regionalmacht. Die Türkei zum Beispiel.

Michael Martens Folgen:    

Der große Nachbar der Zyprer hält seit fast vier Jahrzehnten den Nordteil der Insel besetzt, hat 30000 Soldaten dort stationiert und unter der Bezeichnung „Türkische Republik Nordzypern“ einen Marionettenstaat installiert. Die Türkei erkennt die Regierung Zyperns nicht an und will deshalb auch mit der noch bis Ende 2012 dauernden zyprischen EU-Präsidentschaft nichts zu tun haben.

Im Hintergrund entfaltet sich derzeit zudem ein potentiell gefährlicherer Konflikt, der seinen Ursprung allerdings weder in Ankara noch in Nikosia hat, sondern tief unter dem Mittelmeer - und in Houston, Texas. Im September 2011 begann die texanische Ölfirma Noble Energy mit Probebohrungen im zur exklusiven Wirtschaftszone Zyperns gehörenden „Block 12“ vor der Südküste der Insel. Drei Monate später meldeten die Amerikaner einen Erfolg: Im sogenannten Aphrodite-Feld von Block 12 war man auf Gas gestoßen. So groß seien die Vorkommen, dass Zyperns Energiebedarf für ein Jahrhundert gedeckt sei, frohlockte die zyprische Regierung.

Karte / Gasvorkommen vor Zypern © F.A.Z. Vergrößern Wirtschaftszone und Gasförderzonen vor Zypern

Doch wo Geld ist, bleibt Streit selten aus. Schon als im Jahr 2007 die erste Lizenzierungsrunde für die Probebohrungen lief, veranstaltete die türkische Marine demonstrativ Manöver in der Nähe der vermuteten Erdgasfelder. Im September 2011, bevor die Bohrungen begannen, legte Ankara nach. Da die Türkei die Republik Zypern nicht anerkennt, spricht sie der Regierung in Nikosia nämlich auch das Recht ab, über die Bodenschätze des Landes zu verfügen. Nikosia repräsentiere schließlich die türkische Bevölkerung im Norden der Insel nicht und dürfe daher auch über die Nutzung seiner natürlichen Reichtümer nicht allein entscheiden. Egemen Bagiş, als Minister im Kabinett des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan eigentlich für das kaum noch ernsthaft verfolgte Ziel einer EU-Integration der Türkei zuständig, sagte im September, sein Land werde tun, „was immer nötig ist“, um die eigene Sichtweise zu verteidigen. Dafür habe man schließlich eine Marine, so Bagiş.

Türkische Drohungen

Sein Chef Erdogan legte nach und warnte internationale Öl- und Gasfirmen, die mit den griechischen Zyprern Geschäfte machen wollen: „Unser Energieministerium arbeitet daran, die Zulassung solcher Firmen zu Energieprojekten in der Türkei zu verbieten und eine Serie von Sanktionen über sie zu verhängen.“ Die Drohung betraf auch Konzerne, die vom Nordirak aus über türkisches Territorium Gas oder Öl nach Europa liefern wollen. Auffällig war, dass unter anderem Gasprom sich nur indirekt an dem Bewerbungsverfahren für die zyprischen Gasexplorationen beteiligte. Israelische Energiefachleute äußerten dazu allerdings die Vermutung, der russische Konzern habe seine Geschäfte in der Türkei nicht durch einen zu frühen Einstieg in das zyprische Spiel gefährden wollen. Sollte vor Zypern tatsächlich weiteres Gas gefunden werden, könne der Konzern immer noch Interesse anmelden. Dabei dürfen die Russen darauf vertrauen, dass die Regierung in Nikosia, die Ende 2011 durch einen russischen Kredit über 2,5 Milliarden Euro vor der Zahlungsunfähigkeit gerettet wurde, das Moskauer Gesuch bevorzugt behandeln werde.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kampf gegen den IS Hoffnungsträger PKK?

Ankara unterschätzt die Gefährdung der Region durch den Terror des Islamischen Staats nicht mehr – fürchtet aber auch die schlagkräftigsten Gegner der Islamisten. Mehr

13.09.2014, 20:26 Uhr | Politik
Israel nimmt ägyptischen Vorschlag zur Waffenruhe an

Mit einem einzigen Satz teilte die israelische Regierung mit, dass Israel die von Ägypten vorgeschlagene Waffenruhe akzeptiere. Ob die Waffen in Gaza nach einer Woche jetzt wirklich schweigen, muss sich aber erst zeigen. Die radikal-islamische Hamas hat eine Waffenruhe mit Israel abgelehnt. Mehr

15.07.2014, 13:00 Uhr | Politik
Islamischer Staat 49 türkische IS-Geiseln wieder frei

Die fast 50 Geiseln, die der IS vor drei Monaten in Mossul in seine Gewalt brachte, sind wieder frei. Die Türkei hatte die Geiselnahme oft als Grund genannt, warum sie sich nicht stärker im Kampf gegen den IS engagiere. Mehr

20.09.2014, 06:34 Uhr | Politik
Israel ist zu einseitiger Waffenruhe bereit

Die israelische Regierung hat sich zu einer siebenstündigen Waffenruhe für den größten Teil des Gazastreifens bereiterklärt. Währenddessen könnten humanitäre Hilfsgüter in den Gazastreifen gebracht werden. Mehr

04.08.2014, 09:29 Uhr | Politik
Koalition gegen den IS Vertraute Feinde

Die muslimischen Staaten in der Allianz gegen den Islamischen Staat sind selbst vollkommen zerstritten: Von Nordafrika bis Iran stehen sich drei Blöcke gegenüber, die Stellvertreterkriege führen. Mehr

16.09.2014, 13:29 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.07.2012, 16:12 Uhr

Die Generationen-Chance

Von Jochen Buchsteiner, Edinburgh

Zwei Wochen war Cameron der schottischste aller Schotten. Nun wird er sich mit den Souveränitäts-Forderungen der Nordiren, Waliser und Engländer konfrontiert sehen. Mehr 20 15