Der diplomatische Gemeinplatz, dass Indien Chancen biete, seine Partner aber auch vor Herausforderungen stelle, bewahrheitet sich für den deutschen Außenminister auf ungeahnte Weise. Während seines ersten Besuchs auf dem asiatischen Subkontinent darf Guido Westerwelle eine Rede im Innenhof des Gästehauses des „Indian Institute of Technology“ in Delhi halten.
Der Gast spricht über die drängenden globalen Fragen von Afghanistan bis UN-Reform und vergisst auch die Formel von den „Chancen und Herausforderungen“ in den bilateralen Beziehungen nicht. Leider befindet sich die exponierte Forschungsstätte in der ebenso exponierten Einflugschneise des Hauptstadtflughafens, so dass der Lärm startender und landender Flugzeuge seine Ausführungen immer wieder unterbricht. „Sie müssen gar nicht nach oben schauen“, sagt er dann, „die Flugzeuge sind keine Gefahr“, gefährlich seien vielmehr „die Insekten hier unten“, die den angestrahlten Redner traktieren. Das Publikum schmunzelt, der Gast aber kann nur mühsam seinen Ärger unterdrücken.
Die Insekten überraschen Westerwelle. Auf bissige Fragen nach der deutschen Integrationsdebatte ist er dagegen vorbereitet, denn die indischen Zeitungen berichteten ausgiebig über das „Treffen der Parteijugend“ Angela Merkels in Potsdam, wo die Kanzlerin am Samstag auch der indischen Presse eine Schlagzeile lieferte: „Merkel: Multiculturalism has failed, absolutely“.
Der Versuch, „Multikulti“zu erklären
Indische Leitartikler verorteten die Diagnose des „absolut gescheiterten Multikulti-Ansatzes“ im Kontext eines allgemeinen populistischen, islamophoben Trends in Europa. Für eine Pressekonferenz am Mittag hat Westerwelle sich handschriftlich einige Worte dazu zurechtgelegt.
Am Abend wird er dann von einem indischen Germanistik-Professor der Germanistik aus dem Publikum zur Rede gestellt, der wissen will, was Deutschland, das doch gerade Fachkräfte suche, von seinen Einwanderern erwarte. Westerwelle ist bemüht, den vornehmlich älteren Zuhörern zu erläutern, was ein Deutscher meint, wenn er „Multikulti“ sagt. Das ist keine leichte Aufgabe in einem Land mit 23 Amtssprachen. Nein, sagt der Deutsche, es gehe nicht darum, dass Migranten ihre Kultur aufgeben müssten – aber die deutsche Sprache müssten sie schon lernen, und „unsere Werte“ müssten die Einwanderer auch akzeptieren, etwa dass Mann und Frau gleichgestellt seien.
Fragen nach der deutschen Einwanderungspolitik
Die polyglotte akademische Elite Indiens, die Westerwelle zuhört, weiß um die demographischen Probleme Europas ebenso wie um die Dynamik der eigenen Gesellschaft. Was hier also sagen über die Thesen des Thilo Sarrazin? Mit Fragen nach der deutschen Einwanderungspolitik wird dem Gast aus Deutschland der Spiegel vorgehalten – in China wird kein deutscher Außenminister auf die Lage der Minderheiten angesprochen.
Immer wieder hatte Westerwelle bei seinem Besuch in Delhi hervorgehoben, dass Indien die „weltgrößte Demokratie“ sei und beide Länder „gemeinsame Werte“ verbänden. Derlei schmeichelnde Worte sollten auch die (unausgesprochene) Verwunderung der Gastgeber darüber übertünchen, dass der deutsche Außenminister elf Monate brauchte, die nach China am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt zu besuchen.
Die politische Botschaft der Visite bleibt etwas unklar
War er nicht gleich zu Beginn seiner Amtszeit nach Peking geflogen – mit dem Berlin doch wohl weniger Werte verbinde? Hatte er nicht auch schon Zeit für eine Malta-Visite gefunden? Westerwelle antwortet auf derlei (laut gar nicht gestellte) Fragen in diplomatischer Weise, indem er sich demonstrativ Zeit nimmt. Zweieinhalb Tage bleibt er in Delhi und fliegt auf dem Hin- und auf dem Rückweg kein anderes Land an. Er betritt auf Socken die Jama Masjid, Indiens größte Moschee, erkundet barfuß einen Sikh-Tempel, wo er den Schrein des enthaupteten zehnten Gurus besichtigt, und besucht (komplett beschuht) das Grabmal des Großmoguls Humayun.
Jenseits dieses Ich-bin-jetzt-da bleibt die politische Botschaft der Visite indischen Beobachtern dennoch etwas unklar. Der Handel gedeiht zwar und hat die Krisenjahre gut überstanden. Aber was beide Länder politisch verbindet, lässt sich auch nach Westerwelles Besuch schwer in Worte fassen.
Differenzen über die indische Atompolitik
Jedenfalls mutet es verdächtig an, wenn am Ende politischer Gespräche mit Premier-, Außen- und Wirtschaftsminister allseits hervorgehoben wird, Indien könne in der dualen Berufsausbildung viel von Deutschland lernen. Anderes war wohl weniger erbaulich. Indien bewegt sich aus deutscher Sicht zu wenig in der Klimapolitik, was die Vorbereitung der Konferenz von Cancún erschwert. Die Atommacht hält zudem wenig von Westerwelles Abrüstungsrhetorik. Was solle das Insistieren auf dem Nichtverbreitungsvertrag und dem Teststoppabkommen denn, solange Amerika die indische Atompolitik fördert?
Indien fürchtet zudem, dass der Westen das unruhige Afghanistan in seiner Nachbarschaft schon bald in großem Durcheinander verlässt, doch Berlin kann mit Blick auf Washington nur erwidern, man sei gemeinsam reingegangen, man werde auch gemeinsam rausgehen. Und selbst, was das Bestreben nach einer Reform der Vereinten Nationen anbelangt, gibt es nur vordergründige Gemeinsamkeiten zwischen Berlin und Delhi.
Indien und Deutschland wurden vor gut einer Woche neben Brasilien für 2011/2012 als nichtständige Mitglieder in den UN-Sicherheitsrat gewählt. Gemeinsam mit Japan streben sie als „G 4“ ständige Sitze in dem Gremium an. Westerwelle vereinbart in seinen Gesprächen mit Premierminister Manmohan Singh und Außenminister Krishna eine enge Abstimmung. In Delhi ist die Meinung weit verbreitet, dass an Brasilien, Indien und wohl auch Südafrika früher oder später kein Weg vorbeiführe. Aber Deutschland? Ein demographisch und mittelfristig ökonomisch schrumpfendes Land?
Westerwelle kennt die indischen Zweifel und setzt deutschen Multilateralismus dagegen: Es gehe nicht um einzelne Länder, sondern um das Gewicht der Vereinten Nationen. Spiegelten diese nicht bald die wirkliche Weltordnung wider, liefen sie Gefahr, irrelevant zu werden und von Formaten wie der G 20 verdrängt zu werden, gibt Westerwelle immer wieder in Delhi zu Protokoll. Indien freilich steht den Militäreinsätzen nach Artikel VII der UN-Charta ohnehin ebenso reserviert gegenüber wie den Sanktionen gegen Iran. Der Wink mit der G 20 mag da nicht als Drohung aufgefasst werden. Doch Westerwelle wiederholt sein Plädoyer für die Vereinten Nationen so oft wie seinen Abrüstungsappell, als hoffe er, dass steter Tropfen jeden Stein höhlen könne.
Einmal kommt Westerwelle wenigstens indirekt mit dem anderen Delhi in Kontakt, der Hauptstadt des Entwicklungslandes Indien. Diese war rechtzeitig für die Commonwealth-Spiele von Sicherheitskräften gesäubert worden: Bettler wurden ebenso vor die Stadttore verbannt wie die heiligen Kühe, die sonst schon einmal den Verkehr lahmlegen. Bevor der Außenminister sich zu einer Diskussion mit Intellektuellen trifft, die ihm über die Lage der Frauen und die große Armut in der indischen Gesellschaft berichten, schreitet er (wiederum auf Socken) an der Seite einer Enkelin Mahatma Gandhis durch den Garten des Hauses, in dem der Freiheitskämpfer ermordet wurde. Er verstreut Rosenblätter an der Gedenkstätte. Es ist ein kurzer Moment des Innehaltens.
Bald danach wird er abermals in die Wirklichkeit zurückgeholt, diesmal wieder in die deutsche. Auch die Professoren, Schriftsteller und Publizisten sprechen ihn auf die Worte der Bundeskanzlerin an. Wiederum sucht er nach Erklärungen für das deutsche Wort Multikulti. Diesmal findet er sie: Nicht die tolerante Gesellschaft, die eine Vielfalt an Kulturen widerspiegele, sei das Problem, sondern das Motto: Alles ist erlaubt. „Wir sind eine offene Gesellschaft und wir wollen es bleiben.“ Darum verteidige er die westliche Werteordnung gegen Intoleranz. Diese Debatte finde in Wahrheit überall auf der Welt statt. Westerwelle betätigt sich in Indien als Übersetzer der Kanzlerin. Zu Hause ist das oft umgekehrt.
Was man in Deutschland und anderswo
Kerzenmacher Boris (zombie1969)
- 19.10.2010, 19:30 Uhr
Indische Kritik an Integrationsdebatte
Thomas Berger (tberger)
- 19.10.2010, 21:23 Uhr
Ein Minister in Indien
Rolf Mueller (raem)
- 19.10.2010, 23:33 Uhr
Imageschaden für unser Land ist durch Schönreden nicht aus der Welt zu schaffen
Klaus-Henning Bähr (henning_baehr)
- 20.10.2010, 00:27 Uhr
Schwarz/Gelb lebt es vor .....
bernd ullrich (demokrat2)
- 20.10.2010, 10:24 Uhr
