04.06.2008 · Wegen der hohen Kriminalitätsrate und der unsicheren politischen Lage verlassen zahlreiche südafrikanische Angestellte ihr Land, ziehen nach Australien oder Europa. Wer die Unsicherheit in Südafrika aushält, wird mit steigenden Gehältern belohnt.
Von Claudia BröllNormalerweise nutzen südafrikanische Unternehmen den Nachrichtenservice der Börse "Sens" zur Bekanntgabe der neuesten Geschäftszahlen. Die Mitteilung des Chemiekonzerns AECI vor kurzem rüttelte die Johannesburger Geschäftsleute jedoch über das normale Tagesgeschehen hinaus auf. Es gab bekannt, dass Finanzvorstand Roger Williams wegen des Todes seiner 12 Jahre alten Tochter Emily auswandern und sich daher auch von dem Unternehmen verabschieden werde. Emily war Anfang des Jahres ums Leben gekommen, als sie am helllichten Tag im Auto auf ihre Freundin wartete, um zur Schule gefahren zu werden.
Im Garten des Hauses ihrer Freundin bereitete eine Bande gerade einen bewaffneten Raubüberfall vor. Als Sicherheitskräfte nahten, eröffneten die Verbrecher das Feuer. Ein Streifschuss traf das Mädchen. "Auch wenn der Aufsichtsrat die Williams-Familie voll unterstützt, ist es traurig, dass wir Leute dieser Qualität wegen des kriminellen Umfelds in diesem Land verlieren", hieß es in der Mitteilung.
„Sobald sie ihr Visum haben, sind sie weg“
Sie führt vor Augen, welches Ausmaß die Kriminalität in Südafrika erreicht hat. Tausende Südafrikaner verlassen jedes Jahr das Land, weil sie sich in ihrer Heimat nicht mehr sicher fühlen. Für Unternehmen ist die Auswanderungswelle zu einem der größten Probleme geworden, mit dem sie in Südafrika zu kämpfen haben. Williams ist nur ein prominentes Beispiel für die vielen hochqualifizierten Auswanderer.
Offizielle Daten über die Emigration sind schwer zu bekommen. Informationsveranstaltungen zu Chancen im Ausland erleben jedoch regelmäßig einen Ansturm von Interessierten. Bei einer Veranstaltung in Johannesburg mussten unlängst 100 Menschen wegen Platzmangels abgewiesen werden. "Die meisten können nicht schnell genug ihre Koffer packen", sagt Gary Chapman, ein auf Auswanderung spezialisierter Anwalt, "sobald sie ihr Visum haben, sind sie weg." Allein in London leben mittlerweile rund eine Million Südafrikaner. Nach Australien ziehen jedes Jahr 12.000 bis 13.000. "Packing for Perth", der Spruch, mit dem einst die Anti-Apartheid-Partei PFP diffamiert wurde, hat wieder den Weg in die Alltagssprache gefunden.
Verunsicherung über die Zukunft
Einer der Hauptgründe sei die Kriminalität vor allem in der Wirtschaftsmetropole Johannesburg, berichten Emigrationsagenturen. Außerdem herrsche - nicht zuletzt angesichts der aktuellen Unruhen in den Armenvierteln - Verunsicherung über die wirtschaftliche und politische Zukunft des Landes. Die gegenwärtige Energiekrise, die Wahl des populistischen Politikers Jacob Zuma zum Präsidenten der Regierungspartei ANC habe vielen den Rest gegeben. Zuma steht wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht. Dennoch gilt er als nahezu sicherer Nachfolger des Staatspräsidenten Thabo Mbeki.
Insbesondere die weißen Südafrikaner sorgen sich um die Chancen ihrer Kinder. Unternehmen in Südafrika werden über die Black Economic Empowerment-Politik de facto gezwungen, Kandidaten einstmals benachteiligter Bevölkerungsgruppen den Vorrang zu geben. Das hat die Aussichten von Weißen auf dem Arbeitsmarkt deutlich gemindert - obwohl sie auch heute noch überwiegend besser ausgebildet sind.
Vor der WM 2010: Wo sind die Bauingenieure?
Vor allem die Bauunternehmen, die mit den Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 gut zu tun haben, suchen händeringend Personal. In Südafrika gibt es nach Angaben des Branchenverbands weniger als drei Bauingenieure je 100.000 Einwohner. In vielen vergleichbaren Ländern seien es 20. Auch Minengesellschaften, Kliniken, Banken und Dienstleister sehen sich getroffen. Sogar der Staat kann offene Stellen nicht mehr besetzen. Mehr als 100 Verwaltungsmitarbeiter mussten vor kurzem aus dem Ruhestand zurückgeholt werden.
Die hohe Nachfrage treibt die Gehälter in die Höhe. Die Gehaltsunterschiede zwischen Gelernten und Ungelernten seien in Südafrika so hoch wie in kaum einem anderen Land der Erde, sagt Mike Schüssler, Ökonom des privaten Forschungsinstituts T-Sec. Spezialisten unterhalb der Geschäftsführungsebene verdienten einundzwanzigmal so viel wie Ungelernte. Der Ökonom warnt jedoch davor, allein die Auswanderung für den Mangel verantwortlich zu machen. Südafrika bilde auch zu wenige Fachkräfte aus. Weniger als 10 Prozent der Jugendlichen in dem Alter, in dem sie die Schule abschließen, habe eine Qualifikation für ein Hochschulstudium. In anderen Schwellenländern wie Malaysia sei der Anteil mehr als doppelt so hoch. "Wenn Südafrika genügend Leute mit den richtigen Qualifikationen hätte, könnte es ein deutlich höheres Wachstum erzielen", sagt Schüssler.
Politiker indes machen gerne das Ausland mitverantwortlich für die heimischen Schwierigkeiten. Finanzminister Trevor Manuel klagte jüngst, dass Industriestaaten die Entwicklungs- und Schwellenländer plünderten, indem sie hochkarätige Kräfte weglockten. "Für ärmere Länder wird es damit noch schwerer oder unmöglich, die Armut zu reduzieren und ihre Entwicklungsziele zu erreichen."
Australier werben aggressiv
Tatsächlich werben Unternehmen, allen voran die Australier, aggressiv um gut ausgebildete Südafrikaner. Headhunter reisen mit Stapeln von Arbeitsgenehmigungen an, die sofort ausgestellt werden können, wenn ein Kandidat gefunden ist. Eine Kampagne der australischen Regierung richtete sich sogar an eine Gruppe, die das kriminalitätsgeplagte Südafrika selbst am nötigsten hat: Polizisten.
Doch Südafrika will jetzt mit gleichen Mitteln zurückschlagen. Obwohl sich die Regierung weiterhin ziert, den Arbeitsmarkt auf breiter Front für ausländische Fachkräfte zu öffnen, vergibt sie großzügig Arbeitsgenehmigungen an einzelne Unternehmen, vor allem an Staatsbetriebe. So reiste die Personalchefin des staatlichen Energieversorgers Eskom, der seit Monaten den Strombedarf nicht mehr decken kann, nach London und New York, um sich dort nach geeigneten Kandidaten umzusehen. Insgesamt hat Eskom mehr als 200 Arbeitsgenehmigungen für Ausländer zugesprochen bekommen. Zehn Zusagen soll die Reise gebracht haben. Welches Gehalt dafür geboten wurde, ist nicht bekannt. "Eskom und andere Unternehmen haben keine andere Wahl, als Ausländer teuer einzukaufen", sagte die stellvertretende Staatspräsidentin Phumzile Mlambo-Ngcuka. Man könne es sich nicht mehr leisten, darauf zu warten, bis die eigenen Leute ausgebildet seien. Oder bis abtrünnige Südafrikaner wie Roger Williams zurückkehren.