04.08.2007 · Viele Bewohner sind nach New Orleans zurückgekehrt. Neue Schleusen und Deiche sollen eine abermalige Katastrophe verhindern. Aber auch zwei Jahre nach dem Hurrikan „Katrina“ ist die Stadt noch nicht „Holland-sicher“. Jasper von Altenbockum hat sie besucht.
Von Jasper von Altenbockum, New OrleansDie Leute in New Orleans können schon wieder lachen über ihren Untergang. In seinem Büro hat Jim Amoss ein Stück bitterer Ironie auf dem Boden stehen, eine Fotomontage, die ein bis unter die Dächer überschwemmtes Venedig zeigt. So sieht es wohl aus, wenn New Orleans eines Tages doch noch den Tod in Venedig sterben sollte.
Amoss ist Chefredakteur der „Times Picayune“, der größten Zeitung weit und breit, benannt nach der kleinsten Münze spanischer Kolonisatoren, die hier herrschten, als sich die Stadt noch an den Stellen entlang des Mississippis ausbreitete, die über dem Meeresspiegel liegen. Vor zwei Jahren hätte niemand einen Picayune gewettet, dass Amoss sich eines Tages in seinem Zimmer dieses Plakat aufhängen könnte. Da war New Orleans bis unter die Dächer überschwemmt. Besser gesagt: ersoffen, verwüstet, tot.
„Das Gerede von Atlantis war falsch“
„Katrina ist die Geschichte, die wir so lange erzählen werden, bis wir sterben. Es ist die Geschichte unseres Lebens“, sagte Amoss ein paar Monate später, als sich schon herumgesprochen hatte, dass seine Zeitung zum Symbol des Trotzes geworden war, dem Hurrikan „Katrina“ und allem, was er angerichtet hatte, zu widerstehen. Sie wurde nach jenem schicksalhaften 29. August 2005 weiter täglich veröffentlicht, wenn auch zunächst an manchen Tagen nur im Internet. „Was wurde damals nicht alles in der Weltpresse geschrieben: Atlantis, Untergang, nie wieder New Orleans“, sagt Amoss. Und heute?
„Die Stadt ist in ständiger Bewegung, das Gerede von Atlantis war falsch“, sagt David Meeks, einer der Reporter, die im September 2005 in der Stadt geblieben waren, um die Stadt wieder zurück ins Leben zu schreiben. Heute steht er in seinem frisch renovierten Haus, das in der Straße im Stadtteil Lakeview allerdings so dasteht, als sei es in den Ruinen von Atlantis gebaut worden.
Drumherum sieht es noch immer ganz schön nach Verwüstung aus. Mit Brettern vernagelte Bruchbuden stehen da, verlassene Häuser, die alle entkernt, von meterhohem Schlamm und Schutt befreit wurden und nur noch darauf zu warten scheinen, dass ihnen der Gnadenstoß gegeben wird. Meeks war der Erste in der Straße, der die Handwerker holte (und tatsächlich welche fand, die bezahlbar waren). „Einer muss anfangen, dann kommen die anderen hinterher.“ Lange zögerten die anderen. Jetzt kommen sie langsam hinterher.
Leblose Stadtviertel
Warum so langsam? Noch immer gibt es leblose Stadtviertel, ganze Straßenzüge, die planiert sind. Östlich der Mississippi-Schleife, in die sich das historische Viertel der Stadt schmiegt, liegt das Lower Ninth Ward, die Heimat der schwarzen Unterschicht von New Orleans, noch immer wie Ground Zero da. Ab und zu steht noch ein einsamer verkrüppelter Baum, unter anderem der, auf dem ein Stadtrat drei Tage und drei Nächte ausharrte, bis er gerettet wurde. Sonst breitet sich hier eine abgerissene Wüste aus, bis man an die Straßenecke kommt, wo Fats Domino einst lebte. Da wurde vor ein paar Monaten gehämmert und genagelt, denn die Blues-Ikone wollte zurück - auch er, um ein Zeichen zu setzen.
Vor allen die Rentner sind die großen „Katrina“-Verlierer: Sie hatten ihre Häuser abbezahlt, zahlten also keine Hypotheken mehr, deshalb aber in der Regel auch keine staatliche Flutversicherung. Wer Hypotheken bediente, musste eine Versicherung abschließen. Alles, was ihnen jetzt im „Exil“ geblieben ist, sind monatliche Überweisungen der Sozialversicherung.
Andere mussten monatelang warten, bis sie wussten, ob und wie viel Entschädigung aus staatlichen Programmen sie erhalten würden. Die meisten bekamen nichts oder warten noch immer auf einen Bescheid. Andere bemühten sich vergeblich um eine Baugenehmigung. Wieder andere nahmen das Geld der Versicherung und zogen nichts wie weg.
Amerikanischer „Vertrauensbruch“
„Wenn das hier Ohio oder Iowa wäre“, sagt Jed Horne, „hätten wir etwas anderes erlebt“. Dann hätte, will er sagen, Amerika reagiert, wie Amerika reagiert, wenn es um Amerika geht. Aber New Orleans, Louisiana? Horne schrieb ein Buch über das schlechte Gewissen der Nation und dessen Vorgeschichte. Er nannte es „Vertrauensbruch“ (Breach of Faith).
Unter anderen führten Hornes Recherchen dazu, dass sich das 2003 neugeschaffene Ministerium für Heimatschutz bis auf die Knochen blamierte, weil es zu langsam, zu bürokratisch reagiert hatte. Der Chef der Bundeskatastrophenhilfe Fema, Michael Brown, dessen Behörde dem neuen Superministerium einverleibt worden war, musste gehen, obgleich er die Blamage vorausgesehen hatte.
Horne machte aber vor allen auch den Deichgrafen und Ingenieuren des für die Dämme zuständigen Army Corps of Engineers das Leben schwer. Die mussten schließlich zugeben, dass alles halb so wild gewesen wäre, hätten sie in den achtziger und neunziger Jahren mehr Geld gehabt und ihre Arbeit tun können, also Dämme gebaut, die ihren Namen verdienen. Zu dem Eingeständnis, dass Deiche schlecht gebaut und schlecht instandgehalten worden waren, war das Army Corps erst ein Jahr nach „Katrina“ bereit.
„Ein weißes Verbrechen“
New Orleans kokettierte zwar schon immer damit, die unamerikanischste Stadt Amerikas zu sein. Aber bitte nicht so unamerikanisch, dass sie sich behandelt fühlen muss, als gehöre sie schon gar nicht mehr dazu. In den schon zur Legende gewordenen Schmähreden Ray Nagins, des Bürgermeisters von New Orleans, taucht deshalb immer wieder ein mysteriöses „sie“ auf: „Sie“ vertuschten, „sie“ verhinderten, „sie“ planten, „sie“ ignorierten . . . Wer „sie“ sind, lässt er offen.
Es könnten die Weißen sein, es könnte die Regierung in Washington sein, es könnten auch einfach die Konservativen im Lande sein. Da das alles derzeit noch zusammenfällt, weiß jeder, wen er meint. Nagin, ein schwarzer Populist, war zwar selbst mal ein Konservativer und spendete für die Kandidatur George W. Bushs, aber der politische Ehrgeiz, in einer Stadt der Liberalen, Sozialen und Schwarzen politische Karriere zu machen, ließ ihn die Seite wechseln.
Seither gehört er der Demokratischen Partei an, gilt aber als neokonservatives Gewächs, wenn auch mit bürgerrechtlich leuchtenden Blüten. „Ray Nagin muss man nicht ernst nehmen. Aber er sagt vieles, was die schwarze Bevölkerung denkt“, sagt Horne. Und die denkt, dass „Katrina“ eigentlich keine Naturkatastrophe, sondern ein weißes Verbrechen war.
Nicht „Holland-sicher“
Der Schock über den Big Easy der Bush-Regierung sitzt tief. Kaum waren in diesem Jahr neue Dämme gebaut, schon hieß es unter Fachleuten, die seien so unsicher wie ihre Vorgänger. „Bis heute fehlt der Wille, die Stadt Kategorie-fünf-sicher zu machen“, sagt Horne, also so sicher, dass sie einem Hurrikan der Stärke 5 standhalten könnte, wie „Katrina“ einer war.
„Holland-sicher“ heißt das in New Orleans. Ein Jahr nach dem Untergang, sagt Meeks, sei nicht einmal klar gewesen, wo und wie und wann die Dämme neu gebaut würden. „Da hat man sich dreimal überlegt, ob man zurückkommen soll.“ Achtzig Prozent der Stadt hatten unter Wasser gestanden, in die Innenstadt war bis Mitte 2006 nicht einmal jeder zweite Bewohner zurückgekehrt.
Antidepressivum gegen das „Katrina-Syndrom“
Das war die Zeit, im Oktober 2006, als Chris Rose seine Kolumne „Hell and back“ - in die Hölle und zurück - für die „Times Picayune“ schrieb. Der Feuilletonist, der zum Kummerkasten einer niedergeschlagenen Stadt geworden war, beschreibt darin die Depression, die eine ganze Stadtbevölkerung ergriffen hatte, die nicht mehr wusste, wo es langgehen sollte.
Rose wollte eines Tages im Herbst 2005, kurz nach „Katrina“ also, als die Stadt noch immer so gut wie verlassen war, zur Arbeit gehen, stolperte und prallte gegen einen Baum, blieb bewusstlos liegen, wachte irgendwann am späten Nachmittag auf, ohne dass ihn jemand bemerkt oder ihm geholfen hätte, und torkelte nach Hause. Er schrieb darüber, wie über zahlreiche andere Episoden des „Katrina-Syndroms“ im Internet und bekam als Antwort „das größte Archiv an Katrina-Geschichten, die einem das Herz brechen“. Ihm auch. Er nahm Cymbalta, ein Antidepressivum, das ihn aus der Hölle zurück ins Leben führte.
Billige Lebensversicherung
Justin Quarles' Cymbalta war das pausenlose „Klong-klong-klong“ riesiger Rammböcke, die Stahlplatten ins Erdreich treiben. Der zwanzig Jahre alte Student kaufte im Dezember 2006 ganz am Anfang der Pratt Drive im Stadtteil Gentilly ein Haus, direkt dort, wo der Damm zum London Avenue Canal gebrochen war.
Das Wasser stand hier mehr als drei Meter hoch. Die beruhigende Begleitmusik seiner Renovierungsarbeiten kam vom Neubau einer Schleuse, die den Zufluss des Kanals in den Lake Pontchartrain steuern soll - regnet es, soll der Kanal das Wasser sammeln und in Richtung See abfließen, stürmt es und drückt der See in die Kanäle, darf die Schleuse geschlossen werden.
Früher hatten die Leute (und die Umweltschützer) mehr Angst vor dem Regen als vor einem Hurrikan; deshalb gab es keine Schleusen, und deshalb waren die Kanäle schließlich gebaut worden. Heute sind die Schleusen die billigste Lebensversicherung, die sich Leute wie Quarles vorstellen können.
Versinkendes „Venedig“
Quarles will mit der neuen Sicherheit das Geschäft seines Lebens machen. Sein Haus - drei Schlafzimmer, Küche, Bad und Wohnzimmer - sollte 80.000 Dollar kosten. Quarles handelte den alten Besitzer, der in Atlanta eine neue Heimat gefunden hatte, auf 57.000 Dollar herunter. Ein Schnäppchen, das ihm einen günstigen Kredit sicherte, auch wenn er noch 50.000 Dollar in den Wiederaufbau stecken musste. Vor „Katrina“ hätte er das Haus wohl nicht unter einer Viertelmillion Dollar bekommen. So teuer, rechnet er, werde das Haus in zehn Jahren wieder sein. Das macht Appetit auf mehr.
Vorläufig aber hat Quarles noch unkalkulierbare Posten in seiner Rechnung. Einmal wurde seine Baustelle geplündert, wurden Kupferrohre herausgerissen, Werkzeug und Elektroteile gestohlen („Wenn ich da gewesen wäre, hätte ich die erschossen“) - Polizei ist hier so selten anzutreffen wie eine funktionierende Straßenbeleuchtung.
Umfragen haben in diesem Jahr Überraschendes herausgefunden. Nur ein Zehntel aller Häuser in einem Stadtteil wie Gentilly sind wirklich verlassen, und erstaunlich viele Bewohner arbeiten an ihrer Rückkehr. Vielleicht weil sie eine leicht nachvollziehbare Sehnsucht nach einer Heimat haben, in der die Zeit ohnehin nur geborgt ist, in der Nacht für Nacht in den Straßen des historischen Viertels so gefeiert wird wie eh und je, wenige Meilen vor der Mississippi-Mündung, wo die Feuchtgebiete in einer Art schleichender Naturkatastrophe langsam im Wasser versinken. Und wo der letzte Flecken „Venice“ heißt - Venedig.
Katrina hatte verhindert werden konnen
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 05.08.2007, 02:51 Uhr
Die schwarze Bevölkerungsmehrheit in New Orleans
Torsten Klier (TorstenKlier)
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Josef Wenger (wenschie)
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