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Israels Beteiligung in Syrien : Männer, die Maultiere beladen

Rauch steigt nach dem israelischen Luftangriff an den syrischen Golanhöhen auf. Das Gebiet befindet sich unter israelischer Kontrolle. Bild: AFP

Seit Jahren unterstützt Israel im Syrienkonflikt Rebellen, um die Hizbullah von der Grenze fernzuhalten. Nun soll das Land auch Munition und Treibstoff an die Kämpfer geliefert haben. Wie wahrscheinlich ist ein baldiger Krieg mit der Miliz?

          Der syrische Bürgerkrieg ist in seinem siebten Jahr, und das Nachbarland Israel hat sich in dieser Zeit vornehmlich zurückgehalten und nicht Partei ergriffen. Doch sieht Israel mit Sorge, wie Irans Einfluss immer weiter wächst: Teheran stützt das syrische Regime und finanziert die libanesische schiitische Hizbullah-Miliz, die in Syrien auf Seiten Baschar al Assads kämpft und sich im Land immer weiter ausbreitet. Im Militärhauptquartier in Tel Aviv erkennt man, dass Iran mittels der in Syrien und im Libanon aktiven Hizbullah eine schiitische Ost-West-Achse von Teheran bis ans Mittelmeer schaffen möchte.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Der Militärgeheimdienstchef Herzl Halevi sagte vergangenen Donnerstag, dass die iranischen Revolutionsgarden im Südlibanon, nahe der Grenze zu Israel, mittlerweile mehrere Waffenfabriken im Untergrund aufgebaut hätten, in denen auch Raketen produziert werden könnten. „Wir können und werden dem nicht gleichgültig gegenüberstehen“, sagte Halevi. Sowohl Iran als auch die Hizbullah rufen regelmäßig zur Vernichtung Israels auf. Wiederholt hatte Israel Waffentransporte der Hizbullah auf syrischem Gebiet angegriffen, die für den Libanon bestimmt waren.

          Netanjahu nannte Luftangriffe eine „energische Reaktion“

          Mit dem Aufbau eigener Fabriken im Libanon hätte Iran diese Transporte nicht mehr nötig. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte am Sonntag vor einer Kabinettssitzung: „Wir sehen die iranischen Versuche mit größter Besorgnis, sich in Syrien auszubreiten, außerdem (Irans) Versuche, die Hizbullah via Syrien und dem Libanon mit fortschrittlichen Waffen auszustatten.“ Diese Besorgnis wird durch den fortschreitenden Rückzug des „Islamischen Staats“ in Syrien verstärkt, in dessen Gebiete auch schiitische Kräfte vordringen.

          Gleichzeitig wird über zunehmende israelische Aktivitäten berichtet. Am Samstag zerstörten israelische Kampfflugzeuge drei Stellungen der Assad-Truppen im unmittelbaren Grenzgebiet auf den von Israel besetzten Golanhöhen. Nach Angaben syrischer Regierungsmedien wurden dabei mehrere Personen getötet. Israels Luftwaffe veröffentlichte Aufnahmen, auf denen die Zerstörung zweier syrischer Panzer gezeigt wird. Zuvor waren Mörsergranaten auf der israelischen Seite des Grenzgebietes eingeschlagen.

          Netanjahu nannte die Luftangriffe am Sonntag eine „energische Reaktion“: „Unsere Linie ist klar: Wir werden keinerlei Überschuss und Einsickern zulassen, seien es Mörser oder Raketen, gleich von welcher Front.“ Israel macht für jeden Beschuss auf eigenes Gebiet die syrische Regierung verantwortlich. Am Wochenende hatten syrische Rebellen einen Angriff auf Assad-Truppen in der Gegend um Quneitra unternommen, dem Grenzübergang zwischen Israel und Syrien. Syrische Regierungsmedien behaupteten, ein israelischer Hubschrauber habe den Angriff der Rebellen unterstützt.

          Spätestens seit 2013 unterstützt Israel Rebellen im Grenzgebiet zu Syrien, um die Hizbullah von der Grenze fernzuhalten. Vermutet wird ein Austausch mit sunnitischen Anti-Assad-Rebellen auch zur Informationsgewinnung. Seit 2013 pflegt Israel Rebellen in eigenen Krankenhäusern. Angaben von Oppositionspolitikern und Berichte der UN-Mission am Golan (Undof) lassen darauf schließen, dass israelische Truppen auch Munition und Treibstoff an syrische Kämpfer übergeben haben.

          Sicherheitsfachleute erwarten keinen Krieg mit der Hizbullah

          Ein UN-Bericht vom Mai führt allein in diesem Jahr 16 Treffen israelischer Soldaten mit „bewaffneten und unbewaffneten Individuen“ in Syrien auf, die „Nachschub“ auf Maultiere verladen hätten. Im Vorjahr habe es noch weit weniger Treffen dieser Art gegeben. Das „Wall Street Journal“ zitierte kürzlich einen syrischen Rebellenchef der Gruppe „Fursan al Dschulan“, der angab, monatlich fünftausend Dollar von Israel zu erhalten. Diese Rebellengruppe ist kein Teil der Freien Syrischen Armee und wird nicht vom Westen unterstützt.

          Auch im benachbarten Libanon erkennt Israel ein Ausgreifen der Hizbullah. Am Donnerstag verbreitete das israelische Militär Bilder von insgesamt 15 Beobachtungstürmen im Südlibanon, die angeblich der Nichtregierungsorganisation Green without Borders gehörten, aber von der Hizbullah genutzt würden. Dies wäre ein Verstoß gegen die UN-Resolution 1701, welche der Hizbullah jede Präsenz südlich des Litani-Flusses verbietet. Entsprechende Protestnoten reichte Israel am Sitz der Vereinten Nationen in New York ein.

          Krieg in Syrien : Zivilisten bei Luftangriffen Israels getötet

          Eine UN-Sprecherin wies diese Vorwürfe am Freitag zurück: Die UN-Beobachtermission Unifil habe beobachtet, dass Green without Borders tatsächlich Bäume in der betreffenden Region gepflanzt habe, jedoch „keine unbefugten bewaffneten Personen an den Orten beobachtet oder Verletzungen der Resolution 1701 erkannt“. Die Hizbullah hat ihre Basis im Libanon, ist dort an der Regierung beteiligt und arbeitet nach israelischen Angaben eng mit der regulären libanesischen Armee zusammen.

          Einen baldigen Krieg mit der Hizbullah halten Sicherheitsfachleute in Israel jedoch für unwahrscheinlich, auch deshalb, weil rund ein Drittel der regulären Hizbullah-Kämpfer im syrischen Kriegsgeschehen gebunden sind. Der Hizbullah-Chef Hassan Nasrallah reagierte im Fernsehen auf die israelischen Beschuldigungen, indem er mit einer Vermischung der Kriegsschauplätze drohte: „Der israelische Feind sollte wissen, wenn er Angriffe auf Syrien oder den Libanon beginnt, dass es unbekannt ist, ob sich die Gefechte nur auf den Libanon und Israel oder auf Syrien und Israel beschränken.“ Nasrallah drohte, dass „Hunderttausende“ arabische und muslimische Kämpfer aus Ländern „so weit weg wie Afghanistan“ im Kriegsfall gegen Israel „zurückschlagen“ würden.

          Quelle: F.A.Z.

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