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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zypern Geliebte, umstrittene Aphrodite

 ·  Vor Zyperns Küste lagern große Gasvorkommen. Das ruft Washington, Moskau und Ankara auf den Plan.

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© ddp images/AP/ Eine zyprische Öl- und Gasbohrplattform vor der Südküste Zyperns

Wäre Erato Kozakou-Marcoullis eine Schauspielerin, könnte man von ihr sagen, sie besitze eine starke Bühnenpräsenz. Zyperns Außenministerin wirkt äußerst beherrscht und selbstsicher. Als repräsentiere sie nicht einen kleinen Inselstaat, sondern eine aufstrebende Regionalmacht. Die Türkei zum Beispiel.

Der große Nachbar der Zyprer hält seit fast vier Jahrzehnten den Nordteil der Insel besetzt, hat 30000 Soldaten dort stationiert und unter der Bezeichnung „Türkische Republik Nordzypern“ einen Marionettenstaat installiert. Die Türkei erkennt die Regierung Zyperns nicht an und will deshalb auch mit der noch bis Ende 2012 dauernden zyprischen EU-Präsidentschaft nichts zu tun haben.

Im Hintergrund entfaltet sich derzeit zudem ein potentiell gefährlicherer Konflikt, der seinen Ursprung allerdings weder in Ankara noch in Nikosia hat, sondern tief unter dem Mittelmeer - und in Houston, Texas. Im September 2011 begann die texanische Ölfirma Noble Energy mit Probebohrungen im zur exklusiven Wirtschaftszone Zyperns gehörenden „Block 12“ vor der Südküste der Insel. Drei Monate später meldeten die Amerikaner einen Erfolg: Im sogenannten Aphrodite-Feld von Block 12 war man auf Gas gestoßen. So groß seien die Vorkommen, dass Zyperns Energiebedarf für ein Jahrhundert gedeckt sei, frohlockte die zyprische Regierung.

Doch wo Geld ist, bleibt Streit selten aus. Schon als im Jahr 2007 die erste Lizenzierungsrunde für die Probebohrungen lief, veranstaltete die türkische Marine demonstrativ Manöver in der Nähe der vermuteten Erdgasfelder. Im September 2011, bevor die Bohrungen begannen, legte Ankara nach. Da die Türkei die Republik Zypern nicht anerkennt, spricht sie der Regierung in Nikosia nämlich auch das Recht ab, über die Bodenschätze des Landes zu verfügen. Nikosia repräsentiere schließlich die türkische Bevölkerung im Norden der Insel nicht und dürfe daher auch über die Nutzung seiner natürlichen Reichtümer nicht allein entscheiden. Egemen Bagiş, als Minister im Kabinett des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan eigentlich für das kaum noch ernsthaft verfolgte Ziel einer EU-Integration der Türkei zuständig, sagte im September, sein Land werde tun, „was immer nötig ist“, um die eigene Sichtweise zu verteidigen. Dafür habe man schließlich eine Marine, so Bagiş.

Türkische Drohungen

Sein Chef Erdogan legte nach und warnte internationale Öl- und Gasfirmen, die mit den griechischen Zyprern Geschäfte machen wollen: „Unser Energieministerium arbeitet daran, die Zulassung solcher Firmen zu Energieprojekten in der Türkei zu verbieten und eine Serie von Sanktionen über sie zu verhängen.“ Die Drohung betraf auch Konzerne, die vom Nordirak aus über türkisches Territorium Gas oder Öl nach Europa liefern wollen. Auffällig war, dass unter anderem Gasprom sich nur indirekt an dem Bewerbungsverfahren für die zyprischen Gasexplorationen beteiligte. Israelische Energiefachleute äußerten dazu allerdings die Vermutung, der russische Konzern habe seine Geschäfte in der Türkei nicht durch einen zu frühen Einstieg in das zyprische Spiel gefährden wollen. Sollte vor Zypern tatsächlich weiteres Gas gefunden werden, könne der Konzern immer noch Interesse anmelden. Dabei dürfen die Russen darauf vertrauen, dass die Regierung in Nikosia, die Ende 2011 durch einen russischen Kredit über 2,5 Milliarden Euro vor der Zahlungsunfähigkeit gerettet wurde, das Moskauer Gesuch bevorzugt behandeln werde.

Insgesamt haben die türkischen Drohungen aber wenig Erfolg gehabt, was ein Grund für das erstaunliche Selbstbewusstsein von Ministerin Kozakou-Marcoullis sein dürfte. „Nehmen wir das Beispiel Noble Energy“, sagt die Ministerin in ihrem großzügigen Empfangsraum im Außenministerium. „Es gab Drohungen und Versuche der Türkei, die Firma und die amerikanische Regierung dazu zu bringen, jegliche Zusammenarbeit mit der zyprischen Regierung einzustellen. Das hat nicht funktioniert.“ Nachdem die Probebohrungen begonnen hatten, sei die Türkei „zu keinem Zeitpunkt“ in der Lage gewesen, Noble Energy zu behindern. „Ich werde nicht sagen, was genau geschah. Aber ich kann sagen, dass die Türkei genau versteht, was sie tun und was sie besser nicht tun sollte, wenn sie von starken Staaten auf höchstem Niveau entsprechende Hinweise erhält“, stellt die Ministerin kühl fest.

Sie weiß, dass der türkische Anspruch, Zyperns Energiepolitik zu bestimmen, in der EU auf geschlossene Ablehnung stieß und sogar Russlands Botschafter die Ankaraner Drohgebärden unlängst öffentlich als „nicht sonderlich weise“ kritisierte. Die Mehrheit der Völkerrechtler vertritt die Ansicht, dass Ankaras Ansprüche auf Teile von Zyperns exklusiver Wirtschaftszone nicht gerechtfertigt seien - schon gar nicht, wenn sie sich auf die Existenz der international nicht anerkannten türkischen Quasistaats in Nordzypern und dessen angeblich eigene exklusive Wirtschaftszone stützen. Mit Ägypten (2003), dem Libanon (2007) und Israel (2010) hat Zypern sich längst auf eine Abgrenzung der jeweiligen exklusiven Wirtschaftszonen im Mittelmeer verständigt. Diese Abkommen werden jedoch von der Türkei nicht anerkannt, da Nikosia erst nach einer Überwindung der Teilung - und dann mit Beteiligung der Inseltürken - internationale Verträge abschließen dürfe.

Zypern will „multilaterale Koalitionen“ eingehen

Da eine Einigung mit der Türkei nicht möglich ist, wahrt die zyprische Regierung die Interessen des Landes auf andere Weise - vor allem durch eine geschickte Vergabepolitik bei der Ausbeutung seiner Rohstoffvorkommen. Staatspräsident Dimitris Christofias hat vorgegeben, dass Zypern „multilaterale Koalitionen“ mit großen Konzernen eingehen müsse. Mit anderen Worten: Partnerschaften mit Industriegiganten mächtiger Staaten sollen die Türken in die Schranken weisen. Die „International Crisis Group“ vermutete in einer im April veröffentlichten Studie, die türkischen Drohgebärden könnten internationale Konzerne davon abhalten, an der Ausschreibung für die zweite Runde der Probebohrungen teilzunehmen.

Doch so kam es nicht. Nachdem die Bewerbungsfrist am 11. Mai abgelaufen war, konnte Handelsminister Neoklis Sylikiotis verkünden, dass 29 Unternehmen und Konsortien Interesse bekundet hatten, darunter Konzerne wie der französische Mineralölkonzern Total oder die italienische Konkurrenz von Eni. Die übrigen Bewerber kamen aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Israel, dem Libanon, Russland, Großbritannien, Malaysia, Australien, Norwegen, Korea, den Niederlanden und Indonesien. Die breite Allianz an Interessenten verschaffe Nikosia Sicherheit, hebt Außenministerin Kozakou-Marcoullis hervor. Ob Ankara nun noch zu stören wage, hänge vor allem davon ab, „welche Reaktionen die Türkei für ihr Verhalten ernten wird - nicht nur von den an den Probebohrungen beteiligten Konzernen, sondern auch von den Staaten, aus denen diese Konzerne kommen.“ Derzeit werden die Bewerbungen von der zyprischen Regierung ausgewertet. Die Entscheidung über die Vergabe der Lizenzen soll 2013 fallen.

Bis dahin muss Zypern allerdings ein überzeugendes Exportmodell für das Gas entwickelt haben. Zyperns Markt ist klein, die Insel hat weniger Einwohner als München. Die großen Energiekonzerne werden nur investieren, wenn sie den größeren Teil des Gases exportieren dürfen. Die wirtschaftlich sinnvollste Route über die Türkei mit einem Anschluss an das europäische Netz fällt aber politisch aus.

Hinzu kommt, dass die von Nikosia vielfach angepriesene Rolle des Landes bei der Verminderung der europäischen Abhängigkeit von russischem Gas zumindest nach derzeitigem Stand der Gasfunde übertrieben ist. Um Einfluss auf die Energiesicherheit der EU zu haben, sind die bisher entdeckten Reserven zu klein. „Sie mögen für Zypern ein Jahrhundert reichen. Aber 100 Jahre Zypern sind vier Jahre EU“, sagt ein westlicher Diplomat in Nikosia. Interessant wird es für die EU erst, wenn in den noch nicht erkundeten Blöcken weitere Gasfelder entdeckt werden, was Fachleute vor allem im Block 9 für möglich, ja sogar wahrscheinlich halten.

Der weltweit größte Gasfund 2009

Wirtschaftlich sinnvoll ist der Gasexport für Zypern aber vermutlich selbst dann nur in Kooperation mit Israel. Der Wert des Aphrodite-Feldes beläuft sich nach den bisherigen, noch sehr vagen Schätzungen auf 30 bis 100 Milliarden Euro, wobei der deutlich größere Teil der Vorkommen Israel zukommt. Das Aphrodite-Feld liegt nämlich zum größeren Teil in israelischen Gewässern. Dort bohrt Noble Energy schon seit 1998 und ist dabei unter anderem im Leviathan-Feld fündig geworden, dessen Gasvorkommen weitaus größer sind als alles, was bisher in der zyprischen Zone gefunden wurde. Vor drei Jahren stieß Noble Energy auch im israelischen Tamar-Feld auf Gas. Nach Angaben des Konzerns handelte es sich um den weltweit größten Tiefenwasser-Gasfund des Jahres 2009. Das Tamar-Feld soll ab Mitte kommenden Jahres Gas liefern.

Andreas Mavroyannis, Staatssekretär für europäische Angelegenheiten in Nikosia, weiß natürlich, dass sich Zypern um eine Zusammenarbeit mit Israel bemühen muss. Man wolle unbedingt mit Israel kooperieren, um die „kritische Masse“ zu erreichen, die den Export von Gas profitabel werden lasse, bestätigt der Diplomat. „Wir stehen in ständigen Verhandlungen mit Israel“, sagt Mavroyannis. Ohne es wörtlich zu sagen, deutet er an, dass den Zyprern dabei die regionale Großwetterlage zupass kommt. Israel hat sich nämlich, je schlechter in den vergangenen Jahren die Beziehungen zur Türkei wurden, immer stärker Griechenland und Zypern angenähert. Im Januar schlossen Zypern und Israel ein Verteidigungsabkommen ab, im Februar reiste Benjamin Netanjahu zum ersten offiziellen Zypern-Besuch eines israelischen Ministerpräsidenten nach Nikosia. Handelsminister Neoclis Sylikiotis brach Mitte Juni zu Beratungen über die gemeinsame Vermarktung der Gasreserven in die umgekehrte Richtung auf.

Die zyprische Regierung will bei Limassol eine Anlage zum Verflüssigen von israelischem und zyprischem Gas bauen lassen. Das Gas soll teilweise für den Heimatmarkt genutzt, teilweise per Schiff nach Europa oder Asien exportiert werden. Ende vergangenen Monats gab Christofias bekannt, dass seine Regierung sich endgültig für die Flüssiggasvariante entschieden habe. Am Massachusetts Institute of Technology wird derzeit eine Machbarkeitsstudie zum Bau der Anlage erstellt. Auch bei Noble Energy wird offenbar die Flüssiggasvariante favorisiert. Die zyprische Regierung teilte mit, das Vorhaben werde sechs bis sieben Milliarden Euro kosten und könne bis 2019 abgeschlossen werden. Laut Handelsminister Sylikiotis haben die Deutsche Bank and die Bank Credit Agricole vorläufiges Interesse an einer Finanzierung gezeigt. Fachleute warnen aber, der Preis werde nicht sieben, sondern eher zehn Milliarden Euro betragen. Außerdem sei vor 2020 kaum mit einem Abschluss der Arbeiten zu rechnen. Hinzu kommt, dass der von Nikosia gewünschte Standort Limassol umstritten ist. Eine von der israelischen Regierung eingesetzte Kommission für Energiepolitik, die sogenannte Tzemach-Kommission, riet dem Kabinett Netanjahu in einer im April veröffentlichten Einschätzung dringend dazu, die Anlage auf israelischem Territorium bauen zu lassen.

Explorationen als politische Demonstrationen

Allerdings muss mit weiteren türkischen Störmanövern gerechnet werden. Ankara hat im September vorigen Jahres mit der von ihr abhängigen nordzyprischen Regierung ein Abkommen über den Verlauf der Seegrenze und die Abgrenzung des Festlandsockels geschlossen. Die Vereinbarung wird international zwar nicht anerkannt, doch hat die Türkei inzwischen mit eigenen Probebohrungen begonnen, denen allerdings kaum Erfolgsaussichten gegeben werden. Der Türkei mangelt es an der technischen Erfahrung, um die Suche in eigener Regie zu betreiben. Die Explorationen waren indes ohnehin vor allem als politische Demonstration gedacht. Die türkischen Zyprer, so lautet sinngemäß die Lesart des Konflikts in der Türkei und in Nordzypern, stellen etwa ein Fünftel der zyprischen Bevölkerung. Einschließlich der von Nikosia nicht anerkannten anatolischen Siedler sind es sogar mehr als ein Viertel. Ebenso wie griechische Zyprer Ansprüche auf Immobilien im Norden erheben, die sie nach der türkischen Militärintervention 1974 verlassen mussten, stehe den türkischen Zyprern mindestens ein Fünftel der Rohstoffvorkommen zu, lautet das türkische Argument.

Zyperns Staatschef Christofias hat bisher nur vage zugesagt, dass auch seine türkischen Landsleute von dem erhofften Reichtum profitieren werden. Wie das geschehen soll, ist jedoch völlig offen. Die Teilung Zyperns scheint endgültig, seit die griechischen Zyprer in einer Volksabstimmung im April 2004 deutlich gemacht haben, dass sie nicht bereit sind, für eine Wiedervereinigung substantielle Kompromisse einzugehen. Da es eine Wiedervereinigung ohne Verzicht auf beiden Seiten nicht geben kann, glaubt kaum jemand noch ernsthaft an eine Überwindung der Teilung, zumal vor allem die junge Generation von Türken und Griechen eine Vereinigung ohnehin nicht will.

So wird der Streit über die Nutzung der Energiereserven vor der Küste Zyperns wohl noch lange dauern. Auffällig ist dabei, dass über zwei Dinge nicht geredet wird: Die Notwendigkeit von Energiesparmaßnahmen spielt in der Diskussion auf Zypern keine Rolle. Außerdem wird eine Frage nicht gestellt: Wenn die noch zahlungsfähigen Staaten der Eurozone und die Europäische Zentralbank den Zyprern womöglich auf Antrag der zyprischen Regierung mit mehreren Milliarden Euro aushelfen sollen, um die Banken des Landes zu retten - warum sollten die Geberstaaten im Gegenzug dann nicht Sicherheiten aus den zu erwartenden Gaseinnahmen Zyperns verlangen?

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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