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Yukos-Affäre Rußlands Oligarchen: Geld allein genügt ihnen nicht

03.11.2003 ·  Sie sammelten seit Ende der achtziger Jahre Milliarden. Und wahrscheinlich wären Rußlands Oligarchen noch reicher geworden, hätten einige nicht versucht, aus ihrem Vermögen politisches Kapital zu schlagen.

Von Werner Adam
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Sie sind allesamt aus einer „Smuta" hervorgegangen, aus einer Zeit jener Wirren, wie sie Rußland in seiner turbulenten Geschichte wieder und wieder erlebt und erlitten hat. Von Berufs wegen hatten sie zunächst so gut wie nichts gemein.

Der eine begann als Doktor der Mathematik und Physik, der andere als Regisseur eines Provinztheaters, ein weiterer als Fachmann für internationale Beziehungen, ein vierter als Öl- und Gasingenieur und der am Ende vermögendste unter ihnen als jungkommunistischer Kassenwart. Dennoch brachten sie es samt und sonders zu Milliardären. Und wahrscheinlich wären sie immer noch reicher geworden, hätten einige von ihnen nicht den Drang verspürt, aus ihrem Mammon politisches Kapital zu schlagen, sich vom Rang der Oligarchen in den der Plutokraten zu erheben.

Die „roten Direktoren"

Seinen Anfang genommen hatte alles unter Michail Gorbatschow, dem letzten Präsidenten der Sowjetunion. In seinem Bemühen, unternehmerische Eigeninitiative zu fördern, erlaubte er es Ende der achtziger Jahre Tausenden von Betrieben und Kombinaten, ihre Produkte selbst zu exportieren und den Außenhandel an Gosplan, der Mammutbehörde für Planwirtschaft, vorbei zu betreiben. Das ging in der Regel wie folgt vonstatten: Die „roten Direktoren" kauften, um zwei der lukrativsten Erzeugnisse zu nennen, in den von ihnen geleiteten Staatsunternehmen Ölprodukte und Metalle zu billigen, von der Regierung festgesetzten und kontrollierten Preisen auf, besorgten sich von willigen, weil entsprechend entlohnten Bürokraten Exportlizenzen und Quotenzuteilungen und verkauften das Ganze im Ausland zu Weltmarktpreisen.

Bedenkt man, daß noch Anfang der neunziger Jahre der russische Inlandpreis für Erdöl gerade einmal ein Prozent des Weltmarktpreises ausmachte, läßt sich ermessen, wie hoch die Gewinnspanne war. Im ersten Jahr nach dem Untergang der Sowjetunion belief sich der Profit einiger weniger Manager von Staatsbetrieben nach Schätzungen der damaligen russischen Regierung schon auf rund 25 Milliarden Dollar.

Geld durch billige Kredite

Eine andere Möglichkeit, in jener wirren Übergangszeit sehr schnell sehr viel Geld zu machen, bestand für die neue russische Geschäftselite im Erwerb billiger Kredite, die ihr die Zentralbank zur Verfügung stellte. Zur Sowjetzeit hatten die Zinsraten für solche Darlehen keinerlei ökonomische Funktion gehabt; sie waren routinemäßig auf drei Prozent im Jahr festgelegt worden. Als die Reformer der ersten Stunde damit Schluß machen wollten, widersetzte sich jedoch der nach wie vor kommunistisch geprägte Oberste Sowjet, dem die Zentralbank noch direkt unterstand. Und so kam es, daß 1992 bei einer Inflationsrate von 2500 Prozent die Zentralbank weiterhin Kredite zu einem Jahreszins von maximal 25 Prozent zu gewähren hatte - für die solcherart Begünstigten ein reines Geschenk.

Eine dritte Gelegenheit, in kürzester Zeit reich zu werden, ergab sich Anfang der neunziger Jahre durch die staatliche Subventionierung von Nahrungsmitteleinfuhren. Im Winter 1991/92 bestand in vielen Teilen des Landes die Gefahr einer Hungersnot. Die Reformer um Boris Jelzin, den ersten frei gewählten Präsidenten Rußlands, konnten es sich daher nicht leisten, diese Art der Subventionierung aufzugeben. Die Importeure von Lebensmitteln - und auch das waren damals nur ganz wenige mit guten Beziehungen zur alten Nomenklatura - hatten nicht mehr als ein Prozent für den Bezug lebensnotwendiger Nahrungsmittel aus dem Ausland zu bezahlen. Dagegen konnten sie diese auf dem russischen Markt vergleichsweise frei verkaufen und somit die Subventionen einstreichen. Finanziert wurden diese Geschäfte größtenteils mit Hilfe westlicher "humanitärer" Kredite, die indirekt zur Anhäufung der russischen Staatsschulden beitrugen.

Jelzins Privatisierungsprogramm

Bedrängt von den sogenannten Harvard Boys, die damals scharenweise als Regierungsberater in Moskau erschienen waren, entschloß sich Jelzin Ende 1992, die Privatisierung der maroden Staatsindustrie in Angriff zu nehmen. Damit beauftragte er den jungen, politisch einflußreichen Reformer Anatolij Tschubajs, der dem Komitee für Staatseigentum vorstand. Das Programm mutete auf den ersten Blick bestechend an. Der staatliche Besitz sollte ganz einfach auf die jeweilige Belegschaft samt Management übergehen, die somit persönlichen Anteil am Erfolg ihrer Betriebe bekommen sollten.

Um diesen Erfolg zu gewährleisten, sollten Aktien ausgegeben und russische Unternehmer auf diese Weise in die Lage versetzt werden, die Betriebe zu übernehmen und rentabel zu machen. Der Staat sollte solche Unternehmen dann nicht mehr länger subventionieren müssen, sondern es würden ihm, ganz im Gegenteil, fortan Steuern zufließen. Und da alles höchst demokratisch zugehen sollte, gab die Regierung 144 Millionen Bezugscheine aus, die nahezu jeden Bürger des Landes berechtigten, Anteile an privaten Unternehmen zu erstehen. Bei alledem wurde freilich übersehen, daß Rußland noch keineswegs ein Rechtsstaat war (es ist bis heute noch keiner). Jedenfalls ließen sich die Betriebsdirektoren Anrechtsscheine ihrer Belegschaften kurzerhand abtreten, und bald schon befand sich ein Großteil des lukrativen Volksvermögens in den Händen weniger smarter Geschäftemacher.

Was sich damals vollzog, war so etwas wie die Umwandlung des Kollektivbesitzes der Nomenklatura in den Privatbesitz ihrer einzelnen Mitglieder. In Rußland eröffneten sich den Nutznießern des alten Systems im Verein mit jungen Frühkapitalisten ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten, durch die Begriffe wie Demokratie und Marktwirtschaft sehr rasch in Mißkredit gerieten.

Symbiose von Markt und Mafia

Banken schossen wie Pilze aus dem Boden. Kein Wunder. Sie wurden mit Milliarden von Rubeln aus dem Staatssäckel versorgt, um der Regierung mangels eines eigenen Zahlungssystems dabei zu helfen, ihre Rechnungen einschließlich der monatlichen Fälligkeiten für die Rentenempfänger zu begleichen. Die Banken liehen das bei ihnen deponierte Geld allerdings nicht an russische Unternehmer aus, sondern spekulierten damit auf oft abenteuerliche Weise an den Devisen- und Anleihemärkten.

„Die zehn größten Banken gingen ins Kasino und legten Rußland auf den Spieltisch", sollte einige Jahre später ein russischer Ministerpräsident klagen. Da aber gab längst eine Klasse den Ton an, deren führende Mitglieder als Finanzjongleure steinreich geworden waren und Unsummen sowohl an der Privatisierungspolitik als auch in der alles durchdringenden Schattenwirtschaft verdient hatten: unternehmerische Talente mit einem Hang zum Draufgängertum, zwar nicht einmal ein Dutzend an der Zahl, aber ungehemmt auf einer Basis operierend, die sich immer mehr zu einer Symbiose von Markt und Mafia entwickeln sollte.

Der Aufstieg des Boris Beresowskij

Hier nun tat sich vor allem ein Mann hervor, den der auf diesem Gebiet kenntnisreiche amerikanisch-ungarische Hochfinanzier George Soros öffentlich einen "Raubkapitalisten" nannte: Boris Beresowskij. Beim Untergang der Sowjetunion 45 Jahre alt, brachte er es in wenigen Jahren von einem bescheiden vergüteten Mathematiker zum damals mutmaßlich reichsten Mann Rußlands mit einem geschätzten Privatvermögen von drei Milliarden Dollar. Als Wissenschaftler hatte er in einem Moskauer Institut gearbeitet, das als Denkschmiede für die Autoindustrie in Sachen Consulting und Datenverarbeitung tätig war.

Auf diese Weise kam Beresowskij mit dem Chef des großen russischen Autowerks AwtoWas in Kontakt, dem er sich erbot, die Modelle dieses Unternehmens „nach den Gesetzen der freien Marktwirtschaft" zu vertreiben. Und so gründete er eine eigene Autohandelsfirma und avancierte alsbald zum Vorsitzenden einer Vereinigung aller Autohersteller des Landes. Die Chancen der Pionierzeit nutzend, brachte es der Mann mit inzwischen russisch-israelischer Doppelbürgerschaft wenig später zum Präsidenten einer Ölfinanzierungsgesellschaft, die dann 1997 zu einem grotesk billigen Preis die Mehrheitsanteile an dem bis dahin staatlichen Ölkonzern Sibneft erwarb. Wirtschaftlicher Besitz war ihm allerdings nicht genug. Beresowskij kaufte sich beim Fernsehsender ORT ein, der aus dem staatlichen Sowjetfernsehen hervorgegangen war, sicherte sich finanziellen Einfluß auf mehrere Tageszeitungen und stieg überdies bei der Fluggesellschaft Aeroflot ein.

Nachahmer in Sachen "Raubkapitalismus"

Sein zunächst größter Rivale war ein Mann, mit dem er die russisch-israelische Doppelbürgerschaft und den Geburtsort Moskau teilte: Wladimir Gussinskij, Jahrgang 1952 und damit vier Jahre jünger als Beresowskij. Von Haus aus ein wenig bekannter Theaterregisseur, machte er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Gründer einer Bank Karriere, vor allem aber als Präsident einer Medien-Holding, mit der er dem Medien-Konkurrenten Beresowskij Paroli zu bieten trachtete.

Beresowksij und Gussinkij sahen sich wiederum von jüngeren Nachahmern in Sachen "Raubkapitalismus" herausgefordert. Der eine war Wladimir Potanin, Jahrgang 1961, der es als Absolvent des Moskauer Instituts für Internationale Beziehungen inzwischen ebenfalls zum Großbankier gebracht hatte und 1995 bei einer dubiosen Pfandauktion die Kontrolle über einen der größten Produzenten von Nickel und Platin in Rußland gewann.

Etwa zur gleichen Zeit begann der von Potanin geförderte, zwei Jahre jüngere Michail Chodorkowskij von sich reden zu machen, der zum ersten Mal als Kassierer bei den jungkommunistischen Komsomolzen in Moskau mit Geld in Berührung gekommen war. Auch sein Aufstieg ging von dem überaus einträglichen neuen Bankenwesen in Rußland aus. Der große Sprung gelang ihm, als er es Ende 1995 schaffte, bei einer höchst umstrittenen Auktion für 170 Millionen Dollar 78 Prozent der Anteile an Yukos, dem zweitgrößten Ölkonzern des Landes, zu erwerben.

Schulterschluß der Oligarchen

Kaum weniger erfolgreich war der mit 37 Jahren jüngste unter den Oligarchen, Roman Abramowitsch. Er verstand es, sein Wissen als Absolvent des Moskauer Instituts für Öl und Gas unter anderem in Beteiligungen am boomenden Erdölgeschäft umzusetzen. Zugleich erwarb sich dieser Milliardär weitab von der Zentrale russischer Macht politische Sympathien als spendabler Gouverneur von Tschukotka. Jüngst nun geriet Abramowitsch gar als neuer Besitzer des Londoner Fußballclubs Chelsea in die Schlagzeilen.

Mitte der neunziger Jahre gaben in diesem illustren Kreis vornehmlich noch Beresowskij und Gussinskij den Ton an. Waren sie sich geraume Zeit spinnefeind gewesen, kam es Anfang 1996 zu einem denkwürdigen Schulterschluß. Jelzin war damals auf dem Tiefpunkt seiner Popularität angelangt und mußte um seine Wiederwahl fürchten. Als sein gefährlichster Herausforderer galt seinerzeit der Kommunist Gennadij Sjuganow, was die Oligarchen um ihren Besitzstand fürchten ließ. In der Abgeschiedenheit des Schweizer Luftkurorts Davos stimmten sie beim Weltwirtschaftsforum darin überein, daß ein Wahlsieg Sjuganows unter allen Umständen zu verhindern, Jelzin also massiv zu unterstützen sei.

Chodorkowskij als die personifizierte, moderne russischen Wirtschaft

Die Rechnung ging auf. Aus der gelungenen Wiederwahl des russischen Präsidenten leiteten einige der Oligarchen mit Beresowskij an der Spitze allerdings den Anspruch auf politische Mitsprache im Kreml ab, die denn auch bald schon recht dreiste Züge annehmen sollte. Der einzige, der schon vor den Wahlen vor einer solchen Entwicklung gewarnt hatte, war ein KGB-General, Jelzins oberster Leibwächter Alexander Korschakow. Doch der wurde vom Präsidenten gefeuert; die Oligarchen behielten die Oberhand. Als sie nach dem Führungswechsel im Kreml von Jelzin zu Wladimir Putin auch dem neuen Präsidenten politisch dreinzureden trachteten, ließen sie allerdings außer acht, daß dieser als ehemaliger KGB-Offizier die Dinge anders sah. Putin setzte Steuerfahndung und Geheimdienst auf Beresowskij und Gussinskij an, die sich schließlich beide ins westliche Ausland absetzten.

Als geradezu vorbildlich hingegen galt der mittlerweile zum reichsten Mann des Landes avancierte Ölmagnat Chodorkowskij. Er führte seinen Konzern nach westlichem Muster, war bei der Vorlage von Bilanzen um Transparenz bemüht und wurde in Amerika wie in Europa gleichsam als Personifizierung der modernen russischen Wirtschaft betrachtet. Indes konnte auch Chodorkowskij nicht der Versuchung widerstehen, politische Vorstellungen zu entwickeln. Damit aber ging er zu weit. Die Parlamentswahlen in diesem Dezember und die Präsidentenwahl im nächsten Jahr vor Augen, kannte man im Kreml kein Pardon - Verschlechterung des Investitionsklimas hin, Gefahr einer weiteren "Smuta" her.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2003, Nr. 255 / Seite 3
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