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Yukos Gesichter eines Weltkonzerns

09.07.2004 ·  Bundeskanzler Schröder hat Präsident Putin versichert, den Fall Yukos als eine innerrussische Angelegenheit zu betrachten. Doch das Ausmaß der Affäre in Sachen Chodorkowskij zieht internationale Kreise.

Von Markus Wehner
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Der Fall Yukos sei eine innerrussische Angelegenheit, hat Bundeskanzler Schröder am Donnerstag in Moskau gesagt. In Wirklichkeit ist er schon lang auch eine deutsche, eine europäische, eine israelische, vor allem eine amerikanische, eben eine internationale Angelegenheit. Und das nicht nur, weil der Ölpreis und die Liefersicherheit des russischen Öls auch für Deutschland und Europa eine wichtige Rolle spielt.

So reist die deutsche FDP-Abgeordnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als Berichterstatterin des Europarats nach Moskau, um zu erforschen, ob Rußland in dem Prozeß gegen den inhaftierten Firmengründer und Hauptbesitzer von Yukos die rechtsstaatlichen Grundsätze eines fairen Gerichtsverfahrens einhält, zu denen es sich mit dem Beitritt zum Europarat verpflichtet hat. Sie kritisiert den Bundeskanzler, weil er den Fall Yukos nicht ansprechen will, "der ja einen großen Vertrauensverlust" in die Wirtschaftspolitik Putins bedeutet.

Internationale Führungsspitze

Der deutsche Chefökonom der Weltbank in Moskau, Christof Rühl, sagt hingegen, es stehe ihm nicht zu, den Bundeskanzler zu kritisieren, doch die Verschlechterung des Investitionsklimas in Rußland sei "augenfällig". Deutsche Banken bangen um ihre Millionen, die sie Yukos im Rahmen eines internationalen Bankenkonsortiums gegeben haben, deutsche Investmentfondsgesellschaften ersuchen im Namen von Minderheitsaktionären um ein Treffen mit Präsident Putin, um Schaden abzuwenden, während russische Minderheitsaktionäre Yukos wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung verklagen - in Amerika.

Man muß aber nur in die Firmenzentrale von Yukos, einem zwanzigstöckigen Gebäude im Moskauer Zentrum, schauen, um zu verstehen, daß Yukos keine innerrussische Angelegenheit ist. Der Vorstandsvorsitzende heißt Steven Theede, ein bodenständiger Amerikaner aus Kansas, der fast dreißig Jahre lang für den amerikanischen Ölmulti Conoco tätig war. Er hat gerade Simon Kukes ersetzt, einen Russen mit amerikanischem Paß, der auch zu den Veteranen der amerikanischen Ölbranche gehört. Finanzchef bei Yukos ist der Amerikaner Bruce Misamore. Einen führenden Posten in der Finanzkontrolle hat der Deutsche Frank Rieger inne, während der Chef der internationalen Abteilung, Hugo Hugo Erikssen, Norweger ist - die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig.

Gezielte Lobbyarbeit

Es war der Traum von Firmenchef Chodorkowskij, ein internationales, modernes und transparentes Unternehmen zu schaffen. Gerade dank des Wissens und der Verbindungen der ausländischen Spitzenmanager war er schon weit bei der Verwirklichung dieses Traums gekommen. Chodorkowskij hat es freilich nicht dabei belassen, Ausländer in Führungspositionen in seine Firma zu holen, deren Wert er bis zur Attacke des Kremls im vergangenen Frühjahr binnen acht Jahren um das Hundertzwanzigfache steigern konnte, bei der mehr als hunderttausend Menschen arbeiten und die ein Fünftel des russischen Öls exportiert. Als Yukos sich vor drei Jahren an dem angeschlagenen britisch-norwegischen Schiffsbaukonzern Kvaerner beteiligte, zeigte Chodorkowskij daß er Yukos als internationales Unternehmen plazieren will.

Zudem hat der Ölmilliardär gezielt eine Lobbyarbeit betrieben, die ihm zahlreiche einflußreiche Freunde, Berater und Unterstützer im Westen, vor allem in Amerika, einbrachte. Die Menatep-Gruppe, über die Chodorkowskij und seine engsten Partner Yukos kontrollieren, hat etwa den ehemaligen amerikanischen Finanzminister Stuart Eizenstat in ihrem Beirat, der wiederum den FDP-Politiker und ehemaligen deutschen Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff mitbrachte. Menatep hat seinen Sitz in Gibraltar, die Töchterunternehmen residieren auf Zypern und den britischen Kanalinseln.

Eigene Stiftung

In Amerika gelang es Chodorkowskij, Kontakt mit George Bush Senior und dem ehemaligen Außenminister James Baker zu pflegen, er spendete dreistellige Millionensummen für amerikanische Stiftungen wie Carnegie oder für die Library of Congress in Washington. Zu seinen Vertrauten gehören Lord Rothschild, der englische Bankier, ebenso wie Henry Kissinger oder Prinz Michael von Kent. Einer seiner Vorbilder, die er kennelernte, ist Bill Gates, ein anderes George Soros, der ungarische Philanthrop und Milliardär. Soros verließ mit seiner Stiftung "Offene Gesellschaft" Rußland, nachdem Chodorkowskij seine eigene Stiftung, "Offenes Rußland", eröffnet hat, die nicht zufällig ähnlich heißt und sich mit einem Jahrestat von zweihundert Millionen Dollar um Bildungsprojekte und die Förderung der Zivilgesellschaft kümmert.

All diese Kontakte haben zum Mißtrauen gegenüber Chodorkowskij im Kreml beigetragen, der sich selbst zwar als russischer Patriot sieht, aber aus der Sicht der russischen Geheimdienstleute, die in Rußland wieder das Sagen haben, nicht für Rußland arbeitet. Daß die jüdischstämmigen Partner von Chdorkowskij, Leonid Newslin und Michail Brudno, sich vor dem Zugriff der russischen Justiz nach Israel abgesetzt haben und daß ein weiterer Hauptaktionär, Wladimir Dubnow, sich trotz des von Rußland erwirkten internationalen Haftbefehls dort aufhält, bestärkt sie in ihrer Sicht, daß Chodorkowskij kein "nationaler Oligarch" sei, sondern für die falsche Seite tätig.

Kritische Worte

Daß Chodorkowskij sich Kritik an der Irak-Politik des Kremls erlaubte und seine eigene Außenwirtschaftspolitik mit einer Öltankerfahrt nach Houston inszenierte, war da für ihn nicht hilfreich. Mit den amerikanischen Ölmultis Exxon-Mobil und Chevron-Texaco verhandelte er über deren Einstieg. Dies sahen manche als Gefahr für des Kremls Kontrolle über die strategische Reserve Öl.

Nun wird Chodorkowskij von dem international tätigen Anwalt Robert Amsterdam mit Sitz in Toronto vertreten, der Regierungen, Politiker und Medien über das internationale und russische Gesetze oft ignorierende Vorgehen der russischen Justiz gegen den inhaftierten Ölmilliardär informiert. Der amerikanische Senat hat in einer Resolution die "selektive Anwendung des Rechts" verurteilt, eine Formulierung, die auch von der OECD benutzt wird. In Amerika wird die Mitgliedschaft Rußlands in der G-8 in Frage gestellt, und Colin Powell hat unlängst in Moskau deutliche Worte der Kritik daran gefunden, daß die Demokratie in Rußland Schaden genommen hat. Angesichts all dessen, ist Wladimir Putin sicherlich froh, daß wenigstens der Bundeskanzler den Fall Chodorkowskij als eine ganz und gar innerrussische Angelegenheit betrachtet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2004, Nr. 156
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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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