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Witali Klitschko In der Welt zu Hause, in Kiew daheim

07.03.2006 ·  Witali Klitschko will am 26. März zum Bürgermeister von Kiew gewählt werden. Der frühere Boxweltmeister verspricht, die Stadt zur lebenswertesten Großstadt Mittel- und Osteuropas zu machen. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

Von Reinhard Veser, Kiew
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Einige hundert Menschen warten in der feuchten Kälte des Märzabends am Ausgang der Metrostation Minska im Norden Kiews auf den früheren Boxweltmeister Witali Klitschko. „Das Gute an ihm ist, daß er alles aus eigener Kraft erreicht hat“, sagt ein Mann. „Er ist schon reich und berühmt, er geht nicht in die Politik, um es zu werden.“ Klitschko will zum Bürgermeister von Kiew gewählt werden, wenn am 26. März gleichzeitig mit der Parlamentswahl in der Ukraine auch Kommunalwahlen stattfinden.

Täglich absolviert er derzeit mehrere Wahlkampfauftritte in der Stadt, die meisten in den Außenbezirken mit den endlos erscheinenden Plattenbausiedlungen, deren Grau durch den matschigen Schnee an den Straßenrändern und Gehwegen noch betont wird. Überall in der Stadt hängen die orangen Plakate seines Wahlbündnisses mit der Losung „Ja zu Klitschko“. Mit der Losung „Ja zu Juschtschenko“ warb die Opposition gegen das Kutschma-Regime vor der orangen Revolution für den heutigen Präsidenten. Klitschko verspricht, er werde die Sache der Revolution in Kiew weiterführen und die Stadt zur lebenswertesten Großstadt Mittel- und Osteuropas machen.

„Sie hat die gleichen Probleme wie ihr!“

Sein Wahlbündnis trägt seinen Namen. Damit befindet sich Klitschko in guter Gesellschaft: Den Ukrainern stellen sich eine ganze Reihe von Parteien und Bündnissen zur Wahl, die nach ihren Führern benannt sind - etwa der Block Julija Timoschenko der früheren Ministerpräsidentin. Auch ist Klitschko nicht der einzige, der seinen Ruhm aus anderen Gebieten nun in den Dienst der Politik stellt. So tritt Ruslana, die Gewinnerin des European Song Contest 2004 auf einem aussichtsreichen Listenplatz für das Bündnis Nascha Ukraina (“Unsere Ukraine“) von Präsident Juschtschenko zur Parlamentswahl an.

Etwas steif steht Klitschko mit dunklem Anzug und Mantel auf der Bühne und gibt sich als Mann von Welt, der weiß, wo er zu Hause ist: „So populär die Brüder Klitschko in Deutschland auch sein mögen - ganz daheim werden wir dort nie sein. Hier leben meine Eltern, meine Freunde.“ Er erzählt, daß er die Bürgermeister von Berlin, New York und Los Angeles kenne, und sagt dann: „Aber wenn meine Mutter auf ein Amt gehen muß, hat sie kein Schild um den Hals hängen, auf dem steht: ,Ich bin die Mutter von Klitschko.' Sie hat die gleichen Probleme wie ihr!“

„Einer, der Geld hat und noch Macht will“

Im Publikum werden Dutzende der gelben Fahnen der Partei „Pora“ (“Es ist Zeit!“) geschwenkt, die als Studentenbewegung eine führende Rolle bei der orangen Revolution spielte. Die Mehrzahl derer, die während der ganzen Rede ausharren, scheinen Aktivisten von Pora zu sein. Die meisten, die aus der Metrostation kommen, hören dagegen - wenn überhaupt - nur kurz zu, bevor sie weiterhasten. „Das ist einer, der schon Geld hat und jetzt auch noch Macht will“, sagt ein Passant. „Aber wenigstens hat er das Geld ehrlich verdient und nicht gestohlen wie die anderen.“

Im Mittelpunkt von Klitschkos Kampagne steht der Kampf gegen die Korruption, die alltägliche Kleinkorruption in den Behörden ebenso wie die große an der Spitze der Stadtverwaltung, wo wie überall in der Ukraine Politik und Geschäft kaum voneinander zu trennen sind. Immer wieder führt Klitschko Beispiele dafür an, wie in der Stadtverwaltung lukrative Grundstücke aus städtischem Besitz an Bekannte und Verwandte vergeben wurden.

Umfangreiche Interessen in der Immobilienbranche

Es ist eine solche Affäre, die den eigentlich populären Bürgermeister Oleksandr Omeltschenko vielleicht zu Fall und Klitschko möglicherweise den Erfolg bringt: Wenige Wochen vor der Wahl haben sich die Manager eines großen Bauprojektes mit den Einzahlungen Tausender Kiewer für Eigentumswohnungen aus dem Staub gemacht. Sowohl zu den Beziehungen Omeltschenkos zu dieser Firma als auch zum Verhalten seiner Stadtverwaltung nach Ausbruch des Skandals werden seither in Kiew Fragen gestellt, die für den Bürgermeister unangenehm sind.

Ob Klitschko davon profitieren wird, ist indes nicht sicher. Es heißt, auch er habe umfangreiche geschäftliche Interessen in der Immobilienbranche der ukrainischen Hauptstadt - was er allerdings bestreitet. Außerdem sehen viele Kiewer in dem früheren Boxweltmeister einen Schützling des Bürgermeisters. Klitschkos ganzes politisches Kapital ist zudem seine Vergangenheit als Sportler: Am Ende der Veranstaltung herrscht der größte Andrang, als er Autogramme gibt.

Quelle: F.A.Z., 07.03.2006, Nr. 56 / Seite 3
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Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik.

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