Home
http://www.faz.net/-gq5-15i5w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Westafrika Militärjunta übernimmt Macht in Niger

19.02.2010 ·  In Niamey, der Hauptstadt des Nigers, hat sich die Lage nach dem Putsch weitgehend entspannt. Die Militärjunta, die nach eigenem Bekunden das Land vor „Armut, Enttäuschung und Korruption“ schützen will, benannte Oberst Salou Djibo zu ihrem Präsidenten.

Von Thomas Scheen
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Nach dem gewaltsamen Militärputsch in Niger am Donnerstag haben die Putschisten einen „Obersten Rat für die Wiederherstellung der Demokratie“ gegründet, die Verfassung ausgesetzt, alle Verfassungsorgane aufgelöst und eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Alle Land- und Luftgrenzen des westafrikanischen Landes waren am Freitag geschlossen.

Präsident Mamadou Tandja, der bei den Gefechten am Donnerstag in Niamey gefangenen genommen worden war, wird seither in einer Kaserne rund 20 Kilometer außerhalb der Hauptstadt festgehalten. Zudem wurde nahezu das gesamte Kabinett, das sich kurz vor dem Angriff zu einer Sitzung im Präsidentenpalast eingefunden hatte, festgenommen.

Der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union (AU), Jean Ping, verurteilte den Staatsstreich und rief zur „Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung“ auf. Der regionale Staatenverbund der westafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (Ecowas) verurteilte den Putsch „genau so, wie wir den Verfassungscoup von Tandja verurteilt haben“, sagte ein Sprecher am Freitag.

Der 71 Jahre alte Tandja hatte im vergangenen Jahr die Verfassung geändert, um sich eine dritte Amtszeit zu sichern. Seither ist die Mitgliedschaft Nigers in der Ecowas suspendiert. Frankreich, ehemalige Kolonialmacht in Niger, verurteilte den Putsch ebenfalls und rief zum „Dialog“ auf. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin forderte die „Einstellung der Gewalt“. Speziell das Nachbarland Nigeria hatte Tandja zu einem Amtsverzicht und Neuwahlen gedrängt. Verhandlungen zwischen Emissären der Ecowas sowohl mit Tandja als auch der Opposition über eine Machtteilung waren in der vergangenen Woche endgültig gescheitert.

Französische Diplomaten ließen verlauten, sie hätten zwar von der Unzufriedenheit innerhalb der Armee wegen Tandjas Selbstherrlichkeit gewusst, aber nicht damit gerechnet, dass die Militärs so schnell putschen würden. Ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums sagte am Freitag, es liege auf der Hand, dass Tandjas Verfassungsänderung Auslöser für den Putsch war.

Lage weitgehend entspannt

Niger belegt im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen den letzten Platz unter 182 Nationen. Gleichwohl ist das Land der drittgrößte Uranproduzent der Welt. Im Januar vergangenen Jahres hatte der französische Konzern Areva ein Abkommen über die Ausbeutung der Mine von Imouraren geschlossen, der zweitgrößten der Welt. Einmal in Betrieb, würde Niger zum größten Uranproduzent der Welt.

Die Militärjunta, die nach eigenem Bekunden Niger vor „Armut, Enttäuschung und Korruption“ schützen will, benannte Oberst Salou Djibo zu ihrem Präsidenten. Salou ist Geschwaderkommandeur eines unter anderem mit Panzern und Artillerie bewaffneten Unterstützungsverbandes in Niamey. Als Sprecher der Junta war am Donnerstagabend im Staatsfernsehen Oberst Goukoye Abdoulkarim aufgetreten, begleitet von Oberst Dijibrilla Hima Hamidou, dem Kommandeur des „Wehrbezirkes eins“, dem mit Abstand größten des Landes.

Hima Hamidou hatte schon beim Militärputsch in Niger 1999 eine prominente Rolle gespielt. Damals war Präsident Ibrahim Baré Mainassara, der selbst mit einem Putsch an die Macht gekommen war, von der Armee ermordet worden. Acht Monate später hatten die Militärs Wahlen organisiert, die Tandja gewinnen konnte, und die Macht an eine zivile Regierung zurückgegeben. Die neue Junta ließ bislang nichts über mögliche Neuwahlen verlauten.

In Niamey hatte sich die Lage am Freitag weitgehend entspannt. Augenzeugen berichteten zwar von Panzern vor strategisch wichtigen Gebäuden. Ansonsten aber hätten die meisten Geschäfte geöffnet und auch der Verkehr auf den Straßen habe sich wieder normalisiert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr 3