http://www.faz.net/-gpf-8vx94
© Reuters

Aleppos Hoffnung

Von FLORENTINE FENDRICH

17. März 2017 · Seit über sechs Jahren kämpfen das Regime, die Rebellen und der „Islamische Staat“ in Syrien – Zerstörung, Angst und Tod prägen den Alltag. In Gießen bleibt ein syrischer Geograf optimistisch und plant den Wiederaufbau von Aleppo.

„Es fallen vielleicht keine Bomben mehr, doch das Leben ist fast noch schlimmer als zuvor.“ Hussein Almohamad weiß, wie es um Aleppo steht, auch wenn er selbst nicht mehr dort ist. Von seinem Büro in Gießen aus hat er verfolgt, wie Baschar al Assad Aleppo im Dezember für befreit erklärt hat. „Befreit“, in Ost-Aleppo bedeutet das ein Leben zwischen Trümmern und ohne Wasser und Strom. Almohamad arbeitet daran, die Situation seiner Landsleute zu verbessern. Das geht auch von seinem Universitäts-Schreibtisch in Gießen aus.

© Tim Wegner Ein syrischer Geograf in Deutschland: Hussein Almohamad bereitet den Wiederaufbau von Aleppo vor.

Der 38-Jährige will einen wissenschaftlichen Plan ausarbeiten, mit dessen Hilfe man das zerstörte Aleppo wieder aufbauen kann. Vor einigen Jahren hat Almohamad selbst noch dort gelebt und an der Universität gelehrt. Dann erreichte der Krieg die Stadt, die ersten Bomben fielen. Anstatt dem Militär beizutreten und für das Regime zu kämpfen, floh er 2013 mit seiner Frau und den drei Kindern in die Türkei. Neun Monate harrten sie dort aus; das Geld, das Almohamad durch einen Lehrerjob verdiente, deckte gerade so die Miete für die Wohnung. Eine glückliche Fügung ermöglichte schließlich die Weiterreise nach Deutschland: Die Universität Gießen stellte ihn als Gastdozenten am Institut für Geographie ein. Dort forscht er unter anderem zu den Themen Klimawandel und Stadtgeografie.

Es ist nicht unbedingt ein Zufall, dass Almohamad ausgerechnet dort gelandet ist. Von 2004 bis 2009 hat er an der Universität Gießen schon seinen Master in Geografie gemacht und anschließend dort promoviert, deshalb spricht er auch Deutsch mit Gießener Akzent – sagen seine Kollegen. Zurück in Aleppo hielt er den Kontakt nach Deutschland. Das öffnete ihm letztendlich die Tür, als er auf der Suche nach Hilfe war. Die Familie führt jetzt ein friedliches Leben in Deutschland – Almohamad unterstützt sogar den örtlichen Fußballverein. „Ich spiele bei den Alten Herren“, erzählt er lachend.

© Reuters

Der Blick auf die historische Altstadt von Aleppo, links im November 2008, rechts im Dezember 2016.

Seinen Optimismus hat er sich bewahrt und nutzt ihn als Triebfeder für das Wiederaufbau-Projekt. Es gibt viele Dinge, über die man sich Gedanken machen muss: Woher bekommt man sauberes Grundwasser? Ist es sinnvoll, Regenwasser aufzufangen? Wie soll die Begrünung der Stadt ablaufen? Und könnte man Strom künftig mit Solarenergie herstellen? All diese Fragen kann Almohamad unmöglich allein beantworten. Das muss er auch nicht: In Gießen arbeitet ein früherer Kollege heute wieder an seiner Seite.

Andreas Dittmann bringt die Erfahrung mit ins Team: Vor einigen Jahren hat er schon beim akademischen Wiederaufbau in Kabul geholfen. Rechtzeitig Netzwerke aufzubauen hält er für erfolgsentscheidend: „Aus Afghanistan haben wir gelernt, dass man nicht warten darf, bis die letzte Ruine ausgeraucht hat. Man muss schon vorher wissen, für welche Themen man welche Spezialisten braucht und wo man diese finden kann“, sagt Dittmann. Von Gießen aus knüpfen die beiden Geografen deshalb so viele Kontakte wie möglich, um für alle Bereiche, die im Wiederaufbau eine Rolle spielen werden, die richtigen Experten an der Seite zu haben. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachbereichen, Universitäten und Ländern unterstützen das Projekt, im Februar 2016 haben Almohamad und Dittmann beispielsweise syrische Geografen und Geologen nach Gießen eingeladen, um sich über die Lage in den zerstörten Städten auszutauschen.

© Saskia Thorbecke Andreas Dittmann und Hussein Almohamad 2016 bei der Syrien-Konferenz am Institut für Geographie in Gießen.

Fehlerquellen lauern überall. Natürlich sei es wichtig, schnellstmöglich Wohnraum für die vielen Heimatlosen zu schaffen, erklärt Dittmann. „Man kann aber nicht einfach den russischen Plattenbau auf Ost-Aleppo übertragen, es funktioniert nicht, Konzept A an einen beliebigen Ort B zu verfrachten.“ Die neuen Gebäude müssen an die Bedingungen in Aleppo angepasst werden, zum Beispiel an das Klima. Nach dem Krieg wird es außerdem viele Menschen mit Behinderungen geben – mehr als eine Million Menschen sind laut Almohamad bereits betroffen. Die neuen Straßen und Häuser müssen diesen Bedürfnissen gerecht werden, man wird Elemente wie Rollstuhlrampen brauchen.

Auch das Umland von Aleppo spielt eine Rolle: „Syrien ist ein Agrarland“, sagt Almohamad. Sei die Stadt erst einmal wiederaufgebaut, würden viele Geflüchtete zurück wollen. Es sei wichtig, dass sie dann Arbeit auf den umliegenden Feldern fänden, andernfalls würden schnell neue Armenviertel entstehen. „Aleppo ist eine dreigeteilte Stadt“, erklärt der Geograf. „Der Westen von Aleppo ist modern, die Menschen sind wohlhabend. In der Altstadt lebt die Mittelschicht. Aber der Osten ist arm und durch den Krieg sehr zerstört.“ Die Menschen dort seien verzweifelt und wütend. Osten und Westen müssten sich wieder annähern, sagt Almohamad. „Das Land gehört weder Assad noch den Rebellen. Es gehört uns allen.“ Gerade jetzt müsse man die Leute zum Zusammenhalt bewegen.

© Reuters

Die historische Zitadelle im Herzen von Aleppos Altstadt, links im August 2010, rechts im Dezember 2016.

Zu Almohamads Bedauern ist auch von der historischen Altstadt Aleppos – die Teil des Weltkulturerbes ist – nicht viel übrig geblieben. Bei einem seiner letzten Besuche in der Stadt hat er in einem Restaurant neben der Zitadelle gesessen, das ist nun schon sieben Jahre her. Von Fotos weiß er, wie das ehemals eindrucksvolle Gebäude heute aussieht. Die Kämpfe haben deutliche Spuren hinterlassen.

Ist der historische Kern noch zu retten? Die Große Moschee, ein beliebtes Ziel für alle Touristen? Der weitreichende, belebte Basar im Herzen der Stadt? „Ich bin sicher, dass es irgendwann wieder einen Basar in Aleppo geben wird, vermutlich sogar mit einem ganz ähnlichen Grundriss wie früher“, sagt Dittmann. Dann kommt das Aber: „Der historische Basar in seiner ursprünglichen Form ist allerdings für immer verloren, da er im Inneren zu einem großen Teil aus Holzhäusern bestand. Die sind im Krieg fast alle verbrannt.“ Ein schwieriges Unterfangen also. Almohamad besucht trotzdem seit ein paar Monaten die Treffen der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die ein spezielles Projekt zur Rekonstruierung der Altstadt gestartet hat.

© Reuters

Die Große Moschee von Aleppo hat in der Vergangenheit zahlreiche Touristen angelockt, links im Oktober 2010, rechts im Dezember 2016.

Wann kann er denn nun überhaupt beginnen, der Wiederaufbau? Nach der Eroberung Aleppos durch das Assad-Regime scheinen die Kämpfe um die Stadt vorerst beendet. Aber wird das auch so bleiben? „In den Medien herrscht nach der Einnahme Aleppos beinahe schon die Vorstellung von Frieden – oder wohl eher Friedhofsruhe, von Putin herbeigebombt“, sagt Dittmann. „Von einer Friedenssituation, in der man gesicherten Wiederaufbau leisten kann, sind wir aber noch weit entfernt. Wir befinden uns momentan noch irgendwo mitten in der Katastrophenhilfe, die Aufbauhilfe kommt erst danach“. Die beiden Geografen schätzen, dass man die ersten Betonmischer frühestens in vier bis fünf Jahren nach Aleppo schicken kann.

© Reuters

Das Minarett ist im Kampf um die Große Moschee eingestürzt, links im März 2009, rechts im Dezember 2016.

Wer die baulichen Rekonstruktionen am Ende tatsächlich vornehmen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. An den Kämpfen in Syrien sind mehrere Parteien beteiligt, sie alle werden beim Wiederaufbau ein Wörtchen mitreden wollen. „Es wird ein großes Spiel um die Wiederaufbauhilfe geben“, prophezeit Dittmann. „Das sind nicht alles Gutmenschen, die schon immer mal ein kriegszerstörtes Land wieder aufbauen wollen. Es geht auch um Geld und um Ruhm.“ Den Ruhm für den Wiederaufbau von Palmyra hätten sich bereits die Russen gesichert, als sie sich die Lizenz für dieses Projekt gesichert hätten – zum Bedauern der deutschen Archäologen, verrät Dittmann.

© Reuters

Der Eingang zum al-Zarab Basar, einem der zahlreichen Märkte in der Altstadt von Aleppo, links im November 2008, rechts im Dezember 2016.

Beim Wiederaufbau von Aleppo sieht er für Deutschland bessere Chancen. Denn die deutsch-syrische Zusammenarbeit hat eine gewisse Tradition. Vor einigen Jahren hat die GIZ beispielsweise schon einmal dabei geholfen, die Altstadt Aleppos zu restaurieren. Ironie des Schicksals: Die Anstrengungen von damals sind durch den Krieg tragischerweise wieder in Rauch aufgegangen, im wahrsten Sinne des Wortes.

© Reuters

Der Schulhof der Al-Sheebani-Schule in Aleppo, links im Juni 2009, rechts im Dezember 2016.

Eigentlich komme es gar nicht darauf an, wer Aleppo am Ende wieder aufbaue, findet Dittmann. „Die Hauptsache ist, dass man eine einheitliche Gruppe schafft, die den Wiederaufbau gemeinsam leitet.“ Denn wenn jeder irgendwie vor sich hin baue, könne das nur in einer Katastrophe enden. Übersetzt heißt das: Der Wiederaufbau kann nur in enger Kooperation mit der Regierung gelingen. Diese Auffassung teilt Almohamad, auch wenn ihm die Vorstellung von einer Zusammenarbeit mit dem Assad-Regime nicht gefällt. Er würde sich wünschen, das Projekt gemeinsam mit einer neuen, demokratischen Regierung angehen zu können. Doch persönliche Empfindungen und Schicksäle versucht Almohamad beiseite zu schieben. „Es geht jetzt um die Menschen, die noch in Aleppo leben.“

Für Almohamad wäre es momentan nicht ungefährlich, nach Syrien zurückzukehren. Sein Projekt führt kein Nischen-Dasein, das Forscher-Duo hat bereits erste mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das hat man womöglich auch in Syrien bereits registriert – und dort enden kritische Äußerungen gegen das Regime schnell mit einem Aufenthalt im Gefängnis oder noch viel Schlimmerem.

© Reuters

Das Badehaus Hamam El Nahasin, links im Oktober 2010, rechts im Dezember 2016.

Als die Sprache auf Almohamads Zukunft kommt, macht sich Bedrückung im Raum breit: Er weiß noch nicht genau, wie es weitergehen soll. Er hatte das Glück, dass seine Forschung und sein Aufenthalt in den ersten beiden Jahren zu einer Hälfte durch die Universität Gießen finanziert wurde und zur anderen vom „Scholars at Risk Fund“ in New York, der auf die Rettung gefährdeter Wissenschaftler spezialisiert ist. Zur Zeit erhält er für zwei Jahre ein Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung. Im Moment ist sein Projekt also gesichert – ob es ihm jedoch gelingen wird, das Stipendium zu verlängern, ist ungewiss.

Daran wollen die Wissenschaftler lieber nicht denken. Für sie geht es jetzt darum, weitere Stiftungen zu finden, die ihre Forschung unterstützen. Sie wollen ihr Netzwerk weiter ausbauen, Konferenzen organisieren und Experten einladen. Und sie wollen endlich damit beginnen, konkrete Zeitpläne für Aleppos Zukunft auszuarbeiten. Es gibt noch viel zu tun.

© F.A.Z./UNITAR/UNOSAT Das Satellitenbeobachtungsprogramm der Vereinten Nationen Unitar-Unosat zeigt die Ausmaße der Zerstörung in den Wohngebieten Aleppos im September 2016. Der Großteil der zerstörten Gebäude befindet sich in Ost-Aleppo. Die eingefärbten Gebiete sind beschädigt, je dunkler die Farbe, desto höher der Zerstörungsgrad.

Inhalte werden geladen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 15.03.2017 17:21 Uhr