http://www.faz.net/-gpf-93t1b

Krim-Annexion : Abgerissene Verbindungen

Neue Verbindung: Russland baut eine Brücke über die Straße von Kertsch. Bild: Reuters

Die Krim-Bewohner und wie sie die Welt sehen – drei Jahre nach der russischen Annexion. Würden die Bewohner wieder für einen Anschluss an Russland stimmen?

          Würden die Bewohner der Krim heute noch einmal für den Anschluss an Russland stimmen? Dreieinhalb Jahre nach der Annexion der Halbinsel kann man diese Frage dort nicht so einfach stellen, denn die Antwort könnte strafbar sein. Bis zu fünf Jahre Haft drohen in Russland für Äußerungen, die die Einheit des Landes in Frage stellen – also zum Beispiel auch für die Aussage, die Krim gehöre zur Ukraine. Wer heute die Stimmung auf der Krim erkunden will, muss sich deshalb sehr genau überlegen, wie Fragen so formuliert werden können, dass sie weder Frager noch Befragte in Schwierigkeiten bringen und trotzdem eine gewisse Aussagekraft haben. Das gilt zwar vor allem, aber nicht nur für diese Frage, die direkt an Moskaus Begründung und Legitimierung für den Anschluss der Krim an Russland rührt.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          In einer Umfrage, die das „Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien“ (Zois) aus Berlin im Frühjahr dieses Jahres mit russischen Partnern auf der Krim vorgenommen hat, wurde deshalb nicht gefragt, wofür man bei einem neuerlichen Referendum stimmen würde, sondern ob man sich wieder so entscheiden würde wie im März 2014. Es ist nicht verwunderlich, dass 79 Prozent der insgesamt fast 2000 zwischen März und Mai dieses Jahres befragten Personen das bejahten. Das deutet auf eine klare Mehrheit für den Anschluss an Russland hin, liegt aber auch deutlich unter den 96,8 Prozent, die damals offiziell dafür stimmten. Wie problematisch unter den derzeitigen Umständen selbst die Beantwortung dieser neutral formulierten Frage ist, zeigt sich deutlich an den Antworten der Krimtataren, die seit dem russischen Einmarsch unter großem Druck von Seiten der neuen Machthaber stehen, wie vor kurzem auch ein UN-Bericht zur Menschenrechtslage auf der Krim festgestellt hat: Fast die Hälfte wählte die Möglichkeiten „Enthaltung“ oder „Will nicht antworten“.

          Die Höhe der mutmaßlichen Zustimmung zum Anschluss an Russland korrespondiert auf erstaunliche Weise mit den Antworten auf zwei andere Fragen: Gleichfalls 80 Prozent geben an, die verschiedenen Ethnien auf der Krim lebten friedlich Seite an Seite – und die russischen Behörden hätten richtig gehandelt, als sie den Medschlis, die politische Vertretung der Krimtataren, als „extremistische Organisation“ verboten haben. Die zwanzig Prozent, die bei beiden Fragen gegensätzlicher Ansicht sind, entsprechen fast genau der Summe jener, die sich eindeutig als Tataren und Ukrainer verstehen – und damit schon durch diese Selbstidentifikation Position gegen die russische Besatzung beziehen. Unter den Krimtataren äußern 73 Prozent, das Verbot des Medschlis sei falsch.

          Während der Bevölkerungsanteil der Krimtataren nur gegenüber der Zeit vor dem Anschluss mit etwa zwölf Prozent recht stabil geblieben ist, ist die Gruppe jener, die sich selbst als Ukrainer definieren, dramatisch kleiner geworden: Gegenüber 24 Prozent in der Volkszählung des Jahres 2001 und 15 Prozent im ersten Zensus unter russischer Herrschaft, gaben in der Umfrage des Zois nur noch 7,5 Prozent an, sie seien Ukrainer. Zois-Direktorin Gwendolyn Sasse erklärt das in dem Bericht mit der Kombination mehrerer Faktoren: der Abwanderung ethnischer Ukrainer, einer Einwanderung von Flüchtlingen aus den umkämpften Gebieten in der Ostukraine und einer Umorientierung in einem unsicheren politischen Klima. Denn die Gruppe jener, die sich als Russen verstehen, ist bei weitem nicht so stark gewachsen – von 60 Prozent in der Volkszählung 2001 auf 68 Prozent in der Zois-Umfrage. Gut acht Prozent der Bewohner der Krim verstehen sich danach als gleichzeitig russisch und ukrainisch – und gehören damit zu einer Kategorie, die in den Volkszählungen nicht vorkam.

          Weitere Themen

          Und Brüssel schweigt

          Nato und EU zurückhaltend : Und Brüssel schweigt

          Normalerweise dringen zumindest aus dem Nato-Hauptquartier rasch Einschätzungen zur Weltlage und zur Haltung Russlands an die Öffentlichkeit. Doch nach dem Treffen von Trump und Putin ist es ungewöhnlich still in Brüssel.

          Entsetzen über Kuschelkurs Video-Seite öffnen

          Trump trifft Putin : Entsetzen über Kuschelkurs

          Das Treffen der Präsidenten hat in den Vereinigten Staaten parteiübergreifend für große Empörung gesorgt. Die mutmaßliche Einmischung Russlands in den US-Präsidentschaftswahlkampf war Trump offenbar keinen Tadel wert.

          Topmeldungen

          Auch an dem spektakulären Bankraub in Berlin soll ein Mitglied des Clans beteiligt gewesen sein.

          Razzia in Berlin : Münzraub, Bankraub, Geldwäsche

          In Berlin geht die Polizei gegen eine arabische Großfamilie vor. Den Mitgliedern wird eine ganze Bandbreite von Straftaten zur Last gelegt. Auf die Schliche kamen ihr die Ermittler durch eine unvorsichtige Handlung.

          Putin vs. Trump : Russland stößt amerikanische Staatsanleihen ab

          Das dürfte Donald Trump nicht gefallen: Russland wirft seit einiger Zeit seine amerikanischen Staatsanleihen auf den Markt. Damit will Putin vom Dollar unabhängiger werden – und Trump unter Druck setzen.
          Geschlossen gegen Antisemitismus: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Israel

          Orbáns Soros-Kampagne : Gefährliche Zwischentöne

          Ungarns Ministerpräsident Orbán wird immer wieder Antisemitismus vorgeworfen. Doch Israels Regierungschef Netanjahu verteidigt ihn. Wie passt das zusammen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.