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Yukos-Affäre Räuber, Wohltäter, liberaler Rebell

01.11.2003 ·  Der russische Ölmilliardär Chodorkowskij wollte sich vom Gängelband des Kremls lösen. Jetzt haben Putins Tschekisten zurückgeschlagen.

Von Markus Wehner
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Wann man beschlossen hat, ihn fertigzumachen, ist nicht bekannt. Schon Monate vor dem ersten Schlag gegen seinen Konzern im Sommer hätten die Chefs aus den Moskauer Machtministerien die Attacke beschlossen, sagt Michail Borisowitsch Chodorkowskij. Der reichste Mann Rußlands sitzt seit einer Woche in einer Zelle im Moskauer Untersuchungsgefängnis "Matrosenruhe". Seine Aktien sind beschlagnahmt. Wie es mit Yukos, dem von ihm geführten größten Ölkonzern des Landes, weitergehen wird, weiß niemand zu sagen.

Was den Angriff des Kremls auf den Konzernchef auslöste, ist unbekannt. Vielleicht war es jener Abend im Februar, als Putin die "Oligarchen" zu sich in den Katharinensaal des Kremls geladen hatte. Chodorkowskij verletzte die Etikette. In der Regierung gebe es korrumpierte Leute, die man entlassen müsse, forderte er. Im gleichen Atemzug griff er den staatlichen Ölkonzern Rosneft an, weil der beim Kauf der Firma kräftig geschmiert habe. Als er verlangte, der Wirtschaftsminister solle der Sache nachgehen, riß Putin der Geduldsfaden. Die Ölreserven des staatlichen Konzerns seien weit geringer als die von Yukos. "Aber wie Sie Ihr Öl bekommen haben, das ist eine große Frage."

Sahnestücke für Spottbeträge

Daß einer sich als Richter aufzuschwingen traute, dessen privater Reichtum von acht Milliarden Dollar kaum auf ehrliche Weise entstanden ist, war dem russischen Präsidenten zuviel. So unklar, wie er tat, ist der Werdegang des Michail Chodorkowskij indes nicht. Aufgewachsen in sowjetisch-bürgerlichen Verhältnissen einer Moskauer Ingenieursfamilie, hatte er mit 23 Jahren das Moskauer Mendelejew-Chemieinstitut abgeschlossen und machte Karriere im kommunistischen Jugendverband, ungeachtet einer wenig hilfreichen jüdischen Herkunft. Als die Perestrojka losbrach, erkannte er rasch die neuen Möglichkeiten. Er handelte mit Cognac, importierten Computern und in Kellerfabriken illegal produzierten Jeans. Das Geld steckte er in eine der ersten privaten Banken in der Sowjetunion, deren Direktor er wurde: Menatep. Wie andere Oligarchen nutzte Chodorkowskij sie dafür, um dem zerfallenden Staat für Spottbeträge die Sahnestücke der russischen Wirtschaft zu entreißen.

Die guten Kontakte in die Regierung halfen dabei. So erwarben Chodorkowskij und seine Partner Mitte der neunziger Jahre in fingierten "Versteigerungen" für 350 Millionen Dollar das Ölunternehmen, dessen Wert damals schon auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt wurde. Nach der Finanzkrise des Jahres 1998 brachte Chodorkowskij die Kontrolle über den Konzern ganz in seine Hände. Minderheitsaktionäre wurden mit unfeinen Methoden aus dem Geschäft gedrängt.

Chodorkowskij setzte auf Transparenz

Doch vor gut drei Jahren vollzog der Ölmilliardär einen erstaunlichen Wandel. Unter dem Motto "Ehrlichkeit, Offenheit, Verantwortlichkeit" begann Chodorkowskij, die letzten Betriebsergebnisse seines Unternehmens mit Journalisten zu diskutieren. Chodorkowskij legte zu diesem Zeitpunkt nicht nur seine getönte Brille ab, die seine blauen Augen versteckt hatte, und ersetzte sie durch ein Designermodell mit kristallklaren Gläsern. Er begann auch bei Yukos auf Transparenz zu setzen, das ramponierte Image des Konzerns aufzupolieren. Für die neue Außenwirkung heuerte er eine PR-Firma aus Washington an. "Die Mentalität hat sich geändert", sagte er damals. Man habe verstanden, daß ehrliches Verhalten auf dem Markt zum eigenen Vorteil sei. Das, was viele zunächst nur als Fassadenputzerei betrachten, erwies sich als dauerhafte Strategie. Chodorkowskij veröffentlichte Geschäftsbilanzen nach internationalen Regeln, holte die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers zu Yukos, stellte westliche Manager ein und ließ, damals eine Seltenheit in Rußland, kräftige Dividenden auszahlen.

Mit seiner Maxime der Selbstreinigung der oligarchischen Konzerne wurde Chodorkowskij zum Vorbild für andere Oligarchen, die ihre Unternehmen dem Prozeß der "Yukosisation" unterziehen, um auf dem Weltmarkt mitzuspielen. "John D. Rockefeller war nicht der Sauberste, sein Sohn war etwas besser und sein Enkel schon vollkommen anständig. Das hat hundert Jahre gedauert, und ein Professor aus Harvard hat mir gesagt, daß ich das in ein paar Jahren schaffen muß", formulierte er sein Credo.
Zudem entdeckte der einstige Räuberbaron die gesellschaftliche Verantwortung des Großunternehmers. Er gründete die Stiftung "Offenes Rußland", die Bildungsprojekte und Kooperation mit westlichen Nichtregierungsorganisationen organisiert. Chodorkowskij finanziert Kinderlager, Computerkurse, vergibt Stipendien, sponsert Schulen und Krankenhäuser. Seine Verhaftung war für viele ein Schock, die durch den Konzern ein anderes Leben für sich oder ihre Kinder kennengelernt hatten.

Unbestrittene Nummer eins

Mit dem Erfolg von Yukos nahm Chodorkowskij immer größeren Einfluß auf die strategischen Entscheidungen im Ölsektor und machte sich zugleich für enge wirtschaftliche Beziehungen mit dem Westen, vor allem Amerika, stark. Er setzte die Rohrleitung nach Murmansk am Nordmeer durch, von wo Öl nach Amerika verschifft werden soll, und unterschrieb mit Peking eine Absichtserklärung über den Bau einer 2400 Kilometer langen Leitung nach Nordchina, obwohl die Entscheidung über das Projekt in der Regierung noch nicht gefallen war. Durch die so gut wie abgeschlossene Fusion mit dem Konkurrenten Sibneft wurde Yukos zur unbestrittenen Nummer eins der russischen Wirtschaft, fördert fast ein Drittel des russischen Öls und ist zugleich der erste russische Ölkonzern, der in die Phalanx der großen fünf im globalen Ölgeschäft vorstoßen will.

Mit dieser geballten Wirtschaftsmacht wuchs sogleich das politische Gewicht des Konzerns, vor allem in den russischen Regionen. Denn große Unternehmen kaufen in Rußland die politischen Führungen und Parlamente und schwächen damit den Einfluß des Kremls auf das Land. Die liberale Oppositionspartei Jablonko unterstützt Chodorkowskij indes schon seit 1999 aus eigener Tasche.

Ausländer lassen sich nicht erpressen

Das alles wäre vielleicht noch angegangen, wenn der Ölmilliardär weiter am Gängelband des Kremls geblieben wäre. Doch Chodorkowskij plante es abzuschneiden - durch Einstieg eines amerikanischen Ölunternehmens, Exxon Mobil, in sein Unternehmen. Zusammen mit British Petroleum, das jüngst die Hälfte des Ölkonzerns Tyumen Oil gekauft hat, wären nach diesem Geschäft etwa 40 Prozent des russischen Öls unter ausländischer Kontrolle gewesen. Eine beunruhigende Perspektive für den Kreml, besonders in Wahlkampfzeiten. Denn Ausländer werden im Gegensatz zu den erpreßbaren russischen Oligarchen kein Geld für die gewünschten Parteien geben. Der angekündigte Einstieg der Amerikaner mußte aus Sicht des Kremls verhindert werden.

Dafür hat Putin seinen Petersburger Tschekisten freie Hand gegeben, die ohnehin darunter leiden sollen, daß sie zwar die Macht, aber immer noch nicht genügend Geld haben. Daß sie am 2. Juli Platon Lebedjew wegen einer Unterschlagung im Jahre 1994 verhaften ließen, war kein Zufall. Denn Lebedjew ist der Generaldirektor der Menatep-Gruppe, des Mehrheitsaktionärs von Yukos, auf dessen Unterschrift es ankommt. Die Staatsanwaltschaft und der Geheimdienst FSB durchsuchten die Häuser der wichtigsten Yukos-Aktionäre, die Archive und Geschäftsklubs. Selbst in der Schule, in die Chodorkowskijs zwölfjährige Tochter geht, tauchten die FSB-Leute auf. Eine Schadensbegrenzung war im Szenario des Kremls kaum vorgesehen. Chodorkowskij hat nach eigenen Aussagen um ein Gespräch mit Putin ersucht, doch jener habe ihn nicht empfangen. Wie denn auch. Als sein Vertrauter Lebedjew verhaftet wurde, informierte Chodorkowskij als erstes den amerikanischen Botschafter. Dann flog er nach Washington, wo er sich mit dem Energieminister und einem Kongreßabgeordneten traf. "Wenn wir die Reichen aus dem Land treiben und nur den Stimmungen der Bevölkerung folgen, dann werden wir niemals eine reiche Gesellschaft werden, denn man braucht Reiche, damit jeder Erfolg haben kann", sagte er dort in einem Interview. Zweimal kündigten führende Köpfe der Staatsanwaltschaft die Verhaftung an. Sie sagten, daß man ihn ungern hinter Gittern sehen würde, doch daß er sich für alles verantworten müsse. Der Kreml gab so Chodorkowskij die Chance, noch rechtzeitig zu emigrieren, so wie vor ihm etwa dem Oligarchen Boris Beresowskij, der heute mit politischem Asyl ausgestattet, von London aus gegen Putin kämpt.

Flucht abgelehnt

Doch Chodorkowskij lehnte eine Flucht ab, die wie ein Schuldeingeständnis ausgesehen hätte. Ein Politemigrant wolle er nicht werden, dann lieber politischer Gefangener. "Wenn ich zwischen Eigentum und Bürgerrechten wählen muß, wähle ich das Recht", sagte er im letzten Interview kurz vor der Verhaftung. Chodorkowskij habe vergessen, in welchem Land er lebe, nun habe man ihn daran erinnert, so heißt es in Moskau. Der Kreml hat mit der Verhaftung des Milliardärs klargemacht, daß Geld, Einfluß und Verdienste nicht zählen, wenn einer gegen seine ungeschriebenen Regeln verstößt. Andere sind gewarnt. Zugleich hat man Chodorkowskij zu dem gemacht, als den man ihn nicht haben wollte: zu einer politischen Figur.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.11.2003, Nr. 44 / Seite 13
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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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