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Zugriff in Abbottabad Vierzehn Jahre Suche, vierzig Minuten Kampf

03.05.2011 ·  Sie hatten keinen Telefonanschluss und verbrannten ihren Müll im Garten - schon länger beobachtete der CIA das Anwesen, das Bin Ladin als Versteck diente. Ein Kurier wies den Weg.

Von Matthias Rüb, Washington
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Nur etwa 40 Minuten dauerte der Einsatz der Seal-Eliteeinheiten der amerikanischen Kriegsmarine zur Tötung Usama Bin Ladins. Damit ging die Suche nach dem Gründer und Führer des Terrornetzes Al Qaida zu Ende, die mehr als ein Jahrzehnt gedauert hatte. Die ersten vielversprechenden Hinweise auf den Aufenthaltsort Bin Ladins gab es, wie Präsident Obama in seiner Fernsehansprache sagte, dann im August 2010. Fast neun Jahre zuvor, im Dezember 2001, hatte sich die Spur des Terroristenführers verloren, nachdem es ihm mit seinem ägyptischen Stellvertreter Ayman al Zawahiri und einigen Dutzend Al-Qaida-Kämpfern und Taliban gelungen war, sich vor den anrückenden amerikanischen Truppen über die Tora-Bora-Berge von Afghanistan nach Pakistan abzusetzen. Seither war oft die Vermutung geäußert worden, Bin Ladin halte sich weiter im unzugänglichen Bergland des pakistanisch-afghanischen Grenzgebiets auf.

Wie lange Bin Ladin schon in dem Versteck in Abbottabad lebte, ist bisher noch unklar. Der ausladende dreistöckige Gebäudekomplex in einem Vorort von Abbottabad wurde offenbar vor fünf Jahren errichtet, immer wieder wurden Anbauten und Schutzmauern hinzugefügt. Erste Indizien, dass sich Bin Ladin dort versteckt halten könnte, gewannen die amerikanischen Geheimdienste dank der Überwachung eines Kuriers, der schon seit längerem unter Beobachtung stand. Das Haus zog die verstärkte Aufmerksamkeit der Dienste auf sich, weil es trotz seiner stattlichen Größe über keinen Telefonanschluss und keine Internetverbindung verfügte. Zudem verbrannten die Bewohner ihren Müll auf dem Gelände statt ihn wie alle anderen in der Nachbarschaft zur Abholung durch die Müllabfuhr auf die Straße zu stellen.

Eigens als Versteck errichtet

Auf die Spur des Kuriers kam der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA offenbar dank Informationen, die bei Verhören von Terrorverdächtigen im Gefangenenlager Guantánamo Bay gewonnen worden waren. Wie amerikanische Medien am Montag unter Berufung auf ranghohe Geheimdienstmitarbeiter berichteten, kannten die amerikanischen Ermittler seit vielen Jahren den Decknamen des Kuriers, der ein Schützling von Khalid Scheich Mohammed war, des Chefplaners der Terroranschläge des 11. September 2001. Dieser hatte den Kurier offenbar selbst an Bin Ladin empfohlen, der sich auf die Dienste des Mannes als Kommunikationskanal zur Außenwelt verließ. Schon vor vier Jahren war es der CIA gelungen, den wirklichen Namen des Kuriers zu ermitteln. Doch weitere zwei Jahre dauerte es, um herauszufinden, in welcher Region Pakistans der Mann operierte. Im August vergangenen Jahres schließlich konnte der Kurier mit dem Gebäudekomplex in Abbottabad in Verbindung gebracht werden, wo er aus und ein ging.

In den folgenden Wochen nahmen die Ermittler der CIA das Gebäude durch Aufnahmen von Spionagesatelliten unter die Lupe und holten weitere Informationen durch Spione an Ort und Stelle ein. Das Weiße Haus wurde von diesem Zeitpunkt an regelmäßig über die neue heiße Spur unterrichtet. Im September gelang die zuständige Abteilung bei der CIA zu der Überzeugung, es bestehe die „starke Möglichkeit“, dass sich tatsächlich Bin Ladin in dem Anwesen auf einer Anhöhe in einem Vorort von Abbottabad aufhalte, das von vier Meter hohen Mauern samt Stacheldrahtverhau umgeben war. Bei den Ermittlern der CIA festigte sich die Überzeugung, der Gebäudekomplex sei eigens als Versteck für Bin Ladin errichtet worden. Zur Tarnung seien zwei Kuriere Bin Ladins sowie einige andere Männer und Frauen als Bewohner in dem Haus untergebracht worden.

Zwei Dutzend Seals seilten sich über dem Komplex ab

Seit März fanden im abhörsicheren „Situation Room“ des Weißen Hauses immer wieder Treffen Obamas mit seinem Nationalen Sicherheitsteam statt, um über die jüngsten Entwicklungen bei der Verfolgung der heißen Spur zu beraten. Die letzten Sitzungen, so berichten amerikanische Medien, waren am 14. und 29. März sowie am 12., 19. und schließlich am 28. April. Während in Washington die Entscheidung zum Angriff auf das Haus in Abbottabad reifte, trainierten die Seal-Eliteeinheiten der Kriegsmarine mehrfach die Operation. Am vergangenen Freitag, dem 29. April schließlich, gab Obama den Befehl zum Angriff, der dann am 2. Mai um 1.30 Uhr pakistanischer Ortszeit (1. Mai in Deutschland und Amerika) erfolgte.

An dem Angriff waren insgesamt vier Hubschrauber beteiligt, zwei doppelrotorige Chinook-Transporthubschrauber und zwei kleinere Blackhawk-Hubschrauber. Die Hubschrauber stiegen offenbar von Militäreinrichtungen der pakistanischen Streitkräfte auf. Von den insgesamt 40 Seals, die an dem Einsatz teilnahmen, seilten sich zwei Dutzend über dem Wohnkomplex ab und drangen in die Räume ein. Einer der beiden Blackhawks wurde offenbar durch Gewehrfeuer vom Boden so stark beschädigt, dass er eine Notlandung machen musste, bei der aber offenbar kein Soldat verletzt wurde. Wie es aus dem Pentagon hieß, wurden Bin Ladin und die anderen Bewohner des umstellten und besetzten Hauses aufgefordert, sich zu ergeben. Offenbar hatten die Elitesoldaten aber Order, unter keinen Umständen ein Risiko einzugehen, um Bin Ladin lebend zu fangen.

Sofortige DNA-Analyse nach Kopfschuss

Da das Gewehrfeuer aus den Räumen des Hauses nicht nachließ, stürmten die Seals alle Räume des Komplexes. Usama Bin Ladin wurde mit einem Schuss in den Kopf getötet, weitere drei Männer und eine Frau wurden erschossen. Bei den Männern habe es sich um den jüngsten Sohn Bin Ladins und um zwei Kuriere gehandelt. Die Frau sei erschossen worden, als einer der Männer hinter ihr in Deckung gegangen sei. Außerdem seien zwei weitere Frauen verletzt worden. Mehrere weitere Frauen und Kinder hätten sich zum Zeitpunkt des Zugriffs in dem Anwesen befunden. Um Opfer unter der Zivilbevölkerung in der Nachbarschaft des Verstecks Bin Ladins zu vermeiden, habe man sich zu dem Angriff der Spezialeinheit entschlossen statt Raketen von Drohnen abzuschießen. Bei der Operation wurde nach Angaben des Pentagons kein Angehöriger der Seal-Truppe ernsthaft verletzt.

Der niedergegangene Blackhawk-Huschrauber wurde zur Explosion gebracht, um sicherheitssensible Einrichtungen zur zerstören, und brannte aus. Alle Soldaten der Einheit wurden nach dem erfolgreichen Abschluss der Operation mit den verbliebenen drei Helikoptern in Sicherheit gebracht. Der Leichnam Bin Ladins wurde an Ort und Stelle fotografiert, auch die Identifikation mittels DNA-Analyse wurde sofort eingeleitet. Schließlich wurde der identifizierte Leichnam Bin Ladins nach Afghanistan geflogen. Dort wurde der Leichnam gemäß muslimischer Tradition gewaschen, und es wurden Vorkehrungen getroffen, den Leichnam binnen 24 Stunden zu bestatten. Da sich kein Land bereitfand, die sterblichen Überreste zu beerdigen, entschloss man sich zur Seebestattung. Wo diese vorgenommen wurde, ist nicht bekannt.

Kein Krieg gegen den Islam

Am Sonntag kurz vor 16 Uhr Washingtoner Zeit wurde der Präsident über den erfolgreichen Abschluss des Einsatzes und die vorläufige Identifizierung Bin Ladins unterrichtet. Um 19 Uhr erhielt Obama die Nachricht aus Afghanistan, dass es sich bei den sterblichen Überresten „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ um den Leichnam Bin Ladins handle. Um 20.30 Uhr am Sonntagabend war man sich im Präsidentenamt so sicher, dass man die im Weißen Haus akkreditierten Korrespondenten informierte, sie sollten ihr Wochenende vorzeitig abbrechen und sofort ins Weiße Haus kommen: Der Präsident werde um 22.30 eine wichtige Nachricht mit Bezug auf den Krieg in Afghanistan verkünden.

Die kaum zehnminütige Ansprache sollte sich dann um eine weitere Stunde verzögern: Erst kurz nach 23.30 Uhr trat Obama vor die Kamera und das Mikrofon und verlas seine Erklärung zum Tod Bin Ladins. In seiner Rede bekräftigte Obama abermals, dass die Vereinigten Staaten keinen Krieg gegen den Islam führten, so wie das sein Amtsvorgänger George W. Bush schon unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001 unmissverständlich klargestellt habe. Obama hatte Bush persönlich am Telefon über den erfolgreichen Zugriff auf Bin Ladin in Pakistan unterrichtet, ehe er sich an die Öffentlichkeit wandte. Bush gratulierte Obama zu dem Erfolg und ließ in einer Stellungnahme erklären, dieser „bedeutsame Erfolg ist ein Sieg für Amerika, für alle Menschen, die nach Frieden auf der Welt streben, und für all diejenigen, die Angehörige am 11. September 2001 verloren haben“. Mit der Tötung Bin Ladins hätten die Vereinigten Staaten eine „unmissverständliche Botschaft gesandt: Wie lange es auch dauern mag, der Gerechtigkeit wird Genüge getan“.

Pakistanische Regierung war nicht vorab informiert

Die kurze Botschaft vom späten Sonntagabend könnte die wichtigste und prägnanteste der Präsidentschaft Barack Obamas werden. Der Präsident fand dabei nach allgemeiner Ansicht die richtige Balance zwischen der Entschlossenheit zur „unerbittlichen Verteidigung“ der nationalen Sicherheitsinteressen Amerikas und der Bekräftigung, dass „Amerika nicht im Krieg gegen den Islam ist und niemals Krieg gegen den Islam führen wird“. Bin Ladin sei „kein muslimischer Führer“ gewesen, sondern „ein Massenmörder von Muslimen“, sagte der Präsident: „Al Qaida hat in vielen Ländern - unseres eingeschlossen - massenweise Muslime abgeschlachtet.“ Das Ende Bin Ladins sollte deshalb „von allen begrüßt werden, die an Frieden und Menschenwürde glauben“, forderte Obama.

Obwohl der Präsident die gute Zusammenarbeit mit den pakistanischen Behörden bei der Verfolgung Bin Ladins lobte, scheint die Regierung in Islamabad von Washington nicht vorab über den Zugriff auf das Anwesen in Abbottabad informiert worden zu sein. Die pakistanische Regierung hob ihrerseits hervor, dass amerikanische und nicht pakistanische Einheiten das Versteck Bin Ladins angegriffen und den Al-Qaida-Führer erschossen hätten.

Vor aller Augen - und doch nicht entdeckt

Der Umstand, dass sich Bin Ladin nicht in den unzugänglichen und von der Regierung in Islamabad faktisch nicht kontrollierbaren Stammesgebieten in Nordwesten das Landes versteckt gehalten hatte, sondern gewissermaßen vor aller Augen 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad, hat in Washington die Diskussion über die amerikanisch-pakistanischen Beziehungen neu angefacht. Dabei geht es um die Frage, ob sich Bin Ladin mit Wissen des pakistanischen Geheimdienstes ISI in der Garnisonsstadt Abbottabad verstecken konnte oder ob es „nur“ Unfähigkeit der pakistanischen Dienste und Streitkräfte war, Bin Ladin gleichsam vor der eigenen Haustür zu finden.

Präsident Obama aber ist vorerst immunisiert gegen Vorwürfe der republikanischen Opposition, er sei in Fragen der nationalen Sicherheit ein schwacher Führer. Der 1. Mai 2011 könnte eine ähnliche Bedeutung für die Präsidentschaft Barack Obamas haben wie der 11. September 2001 für die George W. Bushs.

Wer bekommt das Kopfgeld?

Wer den entscheidenden Tipp zur Ergreifung Bin Ladins gab, ist bisher nicht bekannt. Die Identität von Informanten wird in der Regel geheim gehalten. Die Belohnung von bis zu 50 Millionen Dollar ist Teil des Programms „Rewards for Justice“ des amerikanischen Außenministeriums. Es bietet üppige Belohnungen für Hinweise, die zur Ergreifung oder zur Tötung von Terroristen führen. Das Programm existiert schon seit über 25 Jahren. Im Zeitraum vom 11. September bis Ende 2004 hatte das Ministerium bereits 48 Millionen Dollar an 19 verschiedene Personen ausgezahlt. Laut der amerikanischen Zeitung „News & World Report“ war „Rewards for Justice“ allerdings gerade bei der Aufspürung von Al-Qaida-Terroristen bisher wenig hilfreich, da religiöse Fanatiker sich kaum durch hohe Belohnungen locken ließen. Zudem garantiert das Programm eine Auszahlung nicht im Vorhinein. Erst ein behördenübergreifendes Komitee fällt eine Entscheidung darüber, wie viel ein Informant erhält. Nach Auskunft der Behörden erhalten die meisten Informanten, die mitunter selbst Kriminelle sind, die Kopfgelder per Überweisung. Nur selten übergeben Agenten die Prämie in bar. Manchen Informanten helfen die Vereinigten Staaten bei der Umsiedlung, wenn ihr Leben in Gefahr ist. Die meisten Hinweisgeber lassen sich nach der Geldübergabe außerhalb Amerikas nieder, denn dort müssten sie auf das Kopfgeld eine Steuer in Höhe von 60 Prozent bezahlen.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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