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Wladimir Putin wird 60 Kraft für Russland

 ·  Vom sowjetischen KGB-Agenten zum russischen Präsidenten: Wladimir Putin hat die innenpolitischen Daumenschrauben immer weiter angezogen. An diesem Sonntag wird er 60 Jahre alt.

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© REUTERS Die Welt fest in Putins Blick: Der russische Präsident will auf Augenhöhe mit Amerika sein

George W. Bush versuchte einst als Präsident der Weltmacht Amerika, die Seele Wladimir Putins zu ergründen. Er blickte Putin, dem Präsidenten eines Landes, das als zweite Weltmacht abgedankt hatte, tief in die Augen und wollte einen Mann erkannt haben, der vertrauenswürdig sei. Bushs Außenminister Colin Powell sah während eines Russland-Besuchs in schwieriger Mission Anfang 2001 in Putins Augen hingegen „nur KGB“ - Putin sei also unberechenbar und gefährlich.

Gerhard Schröder wiederum hofierte als Bundeskanzler den Russen zu einer Zeit als „lupenreinen Demokraten“, als Putin 2004 bereits dabei war, das Gegenteil von Demokratie ins Werk zu setzen. Offenbar ist der Westen nicht schlau geworden aus Putin, der die Weltmacht Amerika einerseits in Afghanistan unterstützt hatte, dann vor einigen Jahren in München aber verbal den Kalten Krieg wieder eröffnete sowie mit Raketen gegen westliche Raketenabwehrstellungen in Europa drohte.

Sich selbst bezeichnete Putin einmal als Politiker, der wie ein Galeerensklave für Russlands Wohl schufte, aber noch ausreichend Kraft besitze. Vom politischen Rand her zuschauen werde er nicht, denn sein Aufbauwerk solle nicht in Gefahr geraten. Seine persönliche Leistung sieht Putin darin, dass Russland wirtschaftlich erstarkt und politisch stabil sei, sich aus der knienden Haltung erhoben habe und weltweit wieder mitmische - und zwar auf Augenhöhe mit Amerika.

„Putin for ever“?

Keiner außer Putin selbst weiß, ob er nach seiner gegenwärtig dritten Amtszeit als gewählter Präsident noch einmal für das höchste Amt im Staate kandidieren wird. Wer aber von seiner Unersetzbarkeit so überzeugt ist wie Putin, dem dürfte kaum etwas anderes übrigbleiben. Andererseits hat gerade die Aussicht eines „Putin for ever“, eines Putin für alle Zeiten, nach einer von Fälschungsvorwürfen überschatteten Parlamentswahl im Winter und Frühjahr zuletzt Hunderttausende zum Protest gegen das „System Putin“ auf die Straße gebracht. Dieser Gefahr versuchte Putin durch Anziehen der innenpolitischen Daumenschrauben zu wehren.

In seinem Geburtsort Leningrad wächst Wladimir Putin als Arbeiterkind in einer Gemeinschaftswohnung für mehrere Familien auf. Sein Lebensraum ist der Hof, in dem das Faustrecht gilt. Deshalb beginnt sich der Junge für Boxen und Judo zu interessieren, um seinen Rang im Rudel zu behaupten. Vom Geheimdienst KGB ist Putin schon als Jugendlicher fasziniert. Die „KGBeschniki“ hätten selbstlos für hohe Ideale gekämpft; dem habe er nacheifern wollen, gibt er Jahrzehnte später er zu Protokoll. Noch vor dem Schulabschluss wendet sich Putin deshalb an die Leningrader KGB-Filiale, um die Möglichkeit für eine Karriere als „Spion“, als „Aufklärer“ zu sondieren.

Zeuge des Untergangs der DDR

Es wird ihm geraten, Jura zu studieren, woran er sich hält. 1975 nimmt ihn der KGB auf. In der Inlandsabteilung, heißt es, sei er auch zur Bekämpfung von Dissidenten eingesetzt worden. Aber er wird ebenfalls für Auslandseinsätze geschult und 1985 mit einem Posten in Dresden belohnt. In der DDR erlebt Putin aus seiner Sicht 1989 eine Katastrophe. Denn in einem Land, das eine ganze sowjetische Armee und die ostdeutschen Kommunisten fest im Griff zu haben scheinen, wird der friedliche Aufstand gegen das System ausgerufen - und Moskau schweigt zu den Hilferufen. Er habe damals den Eindruck gewonnen, dass die Sowjetunion an tödlicher Lähmung erkrankt gewesen sei. Das Ende der Sowjetunion beklagte er als die größte geopolitische Katastrophe im 20. Jahrhundert.

Ein Jahr später ist Putin zurück in seiner Heimatstadt, die bald wieder Sankt Petersburg heißen wird. Dort wird die Arbeit für Anatolij Sobtschak, der als Reformer und Bürgermeister von sich reden macht, zum Beginn einer Politikerkarriere Putins, der es bis zum stellvertretenden Bürgermeister bringt. Als gerissener Wahlkämpfer erweist sich Putin aber weder für die von Präsident Jelzin als machtvolle Kremlpartei gedachte Partei „Unser Haus Russland“ noch bei Sobtschaks Versuch einer Wiederwahl. Putin tritt 1996 zurück.

Wunschnachfolger Jelzins

Wichtige Kontakte in der Hauptstadt besitzt er jedoch mit den Petersburgern Anatolij Tschubajs, dem Ideologen der Privatisierung, die viele Russen noch heute verfluchen, da sie ihnen nichts gebracht hat, und Aleksej Kudrin, dem stellvertretenden Finanzminister. Putin bekommt einen wichtigen Posten in Jelzins Präsidialverwaltung, wird binnen zwei Jahren deren stellvertretender Leiter und schließlich Chef des KGB-Nachfolgers FSB.

Als Putin 1999 zum geschäftsführenden Ministerpräsidenten ernannt wird, erklärt ihn Jelzin zugleich öffentlich zu seinem Wunschnachfolger, und der Auserwählte verkündet, sich im folgenden Jahr um die Präsidentschaft zu bewerben. In der Silvesternacht tritt Jelzin zurück, macht Putin zum geschäftsführenden Präsidenten und eröffnet diesem damit die besten Aussichten, die Präsidentenwahl zu gewinnen.

Oligarchen hielten ihn für lenkbar

Für die atemberaubende Moskauer Karriere des in Sankt Petersburg Gescheiterten hat Putin qualifiziert, dass er keine eigenen Machtambitionen hatte erkennen lassen, was die Oligarchen glauben machte, er sei lenkbar. Sie betrachteten ihn deshalb als brauchbaren Präsidentschaftskandidaten. Ferner half Putin, dass er stets loyal zu Jelzin gestanden hatte, der in seiner Ratlosigkeit immer stärker auf den Geheimdienst als Rückgrat des Staates zu setzen begann. Worin Putin ihm folgen sollte.

Es folgen zwölf Jahre einer zunehmend autoritären Herrschaft. Putin gelingt sogar das Kunststück, in der Bevölkerung vergessen zu machen, dass er ja Teil des Systems Jelzin war, zu dem auch Privatisierungen à la Tschubajs und die Oligarchen gehört hatten. Denn er bekämpft Letztere öffentlich.

Arbeit an einer „eurasischen Union“

Bei der Festigung seiner Macht helfen Putin hohe Weltmarktpreise für russische Energieträger. Sie erlauben soziale Wohltaten, die wiederum wirtschaftspolitische Missgriffe und den Mangel an Demokratie verschleiern. Seit einiger Zeit bedient Putin vehement den Phantomschmerz der Russen als Folge des Untergangs der Sowjetunion. Denn er versucht, die „größte geopolitische Katastrophe im 20. Jahrhundert“ durch die Schaffung einer eurasischen Union zu korrigieren.

Es könnte sein, dass Putin die Kräfte Russlands dabei überdehnt, das im Inneren durchaus brüchig ist. An diesem Sonntag wird der Wladimir Putin, der womöglich dabei ist, sowjetische Fehler zu wiederholen, 60 Jahre alt.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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