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Nordkorea im Wandel : Herrn Kims Gespür für den Markt

Früher stand im sozialistischen Nordkorea das Militär an erster Stelle. Sind die Zeiten nun vorbei? Bild: dpa

Äußerlich gibt sich Nordkorea immer noch stalinistisch. Doch dahinter entsteht immer mehr Raum für private Unternehmer. Dem Regime nutzt es – steht ein Wandel bevor?

          Am 20. April dieses Jahres kam das Zentralkomitee der Koreanischen Arbeiterpartei zu einer Plenartagung zusammen. Auf der Tagesordnung stand ein Satz, bei dem schon die Ohren schmerzen: „Revolutionsaufgaben, um den sozialistischen Aufbau weiter zu beschleunigen, was erforderlich ist, um eine frische hohe Stufe der sich entfaltenden Revolution zu erreichen“.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Wort „Reform“ kam nicht vor. Im Wörterbuch des Sozialismus ist es verpönt, es hat einen bourgeoisen Beiklang. Doch in Wahrheit ging es genau darum, um Reformen in Staat und Wirtschaft. Viele im Saal müssen die Botschaft sofort verstanden haben. Denn die nordkoreanische Parteielite erfreut sich sehr am Lebensstil der Bourgeoisie samt Handy, Auto und schicken Wohnungen. Sie weiß wie niemand sonst, dass sich hinter der stalinistischen Fassade des Landes längst die Marktwirtschaft eingenistet hat.

          „Lasst uns weiter den Fortschritt unserer Revolution beschleunigen, indem wir alle unsere Anstrengungen in den sozialistischen wirtschaftlichen Aufbau stecken!“ So rief es Kim Jong-un, der oberste Führer, an diesem Tag den Spitzenkadern zu. Er korrigierte damit eine Linie, auf die Kim selbst sein Land vor fünf Jahren eingeschworen hatte. Damals hieß es, Wirtschaft und Militär sollten sich im Gleichschritt entwickeln. Schon das war neu.

          It’s the economy, stupid!

          Denn bis dahin hatte die Losung seines Vaters gegolten: das Militär zuerst! Und nun also: die Wirtschaft zuerst! Oder, mit Bill Clinton: It’s the economy, stupid! Auf die Wirtschaft kommt es an.

          Wie ernst Kim es meinte, zeigte seine zweite Botschaft an jenem Tag. Der oberste Führer von Partei, Staat und Militär erklärte die historische Aufgabe für erfüllt, eine Nuklearmacht mit Atomsprengköpfen und Interkontinentalraketen aufzubauen. Genau genommen, sprach er von einem „mirakulösen Sieg“, was vielleicht von einem Sinn für Ironie zeugt – denn die Technologie kam nicht durch ein Wunder nach Nordkorea, sondern aus Russland und China.

          Den Militärs im Lande muss jedenfalls bei diesen Worten klar gewesen sein, dass sie fortan kürzertreten werden. Denn in sozialistischen Systemen sind „Siege“ immer die Voraussetzung, um den Kurs zu ändern. Kim kündigte dann auch gleich noch an, die Atomwaffentests einzustellen, sich für Entspannung und Frieden auf der koreanischen Halbinsel einzusetzen und für weltweite Abrüstung. Damit öffnete er die Tür zu jenem Treffen mit Donald Trump, das für Dienstag in Singapur geplant ist.

          Er könnte internationale Waffeninspekteure ins Land lassen

          Um es klar zu sagen: Kim hat weder in dieser Rede noch beim Gipfeltreffen danach mit dem südkoreanischen Präsidenten versprochen, dass Nordkorea seine Atomwaffen verschrottet. Das Regime reagierte sogar äußerst allergisch auf entsprechende Forderungen aus dem Weißen Haus. Erst als Präsident Trump sich davon distanzierte, war der Weg nach Singapur frei.

          Nach allem, was sich bislang sagen lässt, dürfte Kim dort zu einigen Konzessionen bereit sein. Er könnte wieder internationale Waffeninspekteure ins Land lassen, seinen Plutonium-Reaktor herunterfahren und den Bau weiterer Interkontinentalraketen einstellen. Aber nur, wenn er im Gegenzug auch etwas bekommt, das er für seine neue Linie dringend braucht: den Abbau der Sanktionen.

          Nordkorea steht bereit, um seine vielen und wertvollen Rohstoffe wieder zu exportieren. Das Land hat billige und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Es kann rund um die Uhr Fußbälle nähen oder Kleidung. Und es gibt lauter fleißige Unternehmer, die sich von der Planwirtschaft verabschiedet haben. Um das zu verstehen, muss man ein wenig in die Geschichte zurücksteigen, in die neunziger Jahre.

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