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Proteste in Tunesien : Das tunesische Wunder verblasst

Ausbruch der Gewalt: Demonstranten geraten am Dienstag in der tunesischen Stadt Tebourba mit Sicherheitskräften aneinander. Bild: AFP

Lange galt Tunesien als Musterland in Nordafrika. Junge Leute wachsen dort in Freiheit auf. Doch die wirtschaftliche Lage droht das Land zu destabilisieren.

          Fragt man, wo Tunesien knapp sieben Jahre nach dem Ende des Regimes von Zine el Abidine Ben Ali steht, erhält man Antworten, die gegensätzlicher kaum sein mögen. Manche loben die Errungenschaften des nordafrikanischen Landes auf dem Weg zur Demokratie. Sie preisen die Mäßigung und Geduld seiner Bewohner und der Politiker, die das Land vor dem Abrutschen ins Chaos bewahrt hätten. Und sie kündigen weitere Fortschritte an, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Reformen – mit dem Ziel, das Land, in dem Ende 2010 die Arabellion begann, so nah wie möglich an Europa heranzuführen.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Und dann wieder gehen Hunderte Menschen auf die Straße, um ihren Unmut kundzutun – wie in dieser Woche. In der Nacht zum Mittwoch kam es dabei abermals zu Plünderungen. Mehr als zweihundert Menschen nahm die Polizei laut dem Innenministerium fest, knapp fünfzig Sicherheitskräfte seien bei den Zusammenstößen verletzt worden. Schon am Montag, als die Proteste begannen, war ein Mann in der Stadt Tebourba zu Tode gekommen – laut lokalen Medienberichten war er an Tränengas erstickt. Die Ausschreitungen betrafen das ganze Land: das verarmte Zentral- und Südtunesien, wo es schon seit Jahren immer wieder zu Protesten gegen die schlechte Wirtschaftslage kommt; große Hafenstädte wie Sousse, wo Randalierer versuchten, einen Supermarkt auszurauben; die Hauptstadt Tunis, in der Autoreifen und Müllcontainer brannten.

          Hoffnung auf bessere Zeiten bleibt

          Der Zorn gilt den steigenden Preisen sowie Steuererhöhungen, die Anfang des Jahres in Kraft getreten waren. Die Opposition hat zu weiteren Demonstrationen gegen das „ungerechte Finanzgesetz“ aufgerufen, das ihrer Meinung nach vor allem die Armen und die Mittelschicht trifft. Ministerpräsident Youssef Chahed bemühte sich hingegen, Zuversicht zu verbreiten. Tunesien durchlebe eine „Ausnahmesituation“, sagte er am Dienstag im Radio. „Aber wir glauben, dass 2018 das letzte schwere Jahr für die Tunesier sein wird“, fügte mit Blick auf die Sparmaßnahmen seiner Regierung hinzu.

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          Die Hoffnung auf bessere Zeiten wird seit Jahren beschworen; Hoffnung darauf, dass sich die Investitionen in ein gemäßigtes politisches System auszahlen, verbunden mit weitreichender Meinungsfreiheit. Kürzlich sagte der Botschafter der Europäischen Union in Tunesien, Patrice Bergamini: „Wenn man Tunesien mit anderen Ländern der Region vergleicht – selbst den stabilen wie Jordanien –, dann ist es das einzige, das vielversprechend ist.“ Er hob hervor, es gebe in dem Land eine Generation junger Leute, die in ihrem Leben nur Freiheit und Meinungsfreiheit kennengelernt hätten. Mit Blick auf die Politik spricht der Diplomat gar von einem „tunesischen Wunder“: Die Gegensätze des politischen und gesellschaftlichen Lebens zwischen säkularen und religiösen Kräften der Jahre nach 2011 sei erfolgreich eingehegt worden.

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