Home
http://www.faz.net/-gq5-ytt6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Wikileaks' Dokumentation zum 11. September „Bitte, geh nicht aus dem Gebäude“

Die Seite „Wikileaks“ hat Mitschriften von mehr als 573.000 elektronischen Mitteilungen von Privatleuten, Unternehmen und Behörden, die am 11. September 2001 übermittelt wurden, ins Internet gestellt.

© dpa Vergrößern In einem Ausruf der Erleichterung heißt es: „Mein Dad hat überlebt!”

Die Ereignisse vom 11. September 2001 beschäftigen die amerikanische Öffentlichkeit jeden Tag. Denn wenige Wochen nach den Anschlägen von New York und Washington begann der Krieg in Afghanistan, der bis heute fortdauert und gerade jetzt wieder die außen- und sicherheitspolitische Debatte bestimmt.

Matthias Rüb Folgen:    

Daneben aber gibt es zusätzliche Wellen der öffentlichen Diskussion, die mit aktuellen Entscheidungen und Ereignissen zusammenhängen. Zuletzt hat die Verfügung von Justizminister Eric Holder, die mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge um Khalid Scheich Mohammed vor ein Zivilgericht in Manhattan zu stellen statt sie von einem Militärtribunal in Guantánamo aburteilen zu lassen, die Gemüter erregt - zumal jene von Hinterbliebenen der Toten von „9/11“. Eine Interessenvertretung mit dem Namen „The 9/11 Never Forget Coalition“ hat für den 5. Dezember vor dem Gerichtsgebäude am Foley Square im Süden Manhattans, wo die Prozesse gegen die Verschwörer stattfinden sollen, zu einer Demonstration aufgerufen. Das Verfahren werde ein „von Anwälten unterstützter Dschihad im Gerichtssaal“ werden, sagt Debra Burlingame, deren Bruder am 11. September 2001 eines der später entführten Flugzeuge geflogen hatte. Monica Gabrielle, deren Mann bei den Anschlägen in New York getötet wurde, versteht dagegen „die ganze Aufregung“ um das Verfahren gegen Terrorverdächtige vor einem Zivilgericht nicht: „So etwas gab es doch schon, und wir haben solche Verfahren mit Erfolg abgeschlossen.“

Mehr zum Thema

Abgefangene Mitschriften von mehr als 573.000 Mitteilungen

Nicht weniger umstritten ist eine spektakuläre Aktion der Website „Wikileaks“. Die Seite wurde 2006 von Journalisten und Netzfachleuten aus mehreren Ländern mit dem Ziel ins Leben gerufen, um vertrauliche Dokumente von öffentlichem Interesse zu publizieren. Vor einigen Wochen schon erhielt „Wikileaks“ die abgefangenen Mitschriften von mehr als 573.000 Mitteilungen, die am 11. September 2001 als Textbotschaften über die bald überlasteten Mobiltelefonnetze und über die seinerzeit noch gebräuchlicheren „Pager“ übermittelt wurden. Die abgefangenen Botschaften wurden in einem Zeitraum von 24 Stunden von drei Uhr früh am 11. September 2001 an - also gut fünf Stunden vor dem Aufprall des ersten Flugzeugs in einen der Türme des „World Trade Centers“ - von Privatleuten, Behördenmitarbeitern oder auch ausgefallenen Computersystemen als Alarmsignale an Techniker versandt. „Wikileaks“ veröffentlichte jetzt die Botschaften ebenfalls in einem Zeitraum von 24 Stunden, um den Ablauf des Tages und der folgenden Nacht nachzustellen. Die Einzelauswertung der Botschaften, die zum Teil nur aus für Laien unverständlichen Zahlenreihen und Buchstabenfolgen bestehen, dürfte Monate in Anspruch nehmen.

Nach dem Anschlag: „Und plötzlich herrschte Stille“ Slideshow: 11. September - Und plötzlich herrscht Stille © F.A.Z. Slideshow 

Um 8.46 Uhr und 46 Sekunden, gerade einmal sechs Sekunden nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs, sendet ein Computer die Alarmnachricht aus: „Marktdaten inkonsistent. Problem mit Cantor API. Handelssystem ist offline.“ Die Büros des globalen Finanzdienstleisters „Cantor Fitzgerald“ in den Stockwerken 101 bis 105 des Nordturms wurden vom ersten entführten Flugzeug voll getroffen, 658 Angestellte starben.

„Der zweite Turm ist gerade eingestürzt“

Es finden sich aber auch ungezählte Mitteilungen von Privatpersonen wie etwa folgende: „Hier ist Myrna. Ich werde nicht anrufen, bis du nach Hause kommst. Der zweite Turm ist gerade eingestürzt. Ich will dich nicht nach jedem Ereignis anrufen müssen. Bitte komm heim.“ Oder: „Bitte, geh nicht aus dem Gebäude. Einer der Türme ist gerade zusammengestürzt. Bitte sei vorsichtig!“ Oder schließlich: „Ich habe schreckliche Angst. Ich muss dir einfach sagen, wie sehr ich dich liebe. Auf immer dein, Diane.“ In einem Ausruf der Erleichterung heißt es: „Mein Dad hat überlebt!“

„Wikileaks“ will nicht mitteilen, wer die Mitschriften der abgefangenen Botschaften und Mitteilungen anonym auf die Seite gestellt hat. Zur Veröffentlichung habe man sich entschlossen, damit sich die Öffentlichkeit ein noch genaueres Bild von den Ereignissen machen könne. Tatsächlich finden sich Informationen, die für die zeitgeschichtliche und historische Forschung bedeutsam sein könnten. So ging einer der amerikanischen Geheimdienste offenbar davon aus, dass das Flugzeug mit dem aus Florida nach Washington fliegenden Präsidenten George W. Bush ebenfalls ein Ziel der Terroristen sein könnte: „Präsident wurde umgeleitet und kehrt nicht nach Washington zurück. Nicht sicher, wohin er fliegt.“ Und zum Chaos der Informationen inmitten des Chaos der Zerstörung gehörte die falsche Annahme, zusätzlich sei eine Bombe detoniert: „Bombenanschlag im World Trade Center“, heißt es in einer Mitteilung: „Bitte bei Mike Brady melden mit kurzer Lageeinschätzung Ihres Zuständigkeitsbereichs und ob Sie etwas brauchen.“

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 27.11.2009, 11:02 Uhr

Ukrainische Dynamik

Von Nikolas Busse

Der Konflikt, den Russland so kaltschnäuzig wie unüberlegt in Gang gesetzt hat, entfaltet inzwischen eine eigene Dynamik: Von einer „strategischen Partnerschaft“ mit der Europäischen Union kann längst nicht mehr die Rede sein. Mehr 10