29.08.2009 · Am 1. September erinnert Polen an den Kriegsbeginn vor 70 Jahren. Zum Festakt wollte Ministerpräsident Tusk Danzig zum Zentrum des Erinnerungsgeschehens machen. Aber biele wichtigen Akteure lassen sich vertreten.
Von Konrad Schuller, WarschauAm Mittwoch, wenige Tage vor dem Tag, an dem in Danzig die siebzigste Wiederkehr des Tages begangen wird, an dem Deutschland den Zweiten Weltkrieg begann, veröffentlichte die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ Umfrageergebnisse zum Bild des Krieges in der polnischen Bevölkerung. Die Zahlen waren eindeutig: Die Polen sind überzeugt, dass ihre Nation nach Deutschland und Russland den stärksten Einfluss auf den Verlauf des Krieges hatte - mehr jedenfalls als etwa die Vereinigten Staaten und Großbritannien, trotz Atombombe und Normandie. Vor allem aber halten sich die Polen für die Nation, die damals am meisten gelitten hat, mehr noch als die Juden.
Dieser „Polonozentrismus“, wie es der Soziologe Piotr Kwiatkowski nennt, hatte bis vor kurzem gute Chancen, beim Jahrestag am 1. September einen neuen Triumph zu feiern. Der bürgerliche Ministerpräsident Tusk setzte alles daran, Danzig zum Weltzentrum des Erinnerungsgeschehens zu machen.
Nur Merkel kommt
Von Barack Obama über Angela Merkel und Nicolas Sarkozy bis Wladimir Putin sollten alle zu den Gedenkfeiern kommen - so war das Konzept. Damit sollte nicht nur Polens Rolle als Kriegsteilnehmer und Opfer gewürdigt werden, sondern auch seine neue politische Stellung: versöhnt mit den Feinden Russland und Deutschland, umrahmt von seinen Verbündeten, geschützt von Amerika.
Es ist anders gekommen. Unter den Figuren dieser Inszenierung scheint nur eine einzige bereit zu sein, die ihr zugedachte Rolle zuspielen: Angela Merkel. Sie wird am 1. September auf der Westerplatte in Danzig, wo vor 70 Jahren durch die Schüsse des deutschen Kriegsschiffs „Schleswig-Holstein“ der Krieg begann, wie gewünscht das zum Verbündeten gewandelte Deutschland vertreten.
Doch Frankreichs Präsident Sarkozy und der britische Premierminister Brown lassen sich vertreten, mit Russland ist gerade in diesen Tagen ein hitziger Propagandakrieg über die russische Mittäterschaft bei Hitlers Überfall auf Polen entbrannt, und die Vereinigten Staaten, in den Träumen aller polnischen Sicherheitspolitiker von links bis rechts der Beschützer Polens in einer von Russland bedrohten Welt, haben noch nicht einmal mitgeteilt, ob überhaupt ein Regierungsmitglied kommen wird.
Russische Rechtfertigung des Hitler-Stalin Paktes
Das sei heute ganz wie beim Kriegsbeginn vor siebzig Jahren, soll ein polnischer Diplomat der Zeitung „Dziennik“ gesagt haben: Die Feinde kämen gerne, aber die Verbündeten ließen sich entschuldigen. Mit Russland hatte sich dabei alles so gut angelassen: Die Normalisierung der zu Zeiten der nationalkonservativen Regierung Kaczynski überaus gespannten Beziehungen zu Moskau war eine Priorität Ministerpräsident Tusks. Polen nahm diverse gegen Russland gerichtete Vetos in der EU zurück, und die Ministerpräsidenten trafen sich mehrmals. Putins Zusage, zu der Gedenkfeier am 1. September nach Danzig zu kommen, schien eine erste Frucht der Entspannung zu sein.
Doch zuletzt hat es schrille Töne gegeben. Die Geschichtsbilder der Polen und der Russen unterscheiden sich fundamental, und in den vergangenen Tagen sind sie in den Medien aufeinandergeprallt. In Polen gilt es als ausgemacht, dass die Sowjetunion durch den Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 mit seinem geheimen Zusatzprotokoll zur Teilung Polens eine starke Mitschuld am Ausbruch des Kriegs trägt und dann durch den Einmarsch der Roten Armee in den polnischen Osten kurz nach dem deutschen Überfall im Westen dem kämpfenden Polen in den Rücken gefallen ist.
Polen hofft auf freundlichen Putin
In Russland sieht man das ganz anders: Russische Historiker rechtfertigen den Hitler-Stalin-Pakt mit dem Argument, der Sowjetunion sei damals nichts anderes übriggeblieben, als sich mit Deutschland zu arrangieren, weil die Westmächte durch das Münchener Abkommen von 1938 gezeigt hätten, dass sie die bedrohten Staaten des Ostens vor deutscher Aggression nicht schützen wollten.
Eine Umfrage hat ergeben, dass die meisten Russen diese Rechtfertigung plausibel finden. Das russische Staatsfernsehen strahlte am 23. August einen Beitrag aus, in dem die These von der russischen Selbstverteidigung noch zugespitzt wurde: Stalin habe sich mit Hitler gegen Polen verbünden müssen, weil Warschau schon 1934 durch einen Nichtangriffspakt mit Berlin zum „ersten Verbündeten“ des Dritten Reiches geworden sei. Dieser deutsch-polnische Pakt, so wird suggeriert, habe einen geheimen antirussischen Zusatz gehabt, so dass Stalin nichts anderes übriggeblieben sei, als seinerseits mit Deutschland eine Verabredung gegen Polen zu schließen.
In Polen fragt man sich, wie diese russische Offensive in der Geschichtspolitik zu werten ist. Fachleute wie Antoni Dudek vom „Institut der nationalen Erinnerung“ (IPN) haben den Punkt der Unsicherheit dabei so beschrieben: Entweder, so sagte er kürzlich im Fernsehen, bereite Russland mit diesen Vorwürfen ein hartes Auftreten Putins in Danzig vor, oder das Gegenteil sei der Fall - durch Attacken vor den Feiern schaffe sich die russische Seite eine effektvolle Kulisse, um mit einem freundlichen Auftritt Putins umso mehr Wirkung zu erzielen. Die polnische Regierung jedenfalls scheint diese Hoffnung nicht aufgegeben zu haben: Tusk hat ausdrücklich darauf verzichtet, auf den russischen Film scharf zu reagieren, wie es die Opposition von ihm verlangt. Ob aus dem Geplänkel ein Eklat wird, wird sich erst bei Putins Auftritt in Danzig zeigen.
Ausgeträumt: Ende der Exklusivbeziehung zu Amerika?
Ganz anders stehen die Dinge im Verhältnis zu Amerika. Dass offenbar weder Präsident Obama noch Vizepräsident Biden oder Außenministerin Clinton nach Danzig kommen werden, hat die „Gazeta Wyborcza“ mit dem Satz kommentiert, die polnisch-amerikanischen Beziehungen seien so schlecht wie noch nie seit dem Ende des Kommunismus. Sollte das zutreffen, wäre das ein Zeichen für eine fundamentale Wende. Das enge Verhältnis zu Amerika war seit der Wende das Zentrum der polnischen Staatsraison.
Präsident Reagan galt neben Margaret Thatcher als der Einzige im Westen, der die sowjetische Gefahr richtig einschätzte, und seit George W. Bush in dieser Tradition dem neuen russischen Hegemonialismus entgegentrat, war für Polen klar, dass nur Washington als verlässliche Schutzmacht in Frage komme, nicht aber Deutschland, Frankreich, die EU oder die Nato. Die Linksregierung Miller entschloss sich deshalb zur Teilnahme am Irak-Krieg, die Konservativen unter Kaczynski entwickelten ein „Modell Israel“, das Polen ähnlich wie den jüdischen Staat durch ein Sonderbündnis mit Amerika in einer feindlichen Umwelt sichern sollte, und die liberale Regierung Tusk verabredete mit Bush die Stationierung eines Teils des amerikanischen Raketenabwehrsystems in Polen, um ein Pfand für die amerikanische Treue in die Hand zu bekommen.
Diese Politik hat nicht erst seit dem Amtsantritt Obamas Rückschläge erlitten. Der Einsatz im Irak hat nicht das gewünschte Sonderverhältnis zu Amerika schaffen können. Washington war nicht einmal bereit, die restriktiven Visa-Bestimmungen zu revidieren, die in Polen als Schmach empfunden werden, und dass Obama jetzt mit Rücksicht auf Russland möglicherweise auf die Stationierung der Raketenabwehr in Polen verzichten wird, hat an der Weichsel den alten Verlassenheitskomplex wieder aktiviert, dessen historische Gründe gerade in diesen Gedenktagen wieder in Erinnerung kommen: Im September 1939 leisteten Paris und London dem angegriffenen Polen trotz Beistandsversprechen keine Hilfe.
Die aus polnischer Sicht beleidigend hinhaltende Reaktion Washingtons auf die Einladung auf die Westerplatte ist nun ein weiteres Zeichen vom Zusammenbruch des polnischen Traums von jener Exklusivbeziehung zu Amerika, die noch vor Nato und EU der erste Pfeiler der nationalen Sicherheit sein sollte. Obama bleibt fort, dafür kommt Angela Merkel - und als hätte er die Zeichen der Zeit erkannt, hat sich jetzt in letztem Augenblick auch der französische Premier Fillon angemeldet.
Konrad Schuller Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.
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