Home
http://www.faz.net/-gq5-vxjr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zum 40. Todestag Che Guevaras Erben

09.10.2007 ·  Boliviens Präsident Morales fremdelt in der Rolle des neuen „Che“, der kubanische Kampfgenosse Castro liegt darnieder und der venezolanische Staatschef Chávez mimt lieber den Bolívar. Dennoch ist in Lateinamerika der 40. Todestag des Guerilleros in aller Munde. Von Josef Oehrlein.

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
Artikel Bilder (14) Lesermeinungen (0)

„Wir sind Guevaristas, Humanisten und Revolutionäre“, sagt Evo Morales. Für diese Haltung werde er sicher angefeindet, mutmaßt er. Auch dass er an der Gedenkfeier für sein Vorbild teilnehme, werde man ihm übel nehmen. Boliviens Präsident hat es nicht ganz leicht, in die Rolle des Erben von Ernesto „Che“ Guevara hineinzufinden, des edlen Revolutionärs, der vor vierzig Jahren in einem kleinen Nest im bolivianischen Bergland erschossen wurde.

„Ich sage euch, der Che wird ewig leben, und sein heroischer Kampf zusammen mit kubanischen, argentinischen und lateinamerikanischen Genossen wird weitergehen, bis der wilde und inhumane Kapitalismus am Ende ist“, gelobt Morales tapfer an jener Stätte, an der der Leichnam des Guerrilleros 30 Jahre lang unentdeckt vergraben war. Ohne Hände. Man hatte sie abgeschnitten, um später die Identifizierung des Leichnams zu erleichtern.

Vollender der Ideen ihres Vorbilds

Nicht nur dort, an der Flugzeuglandepiste im bolivianischen Vallegrande, wo Guevaras sterblichen Überreste vor zehn Jahren entdeckt worden waren, wurde in diesen Tagen an den Tod des Helden erinnnert, der längst in allerhöchste Sphären des revolutionären Pantheons entrückt ist. Auch im 60 Kilometer entfernten Ort La Higuera sammelten sich Getreue zu einer „Vigil“. In den armseligen Ort war Che Guevara am 8. Oktober 1967 nach seiner Festnahme in der Schlucht von El Churo gebracht worden. In der schäbigen Schule des Fleckens wurde er am Tag darauf erschossen.

Revolutionäre Pflicht war eine Kundgebung in der kubanischen Stadt Santa Clara, der 300 Kilometer östlich von Havanna gelegenen Pilgerstätte, an der nun Ches Gebeine ruhen. Und in Venezuela wurde auf dem 4000 Meter hohen Berg „El Águila“ (Der Adler) eine Statue enthüllt, weil Guevara dort 1952 auf seiner Reise durch Südamerika geweilt hatte. Der Mythos Che Guevara erlebt in Lateinamerika eine Renaissance. Das liegt weniger an dem von der Revolution aufgezehrten Kuba als an Evo Morales und seinem Mentor, dem venezolanischen Staatschef Hugo Chávez, die sich ungeniert der Ikone des Che bedienen, um ihre Politik als revolutionär zu verkaufen - und sich selbst als Vollender der Ideen ihres Vorbilds.

„Grüßt den Papa“

Allerdings blieb Morales allein in Vallegrande, nichts wurde aus der Zusammenkunft gleich gesinnter Staatschefs, die sich dort versammeln wollten. Chávez und der Ecuadorianer Rafael Correa waren erwartet worden. In Kuba ist Ches einstiger Kampfgefährte Fidel Castro offenbar noch immer so geschwächt, dass er die neuerliche günstige Situation für einen noch so kurzen öffentlichen Auftritt ungenutzt verstreichen ließ. Er schickte immerhin seinen Bruder Raúl vor und überließ der Zeitung „Granma“ eine poetisch gedrechselte Hommage an Che Guevara: „Ich danke ihm für das, was er versucht hat zu tun und nicht tun konnte in seinem Geburtsland, denn er war wie eine Blume, die zu früh von ihrem Stengel gerissen wird.“

Hugo Chávez kam nicht einmal zur Enthüllung des Che-Monuments auf den „Adlerberg“, sondern ließ seinen Vizepräsidenten Jorge Rodríguez die Zeremonie zelebrieren. Der trug immerhin die chavistische Amtskleidung, das rote Revolutionshemd. Chávez beschwört in seinen Reden zwar gern „den Che“, spielt aber am liebsten doch Simón Bolívar, den Befreier. Anscheinend überlässt er die Rolle des Che-Erben und -Testamentvollstreckers in einer Art revolutionärer Arbeitsteilung seinem bolivianischen Famulus Morales, auch wenn dessen schauspielerisches Talent nicht ganz mit dem des Venezolaners mithalten kann.

Die Namen der Orte La Higuera und Vallegrande waren in diesen Tagen in allen wichtigen Zeitungen Südamerikas zu lesen. Die Blätter überboten einander an Dossiers und vorgeblichen Enthüllungen über die letzten Tage des Che, der seinerzeit nach Bolivien gekommen war, um von dort die Revolution in andere Länder Lateinamerikas zu tragen, vor allem in sein Heimatland Argentinien. Wieder und wieder wurde erzählt, wie das Leben des Che zu Ende ging, bevor er die bolivianische Bevölkerung von seinen revolutionären Ideen zu überzeugen vermochte. Und inbrünstig wird die rührende Geschichte verbreitet, dass jetzt ausgerechnet kubanische Ärzte, natürlich ohne jedes Rachegefühl, die Augenkrankheit kurierten, die den altersblinden früheren bolivianischen Militärangehörigen Mario Terán plagte, der damals auf den verschlüsselten Befehl vom militärischen Oberkommando „Grüßt den Papa“ Che Guevara erschossen hatte.

Mit Che-Guevara-Blut getränkte Erde

Nicht wenige Bewohner von La Higuera und Vallegrande versuchten, „ihre Geschichte“ mit dem Che loszuwerden. Drei Jahrzehnte lang war es ihnen verboten, über das damals Erlebte zu reden. Jetzt wollen sie sich mit ihrem Wissen ein Zubrot zu ihrem kargen Einkommen verdienen. Als Reliquien werden kleine, von den Frauen handgewebte Täschchen feilgeboten und kleine Fläschchen mit „tierra de sangre del Che“ verkauft: mit Che-Guevara-Blut getränkte Erde.

Das bolivianische Tourismusministerium hat vor zehn Jahren eine „Che-Route“ angelegt. Sie lässt nachvollziehen, wo der Revolutionsführer mit seiner am Schluss stark dezimierten Truppe herumirrte, wirft aber auch die Frage auf, warum er sich ausgerechnet in jenem gottverlassenen Winkel Boliviens und nicht in strategisch bedeutsameren Gegenden aufhielt.

Sehr gefragt war in diesen Tagen die Krankenschwester Susana Osinaga, die den Leichnam Che Guevaras gewaschen hat und dabei nicht wie die anderen Zeugen neun Einschüsse festgestellt haben will, sondern nur drei, darunter einen direkt ins Herz.

„Er sah sehr schlecht aus“

Als besonders auskunftsfreudig erwies sich die damalige Lehrerin in der Schule von La Higuera, Julia Cortez, die dem Revolutionär die letzte Mahlzeit, eine Erdnusssuppe, reichte. Sie erzählt, dass Che Guevara mit ihr charmiert und darum gestritten habe, ob auf den Anfangsbuchstaben eines Wortes, das sie auf die Schultafel geschrieben hatte, ein Akzent gesetzt werden müsse. Sie sorgte sich um ihn, weil er in schlimmer Verfassung war.

„Er sah sehr schlecht aus, sein Gesundheitszustand war übel, er war sehr abgemagert, seine Kleidung schäbig, es tat weh, ihn so zu sehen. Aber trotz alledem waren seine feinen Züge zu erkennen, seine schönen Augen, sein ganzes Äußeres war sehr attraktiv, sehr angenehm“, schwärmt die Pädagogin dann doch.

Die argentinische Zeitung „Clarín“ hat sich Einblick in das Tagebuch verschafft, in dem Che Guevara persönlich über die letzten Tage und Wochen seiner revolutionären Aktivitäten in Bolivien Rechenschaft ablegt. Das Buch ist ein deutscher Kalender von 1967. Che hatte ihn auf seiner Pragreise 1966 in einem Geschäft im Frankfurter Bahnhofsviertel gekauft. In weiten Teilen zeugen die Eintragungen tatsächlich weniger von heroischem Auftreten als von bitteren Unpässlichkeiten. „Ein Tag der Rülpser und Fürze, des Erbrechens und Durchfalls“, notiert er am 13. Mai 1967. Koliken und sein Asthma plagen ihn immer wieder. Trotz allem ist seiner allerletzten Eintragung nicht zu entnehmen, dass er sich in besonderem Maß bedroht fühlte. „Die elf Monate seit dem Beginn unserer Guerrilla-Offensive sind ohne Komplikationen vorübergegangen, auf bukolische Art“, heißt es unter der deutschen Überschrift „Sonnabend 7. Oktober 1967“.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3