27.12.2008 · Der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Damit endet sein akademisches Wirken, keineswegs aber die Nachwirkung seiner bedeutendsten Lehre: der Voraussage eines Zusammenpralls der Kulturen.
Von Georg-Paul HeftyAm Weihnachtsabend ist Samuel Phillips Huntington in Martha’s Vineyard im Alter von 81 Jahren gestorben, wie die Harvard University am Samstag auf ihrer Website mitteilt. Damit endet sein akademisches Wirken an dieser Universität, keineswegs aber die Nachwirkung seiner bedeutendsten Lehre: der Voraussage eines Zusammenpralls der Kulturen.
Diese hatte Huntington 1993 entwickelt und zunächst in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Foreign Affairs“, drei Jahre später in einem Buch von 600 Seiten dargelegt. Es war wenige Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, der als zweiter großer Konflikt der Ideologien im 20. Jahrhundert (vorausgegangen war der Krieg zwischen dem internationalistischen und dem nationalistischen Sozialismus) in die Geschichtsbücher einging. Verursacht wurde der Zusammenbruch der östlichen marxistisch-leninistischen Ideologie durch die alltägliche, nicht nur technische, sondern auch geistige Überlegenheit der freiheitlich-marktwirtschaftlichen Ideologie des Westens. Huntington fühlte sich von der Behauptung seines Politikwissenschaftlerkollegen Francis Fukuyama herausgefordert, der das „Ende der Geschichte“, also das friedliche Dahinplätschern der Weltpolitik in den kommenden Jahren, vorausgesagt hatte nach dem Motto: Keine Ideologien – keine Konflikt(potential)e. Das Verschwinden der Totalitarismen führe zur Vorherrschaft der Liberalität.
Nah an der operativen Politik
Huntington, eine Generation älter und erfahrener als Fukuyama, fand sich nicht mit dem Traum vom künftigen Frieden ab, sondern suchte nach den ältesten und damit beständigsten, also auch zukunftsweisenden Gründen für kollektive Feindseligkeiten unter den Menschen. Und ihm gelang eine Entdeckung, die eigentlich nur ein Hinweis ist, welche ihn aus der Tausenderschar mehr oder weniger angesehener Politologen heraushebt. Anders als all jene, die abstrakte Begriffe oder Methoden zur Lösung irgendwelcher Konflikte in den Mittelpunkt ihrer Forschungen und Veröffentlichungen stellen, benannte Huntington die großen Strömungen der Vergangenheit, Gegenwart und – seiner Überzeugung nach – Zukunft. Dort, wo sie aufeinandertreffen, fließen sie seiner Analyse nach nicht so friedlich ineinander wie etwa in Passau die Donau, der Inn und die Ilz (einige seiner Kritiker vertreten genau eine solche Ansicht), sondern sie prallen zusammen – die deutsche Übersetzung „Kampf der Kulturen“ hört sich noch martialischer an als der Originaltitel „The Clash of Civilizations“.
Huntington war als Anhänger der Demokratischen Partei und als zeitweiliger Berater der amerikanischen Regierungen, 1977/78 sogar als Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates sowie als Verfasser origineller Bücher nah genug an der operativen Politik, um zwischen Warnungen und Prophezeiungen unterscheiden zu können. Zwar sah er in den Kulturen die ausschlaggebenden Kräfte für die Gestaltung der Weltpolitik, aber nicht jeder Gewaltakt war für ihn Ausdruck dieses Millionen oder Milliarden von Individuen mitreißenden Kräftemessens zwischen den unterschiedlichen Summen aus Religionen und Lebensweisen.
Die Welt wird noch lange von ihm reden
Viele – auch wissenschaftliche – Vorwürfe heimste er mit der Wiederentdeckung der Religionen in der Politikwissenschaft und der Weltpolitik ein. Anders als die irdischen Weltanschauungen, die ihre Anhänger und Gegner lediglich mit diesseitigen Aussichten in Schach halten können, versprechen die größten Religionen „ewige“ und damit unwiderlegbare Belohnung oder Strafe, was offensichtlich ganz andere Bindungswirkungen unter den Massen zu entfalten vermag. Die Religionen waren im Zeichen der Aufklärung einerseits und des Materialismus andererseits zur vernachlässigbaren Größe erklärt worden. Und dann ging die Welt schnell über die Macht hinweg, mit der der polnische Papst Johannes Paul II. den Kommunismus in Polen ausgehebelt hatte.
Huntington brachte diese Dimension – nunmehr globalisiert – zurück in die politische Debatte. In den Anschlägen vom 11. September 2001 sah er allerdings nicht die Bestätigung seiner These – das wäre ihm zu billig gewesen –, sondern einen „Angriff gemeiner Barbaren gegen die Zivilisation als solcher“.
Huntingtons Sorge galt der Verwässerung der angelsächsischen Kultur seiner amerikanischen Heimat durch vermeintlich stärkere, jedenfalls nicht integrierbare andere Kulturen. Sein letztes großes Werk „Who are we?“ (Wer sind wir?) aus dem Jahre 2004 wirkt wie der Punkt auf dem i seines Lebenswerkes. Von Huntington wird geredet werden, bis die Vereinigten Staaten zwischen den Einwanderern der letzten vierhundert Jahre und den Latinos aufgeteilt sind. Wäre er ein Europäer gewesen, hätte er andere Beispiele herangezogen. Daher wird der Rest der Welt wohl länger von Samuel P. Huntington reden als von anderen Politologen seiner Zeit.