30.07.2009 · Nicht westliche Politiker, die Träger des Regimes haben Persiens Bild verdunkelt. Denn um vom eigenen Versagen abzulenken, brauchen die Herrschenden diese Anschuldigungen als Rechtfertigung.
Von Wolfgang Günter LerchDer Westen sei an allem schuld, was Iran widerfahre, er mische sich ständig ein und wolle überhaupt dem Islam schaden, ja, ihn „vernichten“. Und er zeichne ein falsches Bild von Iran.
Diese verschwörerische Suada gehört zum Repertoire und Vokabular jener, die seit nun drei Jahrzehnten der Islamischen Republik Iran vorstehen, ihre Innen- wie Außenpolitik bestimmen und nun offenbar - gezwungen durch die nach den Wahlen vom 12. Juni hervorgerufene oppositionelle Gärung - tiefer gespalten sind denn je.
Neue Töne Obamas
Zum Westen werden auch „die Zionisten“ gerechnet und als Feindbild beständig beschworen, nicht erst von Staatspräsident Mahmud Ahmadineschad.
Dass „der Westen“ in der Vergangenheit politisch große Fehler gemacht hat gegenüber Iran, ist längst von seinen eigenen Historikern festgestellt, belegt und beklagt worden. Und der amerikanische Präsident Obama hat mit voller Absicht zunächst einmal andere Töne als sein Vorgänger gegenüber Iran und den Muslimen angeschlagen.
Aus Teheran kam jedoch das Altgewohnte, weil das Regime diese Anschuldigungen als Rechtfertigung braucht. Sie sind sein Lebenselixier. Es wird aber die Zeit kommen, in der man penibel und mit Belegen feststellen wird, in welcher Weise die „islamischen Revolutionäre“, die Mullahs und Ajatollahs, sofern sie dieses Regime tragen (es gibt auch andere, die dem politischen Ränke- und Machtspiel von Anfang an abhold waren und sich weise fernhielten), durch ihre Politik und schriffen Worte dem Ansehen Irans in der Welt geschadet haben. Ahmadineschads Holocaust-Leugnung setzt dem Ganzen nur die „Krone“ auf.
Schlechtes Bild von Herrschenden geprägt
Denn traditionell hatte auch der Westen von Iran ein viel positiveres Bild, als das nun seit vielen Jahren der Fall ist. Iran galt als ein Land, ja als ein kultureller Kosmos, dem gerade der Westen viel zu verdanken hat; und in den vergangenen Jahrzehnten hat die Altertumswissenschaft mehr denn je herausgearbeitet, wie groß der Anteil Persiens an der antiken, vornehmlich griechischen Kultur in Wirklichkeit gewesen ist.
Minderwertigkeitskomplexe, wie sie Präsident Ahmadineschad immer dann offenbart, wenn er die iranische Position überhöht, braucht ohnehin kein Iraner zu haben. Das antagonistische Bild, das der große altgriechische Dramatiker Aischylos, aus damals verständlichen Gründen, von Griechen und Persern zeichnete, ist längst relativiert worden; nicht nur Iranisten haben das Image des „alten Persien“ aufgebessert. Es standen damals, bei Marathon im Jahre 490 vor Christus, nicht „Zivilisation“ gegen „Barbarei“; das Verhältnis beider Mächte, der zahlreichen griechischen Poleis und der Achaimeniden-Dynastie, die das erste Weltreich der Geschichte beherrschte, war äußerst komplex.
Doch auch der persische Islam hat später eine großartige Kultur hervorgebracht, die im Westen Bewunderung hervorrief, gerade auch in ihrer schiitischen Variante. Wenn heute von Iran ein Eindruck vorherrscht, das geistige Leben dort sei - mit Ausnahme vielleicht der Filmkunst - durch Dogmatismus geprägt, halbwegs eigenständige Geister seien ständig von Schlägertrupps, Richtern und Gefängnissen bedroht, dann liegt das an jenen, die das Land seit 1979 beherrschen. Insofern hatte Ajatollah Montazeri schon 1989 das Richtige gesagt, als er erklärte, das Ausland müsse von Iran angesichts der Hinrichtungen, die damals exzessiv stattfanden, ein verheerendes Bild bekommen. Er wurde daraufhin politisch kaltgestellt.
Andere iranische Werte
Die iranische Kultur hingegen steht für andere Werte. Zarathustra entwickelte die Prinzipien von Gut und Böse. Ehrlichkeit und Tapferkeit sind die Tugenden, von denen das „Schahname“ (Königsbuch) handelt, das Nationalepos der Iraner aus der Feder des großen Dichters Abol Qasem Ferdousi. Es entstand ungefähr zur selben Zeit, da auch der Arzt, Philosoph und Weltweise Abu Ali Ibn Sina (Avicenna) seine epochalen Werke über Medizin und Philosophie schrieb. Aristotelische und neuplatonische Gedanken gelangten durch Übersetzungen über diesen Perser in die christlich-europäische Kultur.
In den Jahrhunderten danach hat Iran sich als das herausragende Kulturvolk der islamischen Welt dargestellt, dessen Dichtung und Miniaturmalerei, dessen Musik die übrigen islamischen Völker beeinflusst und geprägt hat. Am meisten war dies im Osmanischen Reich festzustellen, dessen Kunst ohne die iranischen Vorbilder nicht entstanden wäre. Die Miniaturen des türkischen Hofmalers Levni sind ohne das Vorbild von Meister Behzad aus Herat (heute Afghanistan) nicht vorstellbar.
Und die osmanische Ghaselen-Dichtung eines Baki und Fuzuli im 16. Jahrhundert fußt auf Vorbildern aus Persien: Hafis und Saadi. Auch am indischen Mogulhof haben persische Sprache und Kultur noch bis in das 18. Jahrhundert hinein gewirkt. Der Kanon der Medizin von Avicenna war bis in das 17. Jahrhundert Lehrstoff an europäischen Universitäten. Montesquieus „Persische Briefe“ zeugen noch vom Respekt vor der fremden Kultur. Und das für den Westen noch kaum erschlossene Denken des Lichtmetaphysikers Schihab al Din Suhrawardi findet den Weg an amerikanische Universitäten.
Tugendterror neuen Ausmaßes
Das Verhältnis zwischen den schiitischen Gläubigen und den Mullahs war oft ambivalent. Aber hasserfüllt war es nie. Das haben bei Teilen der Bevölkerung, die sich der Religion innerlich entfernt haben, erst diejenigen geschafft, die in den letzten dreißig Jahren glaubten, herrschen zu müssen, anstatt als moralische Instanz zu agieren. Man machte früher hier und da Witze über die Mullahs, Dichter attackierten jene unter ihnen, die man als Heuchler empfand (nicht zuletzt Hafis tat das); doch genossen viele Religionsgelehrte auch hohes Ansehen. Auch das vormoderne Iran war konservativ, islamische Sitten mussten eingehalten werden, doch einen Tugendterror, wie ihn seit der Revolution die irregulären Tugendwächter der Moschee-Komitees oder die Bassidschi in unregelmäßigen Abständen ausüben, war in dieser Form unbekannt. Im Gegenteil: Es gab Perioden in der jüngeren Geschichte Irans, da die Mullahs auch einmal fünf grade sein ließen. Man lese alte Reiseberichte - von Olearius und Chardin bis Tavernier -, und man wird erstaunt sein über das gelegentliche Ausmaß an Toleranz; man hatte sich arrangiert.
Eine Schlüsselzeit für Iran war das 19. Jahrhundert, eine Zeit der Dekadenz zweifellos. Das Land konnte unter anderem auch deshalb so leicht zum Spielball äußerer Mächte (Großbritannien, Russland) werden, weil es eine geistige Erneuerung verweigerte. Spirituelle Bewegungen, die den schiitischen Islam hätten modernisieren und reformieren können, wurden niedergeschlagen - in einer leider unheilvollen Allianz von Qadscharen-Dynastie und Religionsgelehrten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts misslang der Versuch des Kronprinzen Abbas Mirza, durch Eroberungen von Russland vormals persisch beherrschte Territorien zurückzuerlangen; und in der zweiten Hälfte gelang es dem bedeutenden Staatsmann Mirza Taqi Khan, genannt Amir Kabir, nicht, seine reformerischen Visionen zur Gänze zu verwirklichen.
Im 20. Jahrhundert versuchte Iran, dies nachzuholen, in der konstitutionellen Bewegung (1905-1911), in der auch etliche Geistliche eine Rolle spielten, dann unter den autokratischen Pahlawi-Kaisern (1926-1979), die - zuletzt unter Mohammad Reza Pahlawi - vom amerikanischen Verbündeten nur das Militärische und manche Unsitte übernahmen, schließlich unter den islamischen Revolutionären mit ihrer religiösen Diktatur unter schein- oder halbdemokratischem Mäntelchen. Iran ist heute ein Staat, in dem moderne, technisch-industrielle Errungenschaften sich mit einem Gesellschaftsmodell stoßen, das viele Iraner als unzeitgemäß empfinden. Das gilt freilich auch für etliche der Nachbarstaaten Irans, teilweise sogar noch mehr.