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Veröffentlicht: 06.01.2013, 18:44 Uhr

Zentralafrikanische Republik Islamismusvorwürfe gehen immer

François Bozizé, der Präsident der Zentralafrikanischen Republik, steht unter dem Druck der Séléka-Rebellen. In der Not stellt er sie, obwohl es dafür keine Anzeichen gibt, als muslimische Extremisten dar - und holt ausländische Truppen ins Land.

© AFP Protest in Bangui: „Wir brauchen Frieden“

Schon bevor am Dienstag vergangener Woche Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und den Séléka-Rebellen beginnen sollen, hat der Präsident der Zentralafrikanischen Republik, François Bozizé, seinen Kopf aus der Umklammerung der Aufständischen gezogen. Die Rebellenkoalition Séléka, die 150 Kilometer vor der Hauptstadt Bangui steht, ist uneins, ob sie überhaupt zu den Verhandlungen nach Gabun reisen will. Am Wochenende nahm sie mit Alindao und Kouango erst einmal zwei weitere Kleinstädte ein und zeigte sich damit nicht gerade friedensbereit. Nur eine der vier Rebellengruppen, die CPSK, will offen verhandeln. Die anderen scheinen darüber uneins zu sein, wenn sie nicht selbst zerstritten sind. Eric Neris-Massi etwa, einer der prominentesten Séléka-Sprecher, sagte der Nachrichtenagentur AFP in Paris, er sei nicht auf dem Wege nach Gabun und schloss Verhandlungen mit Bozizé grundsätzlich aus.

Jochen Stahnke Folgen:

Massi ist ein Schwiegersohn des 2010 in Tschad verhafteten, an Bangui ausgelieferten und dort mutmaßlich ermordeten Politikers Charles Massi. Der war bis 2008 Minister im Kabinett Bozizés und schloss sich dann zunächst den Rebellen der UFDR und schließlich jenen der CPJP an, die heute zwei der vier Teile der Rebellenkolition Séléka bilden. Keine dieser Gruppen übt eine klare Führerschaft über die anderen aus, sondern repräsentiert grundsätzlich eher verschiedene Ethnien. Auf ein einheitliches Programm oder eine Strategie hat sich Séléka bislang nicht einigen können. Im Jahr 2011 lieferten sich UFDR und CPDJ noch selbst Gefechte.

Dabei sind die Parteien im Kampf gegen Bozizé aufeinander angewiesen. Ihre Koalitionstruppe wird insgesamt auf nur etwa 1000 bis 2000 Kämpfer geschätzt. Truppen aus Ländern wie Tschad, die vor Bangui in der vergangenen Woche eine Art Pufferzone gebildet haben, hätte Séléka wahrscheinlich wenig entgegenzusetzen. Tschad verhalf Bozizé 2003 gewaltsam an die Macht und sah sich in der Vergangenheit selbst von Rebellen bedroht, die in den Norden Zentralafrikas ausgewichen waren.

„Die Krise wird sich verschärfen“

Nach Ansicht von Roland Marchal, einem der profundesten europäischen Kenner der Region, ist es gut möglich, dass Bozizé im Zuge der derzeitigen für ihn sicheren Lage eine Gegenoffensive vorbereitet und sich dafür nun Waffen, Munition und Söldner kauft: „Die Krise wird sich verschärfen und in den kommenden Wochen blutiger werden.“ Als symbolischen Akt entließ Bozizé seinen Sohn als Verteidigungsminister und setzte sich selbst an die Spitze der demoralisierten Armee. Am Sonntag wurde bestätigt, dass auch Südafrika 400 Soldaten sowie gepanzerte Fahrzeuge geschickt hat, um Bozizé in Bangui beizustehen. Bilaterale Abkommen mit Pretoria zur Ausbildung der Präsidentengarde bestehen seit Jahren. Nach Ansicht Marchals geschieht das - damals wie heute - in Erwartung von Minenkonzessionen in den Diamantenfördergebieten Zentralafrikas.

Karte / Zentralafrikanische Republik © F.A.Z. Vergrößern Die Zentralafrikanische Republik

Außerdem zog Bozizés Regime wieder ein altes Register: Es warf den Rebellen vor, vornehmlich aus Islamisten zu bestehen und aus dem gleichen Ausland finanziert zu werden, aus dem auch die Dschihadisten in Mali ihre Mittel erhalten. Ähnlich hatte Bozizé bei kleineren Aufständen 2006 und 2007 argumentiert, als ihm Tschad und Frankreich zur Hilfe kamen. Zwar stammt die Mehrzahl der Séléka-Rebellen hauptsächlich aus der nordöstlichen Region um Ndélé und Birao, in der vor allem Muslime leben und die von der Regierung seit jeher vernachlässigt wird. Offenbar haben einige Kämpfer auch Wurzeln in Tschad oder Sudan; UFDR-Chef Michel Djotodja zum Beispiel war früher Konsul der Stadt Nyala in Süd-Darfur. Islamistische Tendenzen aber sind auf zentralafrikanischer Seite bislang nicht zu erkennen gewesen. Das hindert Bozizé nicht daran, in den muslimischen Vierteln von Bangui Razzien durchführen zu lassen, nach Angaben der Menschenrechtsorganisation FIDH offenbar mit ähnlichen Argumenten. Viele Muslime würden nun „Ausländer“ genannt.

Bozizé fragt überall an, wo es nur geht

Kein Séléka-Führer hat einen islamistischen Hintergrund. Vielmehr stammen viele dieser Männer aus der kleinen sogenannten Elite des Landes. Einige ranghohe Mitglieder der Séléka-Rebellengruppierungen bekleideten in der Vergangenheit politische Ämter unter Bozizé. Legitime Klagen der Bevölkerung nutzen sie für eigene Interessen. Bozizés Angebot einer Regierung der Nationalen Einheit könnte einigen von ihnen, sollten sie sich verhandlungsbereit zeigen, also wieder Regierungsposten bringen; ob Bozizé das allerdings mit der zunehmenden Unterstützung anderer Staaten nun noch nötig hat? Nachdem Frankreich ein direktes Eingreifen in den Konflikt abgelehnt hat, fragt Bozizé offenbar überall an, wo es nur geht.

In der Zentralafrikanischen Republik, in der die Regierung seit jeher nur die kleinste Fläche wirklich kontrolliert, tummeln sich wieder Truppen verschiedenster Staaten. Abgesehen von Südafrika und den Staaten der Zentralafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft, die die Friedensmission bilden, hat nun auch Uganda offiziell Truppen entsandt, das in der Zentralafrikanischen Republik Überreste der ugandischen „Widerstandsgruppe des Herren“ (LRA) vermutet und im Kampf gegen die Mörderbande von Joseph Kony auch weiterhin von amerikanischen Spezialkräften unterstützt wird. Um die völlig verarmte und von allem abgeschnittene Bevölkerung Zentralafrikas aber wird sich keine Eingreiftruppe kümmern.

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Quelle: F.A.Z.

 

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