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Tsunami-Katastrophe 2011 : Der Wiederaufbau der Seele beginnt erst jetzt

  • -Aktualisiert am

Der Tag, der alles veränderte: Toshiyuki Naganuma nahm dieses Bild von seinem Dach auf. Bild: Toshiyuki Naganuma

Fukushima ist jedem ein Begriff, seit ein Erdbeben vor Japan vor sechs Jahren einen verheerenden Tsunami auslöste. Doch auch in anderen Regionen warten noch immer Zehntausende darauf, in ihre Heimat zurückzukehren.

          Wenn der Abend kommt, wird es still in Yuriage. Nur wenige Lichter sind zu sehen. Vor sechs Jahren pulsierte in dem Stadtteil von Natori, direkt an der Meeresküste gelegen, das Leben. Auf dem Fischmarkt kauften Anwohner ihre frischen Lebensmittel. Im Sommer wartete man schon freudig auf das jährliche, große Feuerwerk am Strand. Nur ein Tag im März 2011 genügte, um all das zu beenden. Eine über zehn Meter hohe Tsunamiwelle rollte am 11. März 2011 über die Küstenstadt hinweg. Noch heute, sechs Jahre später, zeigt sich Besuchern eine Brachlandschaft. An einigen Stellen sind Umrisse von Häusern wie hingemalt zu erkennen. Um die Ruinen pflanzen die einstigen Bewohner jetzt Blumen. Nicht weit vom Meer entfernt, türmt sich ein künstlich aufgeschütteter drei Meter hoher Berg aus Erde auf. Nach jahrelangen Diskussionen über einen Wiederaufbau können in diesem Jahr dort endlich die Bauarbeiten für Privathäuser beginnen. Die Gegend direkt am Meer soll nie wieder als Wohngebiet bebaut werden.

          Einst lebhaftes Viertel, nun Brachland: Toshiyuki Naganuma blickt auf seine Heimat. Bilderstrecke
          Yuriage : Sechs Jahre nach dem Tsunami – Yuriage heute

          Toshiyuki Naganuma und seine Frau Miyuki sind zwei der ehemaligen Bewohner Yuriages, die am 11. März fast allen materiellen Besitz verloren. Toshiyuki rettete sich am Tag des Unglücks auf das Dach seines Hauses und verbrachte dort einen ganzen Tag. Um ihn herum sah er, wie seine Nachbarschaft, die er so liebte, von den Wellen fortgespült wurde. In Yuriage gibt es niemanden, der keine Verwandten oder Freunde verloren hat. Die Neugeborenen, die vor sechs Jahren gestorben sind, wären diesen April eingeschult worden.

          Seit 2011 wohnen die Naganumas in einer Behelfsunterkunft am anderen Ende der Stadt. Neun Siedlungen dieser Art gab es in der Stadt Natori, die etwa 77.000 Einwohner zählt. Das Ehepaar bewohnte die größte dieser Einrichtungen. 2011 beherbergte sie etwa 500 der über 4000 plötzlich Heimatlosen. Die kleinen Zimmer mit ihren papierdünnen Wänden waren zunächst nur zum Übergang für zwei Jahre gedacht, doch noch im März 2017 leben etwa 150 Personen in der größten Einrichtung.

          Toshiyuki und Miyuki Naganuma wollen endlich in ihr geliebtes Viertel zurückkehren.
          Toshiyuki und Miyuki Naganuma wollen endlich in ihr geliebtes Viertel zurückkehren. : Bild: Julia Gerster

          Vor allem Familien mit kleinen Kindern suchten möglichst bald eine dauerhafte Bleibe, um den Kindern den Alltag in den Behelfsunterkünften und den steten Schulwechsel zu ersparen. Andere trauen sich bis heute nicht an die Küste. „Nachts sieht man dort Geister. Menschen, die so schnell gestorben sind, dass sie es nicht gemerkt haben“, erzählt eine Überlebende. „Sie warten noch immer auf Rettung.“
          Nicht einmal die Hälfte der einstigen Bewohner Yuriages hegt den Wunsch auf eine Rückkehr und selbst bei ihnen ist ungewiss, ob sie tatsächlich zurückkehren werden. Für die Naganumas jedoch bestand kein Zweifel. Sie beschlossen zu warten. Sechs lange Jahre.

          „Yuriage war ein wundervoller Ort“, erzählt Toshiyuki, während er von einem Hügel aus auf die leere Fläche blickt, die einst sein Zuhause war. „Der Hafen, die Nachbarschaft, die Freundschaften. Ich weiß, dass es nicht mehr dasselbe sein wird. Den Stadtteil gibt es nicht mehr, aber die Rückkehrer können den Bewohnern eines neuen Yuriages von der Vergangenheit erzählen. So werden die Erinnerungen an unsere Heimat und die Menschen, die wir verloren haben, nicht vergessen. Ich denke, das ist wichtig.“

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