http://www.faz.net/-gpf-972ue

Migration aus Westafrika : Wie Deutschland Fluchtursachen bekämpft

Gefängnis von Zawiyah, 45 Kilometer westlich der libyschen Hauptstadt (Symbolbild) Bild: AFP

Mustapha wollte nach Deutschland. Doch schon in Libyen wurde der Mann aus Gambia festgenommen und als Sklave verkauft. Dann kam er frei. Jetzt kämpft er dagegen, dass Landsleute gen Europa flüchten – mit deutscher Hilfe.

          Geschlagen, getreten, missbraucht – und dann verkauft. Mustapha Sallah hat auf seiner Odyssee durch Afrika viele Grausamkeiten erlebt. Doch nirgends war es so schlimm wie im Gefängnis von Tripolis, erzählt er. „Tripolis ist eine Hölle.“ Der 26 Jahre alte Gambier träumte von einem Leben in Deutschland, wollte Informatik studieren und seiner Familie in Westafrika durch Geldsendungen helfen. Schätzungsweise 22 Prozent des Staatshaushaltes in Gambia setzen sich aus Rücküberweisungen zusammen. An der „lächelnden Küste Afrikas“, wie Gambier ihr Land nennen, gab es bisher wenig Arbeit. Daher verließ Mustapha seine Heimat im Juli 2016.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          In der Hauptstadt Banjul stieg Mustapha in ein Flugzeug nach Nigeria und schlug sich nach Niger durch. „Du schaffst das, du bist ein starker Mann“, sagte man ihm. Er passierte das Drehkreuz Agadez in dem Binnenstaat – wie die meisten auf dem Weg nach Norden. Eingepfercht auf einem Pick-up, mit dreißig anderen Personen, durchkreuzte er die Sahara. Nicht alle überlebten die zehntägige Fahrt, erinnert er sich.

          In Tripolis angekommen, nahmen Männer ihm sein Handy und Geld weg – selbst die Armbanduhr rissen sie ihm vom Leib. Wer die Diebe waren, weiß er nicht, irgendwelche Milizen oder Schlepper, vermutet er. Libyen sei ein Staat ohne Ordnung, sagt Mustapha. Und weil er noch nicht genug gestraft war, steckten sie ihn in ein Gefängnis.

          Traum von Europa ein Albtraum

          „Ich wurde geschlagen, ich wurde gequält – wie fast alle. Einmal verprügelten sie mich so sehr, dass ich zehn Tage lang nicht gehen konnte.“ Er sollte das Gefängnis verlassen, jedoch nicht als freier Mensch, sondern als Sklave. Mustapha wurde verkauft – Preis unbekannt – und zu Feldarbeit gezwungen. Drei Tage hielt er es aus, dann rannte er mit vier anderen versklavten Gambiern einfach weg. Sieben Stunden in Richtung Süden, erzählt er. Doch den Traum von Europa wollte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgeben. Also suchte Mustapha wieder nach Schleppern, die ihn in das gelobte Land bringen sollten.

          Es kam aber nicht dazu. Der junge Gambier wurde abermals festgenommen. Vier Monate hinter Gittern veränderten schließlich seine Einstellung und das Leben in seinem Land: Gambia wählte einen neuen Präsidenten, schickte den Diktator Yahya Jammeh ins Exil nach Äquatorialguinea – und Mustapha begrub seinen Mythos von Europa im Gefängnis. Dort begann er auch zu überlegen, wie man Gleichgesinnte aus Gambia von der todesmutigen Reise nach Norden abhalten könnte.

          Selbst der Präsident war Flüchtling

          Mit der „Internationalen Organisation für Migration“ (IOM) wurde er als einer von 2500 Personen nach Gambia zurückgeflogen und gründete eine eigene Organisation zur Bekämpfung von Fluchtursachen: „Youth Against Irregular Migration“. Mit anderen Freiwilligen tourt er seitdem durch das Land, spricht mit Jugendlichen auf den Straßen und in Schulen. Das Ziel sei es, schon Kinder zu sensibilisieren – mit seinen eigenen Erlebnissen, aber auch Musik oder Sport, sagt Mustapha. „Wir wollen nachhaltige Jobs schaffen, strategische Programme entwickeln und umsetzen, dazu gehören Anreize für Landwirtschaft oder den Privatsektor. Unsere Mission ist es, Jugendliche zu entmutigen zu fliehen.“

          Tritt ein schwieriges Erbe an: der gambische Präsident Adama Barrow (Archivbild)

          Laut dem Gambier käme die Initiative gut bei der Bevölkerung an, nicht zuletzt, weil fast jeder Freunde oder Familienangehörige habe, die das Land „backway“, also über den Hintereingang durch die Wüste und nicht per Flug, verlassen haben. Mit seinem zivilgesellschaftlichen Engagement verdient Mustapha zwar kein Geld, immerhin wird das Projekt vom Verbindungsbüro der Deutschen Botschaft in Banjul unterstützt.

          Weitere Themen

          Ein Satellit für alle Fälle

          Navigation mit Galileo : Ein Satellit für alle Fälle

          Bei der Navigation ist Europa schon unabhängig von Amerika – dank Galileo. Was eine Alternative zum amerikanischen GPS bringt, kann besonders in Konflikt- und Krisensituationen von großer Bedeutung sein.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.